Die Last mit der Lust

Während manche Frauen allein durch Fantasien einen sexuellen Höhepunkt erleben können, kommen andere selbst mithilfe körperlicher Stimulation nicht in dessen Genuss. Nichts scheint unberechenbarer als der weibliche Orgasmus.

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Belgische Sexualforscher sollen herausgefunden haben, dass man einer Frau an der Gangart ansehen kann, ob sie selten oder häufig zum Orgasmus kommt. Je energischer und zügiger die Frau geht, desto erfüllter ihr Sexleben; je schlaffer und versteifter der Schritt, desto seltener die Orgasmen.

Was für eine fiese Studie, die das persönliche Sexualleben erkennbar machen will! Fällt es vielen Frauen doch schon im engsten Vertrauenskreis schwer, Intimstes preiszugeben. Überhaupt scheint die Theorie etwas gar weit hergeholt: Schenkt man nämlich jenen Untersuchungen mehr Glauben, wonach zusammengefasst lediglich rund 30 bis 60 Prozent der Frauen überhaupt je einen Orgasmus erlebt haben, müssten doch eigentlich weit mehr verklemmt gehende Frauen anzutreffen sein.

Wie dem auch sei: Die Auseinandersetzung mit dem weiblichen Orgasmus ist weit komplexer als das, was uns besagte Studie weismachen will. «Die sexuelle Erregbarkeit von Frauen ist individuell und situativ sehr viel variabler als beim Mann», sagt Stefan Schmid, Sexualmediziner und Spezialarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe in Rheinfelden AG. Während der Orgasmus beim Mann in der Regel allein durch Stimulation der primären Geschlechtsorgane ausgelöst wird und sich ganz einfach durch einen Samenerguss zu erkennen gibt, ist der weibliche Höhepunkt viel weniger steuerbar.

So kann eine Frau beispielsweise mithilfe von Partner- oder Selbststimulation, aber auch allein durch Fantasien zum Orgasmus kommen. Und an anderen Tagen bleibt der Orgasmus trotz körperlicher Stimulation und erotischen Gedanken vollständig aus.

Dass Frauen nur selten einen Orgasmus erleben, ist ein bekanntes Phänomen. Manche sagen gar, sie hätten die Erfahrung überhaupt noch nie machen können. Dass sich nicht automatisch jeder Geschlechtsakt mit einem wohltuenden Höhepunkt krönen lässt, ist vielseitig zu begründen. «Die situative Störanfälligkeit des weiblichen Orgasmus ist stark ausgeprägt», nennt Stefan Schmid eine mögliche Erklärung dafür.

Und spricht von lästigen Gedanken, Geräuschen, sexuellem Leistungsdruck oder einer ungeeigneten Lokalität als Faktoren, die die erforderliche Gelöstheit negativ beeinflussen können. Die Frauen selbst schieben die Schuld an reduzierter Lust und Orgasmusfähigkeit nicht ungern auf die Hormone. Doch laut Stefan Schmid sind Orgasmen grundsätzlich in jedem Zyklusabschnitt möglich und zumindest von Geschlechtshormonen nur bedingt abhängig. Störungen des Schilddrüsenhormonstoffwechsels und auch andere Stoffwechselstörungen, die sich hormonell auswirken, können das Lustempfinden allerdings beeinträchtigen.

Nicht ganz einig ist sich die Wissenschaft über den Zweck des weiblichen Orgasmus. Beim Mann dient er, abgesehen vom körperlichen Hochgefühl, ganz klar der Fortpflanzung. Zwar, so Stefan Schmid, habe auch der weibliche Orgasmus die Funktion, die Gebärmutter aufzurichten, den Muttermund dadurch in den durch die männliche Ejakulation produzierten «Samensee» zu tauchen und die Spermien mittels Kontraktionen in die Gebärmutter zu saugen. Tatsache ist aber, dass eine Frau dennoch nicht zwingend zum Orgasmus kommen muss, um schwanger zu werden. Der Höhepunkt ist also viel mehr ein «Zückerli» als eine biologische Notwendigkeit – ein Sahnehäubchen auf dem Sexualakt!

Vielleicht hilft dieser Gedanke jenen Frauen, die nur selten zum Orgasmus kommen und sich deshalb unter Druck setzen, die Sache genüsslicher anzugehen. Und die Chance auf einen orgasmischen Höhepunkt durch das Wissen um die Ungezwungenheit zu erhöhen.

Auch ohne Höhepunkt schön

Für manche Frauen hat der Orgasmus längst an Wichtigkeit verloren. «Eine nicht kleine Zahl von Frauen geniessen ihre Sexualität auch, ohne selbst zum Höhepunkt zu kommen», sagt Sexualmediziner Stefan Schmid. Schwierig wird es zuweilen, dem Partner diese Form der «Anspruchslosigkeit» schmackhaft zu machen. Ihn davon zu überzeugen, dass das Liebesspiel andere befriedigende Seiten bereithält. Denn für viele Männer ist der gemeinsame Orgasmus das Mass aller Dinge. Und das weibliche «Kommen» zugleich eine Art Trophäe für die eigenen sexuellen Leistungen.

So bleibt jenen Frauen, die nur schwer zum Orgasmus kommen, oft nur ein Ausweg. Um unangenehmen Diskussionen vorzubeugen oder einem verkrampften Liebesspiel ein Ende zu setzen, täuschen sie die Ekstase vor. Sie selber haben nichts davon – und die Männer im Grunde noch viel weniger. Deshalb führt regelmässiges Vortäuschen in einer Beziehung früher oder später zu noch mehr Verkrampftheit. Keine Frau will ihrem Mann nach Jahren des Vortäuschens gestehen, dass sie in Wahrheit kaum zum Orgasmus kommt.

Bleibt also noch die Frage, wie sich die Erregtheit erhöhen und Orgasmen besser herbeiführen lassen. Und da gibt es durchaus lustvolle Tipps und Hilfsmittel (siehe Box).

Berner Zeitung

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