Zum Hauptinhalt springen

Der Abstieg ist machbar

Wenn grosse Köpfe rollen und Konzerne kollabieren, gibt es Schlagzeilen. Kleinbetriebe und Berufsleute in unteren Chargen scheitern meist lautlos.

Unter einer Karriere stellen wir uns eine stete Aufwärtsbewegung vor. Dass jederzeit auch mit dem Scheitern zu rechnen ist, wird verdrängt. Doch in der modernen Wirtschaftswelt sind Umbruchsituationen so häufig geworden, dass ein Karriereknick überhaupt nichts Aussergewöhnliches mehr ist. Für die davon Betroffenen ändert diese Beurteilung aus der Vogelperspektive allerdings nichts, eine Entlassung, ein Konkurs, eine Rückstufung oder nur schon eine Nichtbeförderung können zur persönlichen Katastrophe werden.

«Wir haben nichts für Sie.» Diese Worte seines ehemaligen Chefs hatte der Journalist und Ausbildner Hans Ruoff noch lange in den Ohren. Als heute Selbstständiger hat er in einem Buch Leute porträtiert, die absteigen mussten: Die Inhaberin einer Modeboutique, die Konkurs anmelden musste, den Chefredaktor, der nach einem Zusammenbruch wieder als gewöhnlicher Redaktor arbeitet (mit halb so viel Lohn und überhaupt keinen Weisungsbefugnissen mehr), den Manager, der eines Abends per Mail erfuhr, anderntags habe er seinen PC und den Zutrittsbadge abzugeben. Ruoff beschreibt keine Top-Traumkarrieren, sondern den soliden Aufstieg tüchtiger Mittelständler – und den brüsken Fall.

Billige Ratschläge helfen nicht

Die Reaktionen auf die Katastrophe sind oft Wut, Trauer, Verzweiflung. Manche werden krank (Burnout ist nicht einfach ein modischer Begriff für Leute ohne Lust zum Arbeiten), andere verbeissen sich in Racheaktionen oder reden sich ein, jetzt könnten sie den Traum von der eigenen Trattoria in der Toscana verwirklichen. Scheitern wird als persönliches Versagen empfunden, der Spruch «Scheitern ist eine Chance» als billiges Schlagwort.

Ruoff gibt keine wohlfeilen Ratschläge. Er stellt die konkreten Fälle dar und schildert erfolgversprechende Strategien, wie erfahrene Outplacement-Berater sie verfolgen. Im Kern geht es dabei immer darum, dass die Betroffenen ihre Situation nüchtern betrachten lernen und mit grosser Anstrengung einen Neustart in die Wege leiten. Dazu gehört unter Umständen die Einsicht, dass man seinem Job nicht gewachsen war. Dazu gehört manchmal, dass man auf zermürbende Rechtsstreitigkeiten mit ungewissem Ausgang verzichtet und dem alten Arbeitgeber in gewissem Sinne verzeiht.

Das kleine Buch ist aufschlussreich, weil es einen Einblick in Berufssituationen gibt, die gerne schamhaft totgeschwiegen werden. Und die doch jedem Angestellten jederzeit blühen können. Die Aufmerksamkeit gehört sonst den Aufsteigern, den Gescheiterten geht man aus dem Weg. Hier lernt man Menschen kennen, die mit der schwierigen Situation fertig wurden – wenn auch nicht ohne Mühe.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch