Können sich Menschen ändern?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktorinnen und Redaktoren die am häufigsten gegoogelten Fragen.

Bin ich wirklich die, die mich im Spiegel anschaut?

Bin ich wirklich die, die mich im Spiegel anschaut?

(Bild: Getty Images)

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Diese Frage ist zweideutig: 1. Ändern sich Menschen überhaupt? 2. Können sie das bewusst steuern? Die erste Frage lässt sich mit einiger Sicherheit bejahen. Denken Sie bloss einmal an Ihre Kinder- und Jugendtage zurück: Sind Sie wirklich der Junge auf der vergilbten Fotografie oder das Mädchen im Schwarzweissfilm?

Es bestehen zumindest starke Zweifel daran, dass so etwas wie Identität ein Leben lang gleich bleibt. Plausibler scheint vielmehr, dass man sich im Laufe der Zeit ändert und wandelt.

Komplizierter ist die zweite Frage – nämlich, ob Menschen sich bewusst ändern und etwa entscheiden können, von nun an in eine andere Richtung zu gehen als bisher. Können sie sich selbst einen Ruck geben und das Ruder herumwerfen – ganz so, wie es viele Ratgeber leichthin empfehlen?

Es geht hierbei nicht darum, ob sich jemand entschliesst, mit dem Rauchen aufzuhören oder mehr Sport zu treiben. Zu solchen Willensentscheidungen sind wir ja durchaus in der Lage. Die Änderungen, von denen hier die Rede ist, sind grundsätzlicher Natur.

Es kommt ja immer wieder vor, dass man jemanden trifft, der von sich sagt, er habe sein Leben grundlegend verändert. Der Haken daran ist bloss: Ausser ihm stellt das niemand sonst fest. Der Mensch ist so flexibel, dass er an alles Mögliche zu glauben imstande ist – Hauptsache, es geht ihm besser oder sein Ansehen vor den anderen wächst dadurch.

Zur Hebung dieses Ansehens existiert ja eine eigentliche Beratungsindustrie: von der Religion über die Psychoanalyse bis zur Kosmetik. Gegen gutes Geld wird einem weisgemacht, dank bestimmter Einsichten oder Essenzen ein anderer werden zu können.

Der Prozess ist dann geglückt, wenn der Betroffene selbst daran glaubt, dass mit ihm eine charakterliche Veränderung vor sich gegangen ist, die er gewollt und bewirkt hat. Aber bei diesen Wandlungen des Ich muss man Vorsicht walten lassen: Sie schmeicheln zwar dem Ego, so etwas zustande gebracht zu haben, sind aber bei Lichte betrachtet bloss oberflächliche Retuschen des lädierten Selbstbildes.

Aus all diesen Gründen neige ich dazu, die Frage, ob sich Menschen bewusst ändern können, nur mit Vorbehalt zu bejahen. Denn es spielen viele unbewusste Faktoren mit, die diese bewusste Intention unterlaufen und sabotieren.

Es scheint also eher so zu sein, dass die Umwelt, in der sich ein Mensch bewegt, mehr an ihm verändert, als er selbst dazu in der Lage wäre.

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