Mit dem Bentley auf die Piste

In Disentis wird der Zai gefertigt, der edelste Ski der Welt. Für Firmengründer Simon Jacomet ist die Suche nach Perfektion nie zuende.

Blick in die Werkstatt: Ein Mitarbeiter schleift und fräst nach dem Pressvorgang das überflüssige Material weg. Fotos: Nicola Pitaro

Blick in die Werkstatt: Ein Mitarbeiter schleift und fräst nach dem Pressvorgang das überflüssige Material weg. Fotos: Nicola Pitaro

Ulrike Hark@tagesanzeiger

Ein bisschen besessen sind sie schon, die Männer von Zai – getrieben von der Idee, nicht nur die edelsten, sondern auch die allerbesten Ski der Welt zu machen. In Disentis tüftelt Firmengründer und Designer Simon Jacomet seit elf Jahren mit seinen Leuten daran. Er hat Kunst und Architektur in Florenz studiert, war später Skirennfahrer und einer der Ersten, welche das Carven in der Schweiz publik machten.

Jacomet hat auch Skilehrer ausgebildet und Ski für Völkl und Salomon entwickelt. Aber die Massenproduktion mit ihren ökonomischen Sachzwängen war nicht seine Sache. «Ich habe gemerkt, dass die Bedürfnisse der Kunden nicht an erster Stelle stehen», sagt er beim Espresso im kleinen Werkstattbüro. Denn Jacomet ist vor allem eines: begeisterungsfähiger Erfinder. Bei seinen Experimenten ist er genauso zäh, wie seine Ski auf Rätoromanisch heissen (zai = zäh). Jedes Jahr überrascht der kreative Kopf die Fans mit einer neuen Innovation; diesen Winter ist es der Scadin, ein rassiger Ski für Könner und eine Weltneuheit mit seiner Oberfläche aus gepresstem Filz.

Filz für Ski? Es ist das Markenzeichen der Manufaktur in der Surselva, dass sie hochwertige Natur- und High-Tech-Materialien auf einzigartige Weise kombiniert. Extrem leichtes, stabiles kanadisches Zedernholz für den Kern, edles Nussbaumfurnier, Naturkautschuk oder Stein werden in Handarbeit mit Stahl und Carbonverbundstoffen zusammengeführt, bis die gewünschte Fahrleistung erreicht ist. Hoch raffiniert ist das, und Zai gilt denn auch als inoffizielles Testlabor der Skibranche. Und alle, die meinen, in einem Ski steckten lediglich ein Holzkern, Metall und etwas Glasfaser, werden eines Besseren belehrt.

Nur 800 Paar pro Jahr

Einige Ideen werden auch wieder verworfen. Diejenige mit dem Filz hatte Jacomet schon vor Jahren, aber erst jetzt passen Material und Technologie zusammen. «Filz hat hervorragende Dämpfungseigenschaften, was für eine grosse Fahrruhe sorgt», sagt er und fährt mit der Hand über die glatte, versiegelte, graue Oberfläche, die optisch sympathisch-wollig wirkt. «Zudem kann die Fläche, wenn sie mit der Zeit verkratzt ist, immer wieder aufgearbeitet werden.» Normale Ski werden auf der Fahrseite aufgefrischt, Zai-Ski können beidseitig überholt werden und sehen deshalb immer schön aus. Auch dank der robusten Oberkante aus Stahl, die Stösse und Kratzer abwehrt.

Klar hat die Sache ihren Preis, wenn nur das Beste gut genug ist und lediglich 800 Paar Ski pro Jahr gebaut werden: Das Einsteigermodell kostet 3300 Franken; das teuerste, die Special Edition für Bentley mit der Oberfläche aus stossdämpfendem Naturkautschuk, ist für 10 000 Franken zu haben. Punkto Handwerkskunst kommen Kennern bei soviel Raffinesse vermutlich die Tränen: Das dekorative Rautenmotiv aus rostfreiem Stahl zieht sich über den ganzen Ski und verteilt dabei die Torsionskräfte.

