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Im Fernen Osten Europas

Neben Marseille ist Kosice, die zweitgrösste Stadt der Slowakei, europäische Kulturhauptstadt 2013. Inmitten sozialistischer Plattenbauten findet sich hier eine Altstadt mit österreichisch-ungarischem Charme.

Geschichte trifft auf Schwerindustrie: Die ostlowakische Stadt Kosice ist europäische Kulturhauptstadt 2013. (17. Januar 2013)
Geschichte trifft auf Schwerindustrie: Die ostlowakische Stadt Kosice ist europäische Kulturhauptstadt 2013. (17. Januar 2013)
AFP

Den Geist der alten Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik findet man im alten jüdischen Viertel, gleich neben der Bar Smelly Cat und schräg gegenüber der orthodoxen Synagoge. In dem jüdischen Gotteshaus stellt Viktor Sefcik seine Werke aus. Sefcik hat in New York gelebt, in Italien und an ein paar anderen Orten der Welt, aber schliesslich ist er doch zurückgekommen ins heimische Kosice.

«Die Hauptstrasse» habe er in der Fremde am meisten vermisst, sagt er leise nach einigem Überlegen. Der 50-jährige grosse, kräftige Mann mit dem grau gewordenen Bart und der Halbglatze schlägt sich als Maler durchs Leben – bescheiden zwar, aber er findet doch immer wieder Käufer für seine leuchtend-bunten Bilder, die an die Werke Pablo Picassos und die Kunst der Expressionisten der 20er-Jahre erinnern. In dieser Mischung hat er seinen eigenen Stil gefunden. Sefciks rebellische Zeit lag vor der Wende 1989. Damals protestierte er gegen die sozialistische Diktatur, die das Land nach dem Ende des Prager Frühlings fest im Griff hatte. Mit einigen alten Künstlerfreunden hat er den Verein C+S Art gegründet. Ihr Ziel: Kunst, Kultur und die Wiedervereinigung mit Tschechien. Früher, sagt Sefcik, sei es für die Kunst besser gewesen.

Von den alten Zeiten träumen auch Gäste der Kneipe nebenan. Unter Plakaten aus der DDR, Lenin-, Marx- und Dubcek-Porträts und tschechoslowakischen Fahnen spielen alte Herren Karten. Andere starren in ihre Biergläser oder unterhalten sich mit den wenigen jüngeren Gästen.

Einst eine reiche Handelsstadt

Bis 1918 war das damals habsburgische Kaschau eine reiche Bürger- und Handelsstadt am Nordrand des grossen ungarischen Königreichs. Nach dem Ersten Weltkrieg verteilten dann die Siegermächte den grössten Teil Ungarns an die neuen Nachbarländer: Transsylvanien wurde rumänisch; weite Teile des Südens fielen an Jugoslawien; der Norden mit seinem Zentrum Kosice gehörte von nun an zur Tschechoslowakei. Lange hat es gedauert, bis die österreichisch-ungarische Bürgerstadt dort heimisch wurde. Noch heute ist Ungarisch neben Slowakisch Alltagssprache. In die slowakische Hauptstadt Bratislava ist es von hier fast doppelt so weit wie nach Budapest.

In seinen Romanen wie den «Bekenntnissen eines Bürgers» beschreibt der 1900 in Kaschau geborene Schriftsteller Sándor Márai, wie die gut situierten Familien der Stadt die Slowaken nur als Bauern oder Dienstboten erlebten. In den gehobenen Kreisen sprach man Deutsch oder Ungarisch, orientierte sich nach Budapest und Wien. Zeit seines Lebens bezog Márai Inspiration aus der Heimatstadt, die er mit 15 verlassen hatte. Kosice dankt ihm die Verbundenheit mit einem Museum, das in einer stimmungsvollen Installation Filme, Manuskripte, Fotos und seinen original erhaltenen Schreibtisch samt Schreibmaschine zeigt. Im Sándor-Márai-Haus finden Lesungen und Workshops statt.

Der Flair der Monarchie

Zu spüren ist das Flair der untergegangenen k. u. k. Monarchie entlang der Hauptstrasse mit ihrem grossen, reich verzierten Opernhaus, der Kathedrale, dem klassizistischen Bischofssitz, einigen Jugendstilbauten und den alten Kaffeehäusern. Über die gut einen Kilometer lange Hlavna Ulica zogen einst Pferde die Strassenbahn. Die Schienen liegen noch im Strassenpflaster, auf dem Touristen, Einkaufsbummler und die Studenten der drei Universitäten flanieren.

Der real existierende Sozialismus hat um die komplett erhaltene Kosicer Altstadt einen dicken, schweren Ring aus Plattenbauten gelegt. Die Prager Planer verordneten der Stadt im fernen Osten – nahe der Grenze zum grossen Bruder Sowjetunion – ein gigantisches Stahlwerk. Kosice musste möglichst schnell Wohnraum für die Arbeiter und ihre Familien schaffen. So entstanden in wenigen Jahren Wohnblöcke für 50'000 Menschen. Inzwischen gelten die renovierten Betonkästen als beliebte, innenstadtnahe Wohnquartiere. Auf Grünflächen rosten abstrakte Skulpturen vor sich hin. In den frühen 70er-Jahren verschönerten Künstler auch aus dem westlichen Ausland die Parks auf Einladung der Stadt.