Kann ein durchschnittlicher Skifahrer den Mehrwert spüren? Jacomet stellt einen Vergleich an: «Sie kommen sowohl mit einem Skoda wie mit einem Mercedes gut und sicher von Disentis nach Davos. Dennoch gibt es viele Unterschiede. Bei uns liegen sie im Material und in der Technologie.» Ein Massenski hat nach 30 Tagen Fahren rund 25 Prozent seiner Spannung eingebüsst, ein Zai-Ski nach 100 Tagen höchstens 5 Prozent. Ein Massenski hält, wenn er viel gefahren wird, zwei Saisons, ein Zai dagegen mindestens sieben Jahre. Die Kosten für die hochkarätigen Materialien und die handwerkliche Arbeit sind bei Zai rund zehnmal höher als bei konventionellen Ski. Ein solches Modell geht in 30 Minuten vom Band, ein Zai braucht sechs bis zehn Stunden.

Bei allem Aufwand, der in Disentis getrieben wird, sind die Ski extrem leicht und im Design erfrischend schlicht. Bei manchen Modellen braucht es allerdings etwas Mut. Mit dem Laisa möchte man vielleicht nicht unbedingt an der Gondel in der Schlange stehen. Seine Schaufel ist vorn stark verjüngt wie eine lange Zunge, er spurt sich quasi im Tiefschnee seine eigene Spur und ist deshalb in frisch verschneitem Gelände besonders führig. Zudem wird durch die starke Verjüngung Gewicht gespart.

Noch in den roten Zahlen

Simon Jacomet testet seine Bretter am liebsten gleich selber, aber auch alle 15 Mitarbeiter kommen aus der Region und sind passionierte Skifahrer. In der Werkstatt, die an manchen Ecken einem Hightech-Labor ähnelt und an anderen einem knorrigen Handwerksbetrieb, wird mit konzentriertem Furor gearbeitet. In der eigens entwickelten Presse, auf welcher der sogenannte Vorspann auf Hundertstelmillimeter genau eingestellt wird, steckt gerade ein Spada – der einzige Ski weltweit mit einem durchgehenden Granitkern. Auch wieder so eine Idee. Das bricht doch!, denkt man, wenn man von der Seite in die grau-grüne, steinerne Innenschicht des Spada schaut. Tut es nicht, «Granit dämpft Stösse beim Fahren hervorragend», sagt Jacomet.

Fehlt bei allem ideellen Anspruch noch der wirtschaftliche Erfolg. Zai schreibt immer noch rote Zahlen, «in den letzten Jahren haben wir viel Geld in die Herstellung unserer Spezialmaschinen gesteckt», erklärt Jacomet. Der kleine Kreis von Investoren der Zai AG hat Geduld, aber wohl nicht ewig. «Ich möchte auch selber nicht jahrelang Geld in ein Projekt stecken, sondern irgendwann etwas dabei verdienen.»

Ein Zeichen dafür, dass es dem Tüftler ernst ist, dürfte auch Benedikt Germanier sein. Der ehemalige UBS-Banker ist seit ein paar Jahren Chef der Firma und ist sich dabei nicht zu schade, die Händler landauf, landab zu besuchen und mit der Zai-Passion anzustecken, mit dem Argument von Handwerkskunst und Qualität. Zai experimentiert auf höchstem technischen Niveau in einem umkämpften Markt, auf dem Ski immer mehr nur gemietet werden. «Wir sind ein globaler Nischenanbieter» sagt Germanier, «aber wir sind noch zu wenig bekannt.» Das Hauptaugenmerk liegt derzeit auf dem amerikanischen Markt. Ein wichtiger Händler an der Westküste, der die grosse Passion für das Besondere teilt, hat bereits zugesagt.

www.zai.ch

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