Einzig das Neubauviertel Lunik IX verrottet undekoriert. Einst siedelten Stadt und Zentralregierung hier neben den Roma Polizisten und Mitarbeiter der Staatssicherheit an. Inzwischen wohnen in den verfallenden, rotbraunen Betonklötzen fast nur noch Roma. Wer es sich leisten kann, ist weggezogen. Zurück bleiben Grossfamilien mit zehn und mehr Mitgliedern, die in Zwei- oder Dreizimmerwohnungen hausen. Viele Fenster fehlen, Heizungen funktionieren nicht. Von den Wänden bröckelt der Beton.

Kultur im Heizkraftwerk

«Die Stadt hat sich zwanzig Jahre lang um nichts gekümmert», kritisiert Blanka Berkyova, eine der wenigen Roma, die sich aus dem Teufelskreis von Armut, fehlender Bildung und Arbeitslosigkeit befreit hat. Für die Kulturhauptstadt 2013 leitet die 37-jährige Landschaftsarchitektin das Projekt Spots für Bürgerbeteiligung und Quartierentwicklung. In den Umbau von sechs alten Heizkraftwerken zu Kulturzentren haben Stadt und Europäische Union mehr als eine halbe Million Euro investiert. Nachbarn kommen zu Sportturnieren, Kuchenback-Wettbewerben, Theater-, Näh- und Malworkshops. Gruppen bauen aus alten Möbeln neue Einrichtungsgegenstände. Künstler bemalen gemeinsam mit Anwohnern graue Fassaden und bestücken Kunstausstellungen in den Quartierzentren. Anfangs hatten Blanka Berkyova und ihre Mitstreiter alle Mühe, die Anwohner für die neue Quartierkultur zu gewinnen. «Wir haben an den Wohnungstüren geklingelt und uns persönlich vorgestellt, Schulklassen zu Workshops eingeladen und unsere Kontakte in den Stadtteilen genutzt», erzählt sie. Inzwischen sind die Veranstaltungen gut besucht.

Besonders stolz ist die umtriebige Kulturmanagerin auf ihr Projekt «Journey to the Unknown», die Reise ins Unbekannte: Einheimische recherchieren mit Unterstützung des bekannten Magnum-Fotografen Antoine d’Agata die Lebensgeschichten von Flüchtlingen, die auf dem Weg nach Westeuropa in Kosice gestrandet sind. «Die Leute», sagt Berkyova, «haben vor den Flüchtlingen Angst, weil sie sie nicht kennen. Das wollen wir ändern.» Aus den Gesprächen entstehen Ausstellungen und ein Film.

Diskriminierte Minderheit

Weitere Foto- und Kunstworkshops bietet Spots in Gefängnissen und in der heruntergekommenen Roma-Siedlung Lunik IX an. «Dort haben wir Mütter gebeten, zusammen mit ihren Kindern den Alltag in ihrem Viertel zu fotografieren», sagt Blanka Berkyova. Aus den Bildern entsteht eine Ausstellung. Der Film «Ich bin in Lunik IX geboren», den die Bewohner zusammen mit der Roma-Medienagentur Mecem gedreht haben, gewann 2011 den slowakischen Journalistenpreis. Wenn sich die ernste Projektmanagerin in Fahrt geredet hat, kennt ihre Begeisterung kein Halten mehr. «Ich bin total glücklich über unsere Projekte», sagt sie und strahlt: «Ich liebe diesen Job.»

Dennoch will sie irgendwann weg aus Kosice, weg aus der Slowakei, nach Westeuropa. Trotz guter Ausbildung, Studienabschluss und professionellem Auftreten fühlt sie sich als Romni diskriminiert. Hinter ihrem Rücken hörte sie einen Kollegen murmeln: «Schau an, das ist ja mal eine intelligente Romafrau.» Das hat sie tief verletzt, ebenso wie die Eisverkäuferin, die sie in der Warteschlange bewusst übersah, um sich der nächsten «weissen» Kundin zuzuwenden.

Zwanzig Jahre nach dem Ende des Ostblocks ist die Slowakei wie fast ganz Osteuropa tief gespalten. Die Wirtschaft lahmt, die Arbeitslosigkeit ist im strukturschwachen Osten des Landes auf offiziell fast 25 Prozent gestiegen. Jobs gab es früher vor allem in der Landwirtschaft und in der Schwerindustrie. Von beiden ist nicht viel übrig geblieben. Minderheiten wie die Roma werden – wie im nahen Ungarn – zu Sündenböcken. Rechte und nationalistische Politiker giessen im Wahlkampf gerne Öl ins Feuer.

Ruhrgebiet als Vorbild

Die Europäische Kulturhauptstadt will mit Projekten wie Spots in Kosice auch wirtschaftlich neue Perspektiven schaffen. Aus einer ehemaligen Kaserne entsteht ein Kulturpark, aus dem verfallenden Hallenbad eine Kunsthalle. Bürgermeister Richard Rasi nennt in einem Interview das Ruhrgebiet als Vorbild, das 2010 zusammen mit Istanbul Europäische Kulturhauptstadt war: «Wir wollen eine Umgebung schaffen, die die Zusammenarbeit junger, kreativer Köpfe fördert.» Bisher ziehen die meisten Absolventen der drei Universitäten weg. Sie hoffen in der Hauptstadt Bratislava, in Wien oder noch weiter im Westen auf besser bezahlte Jobs.

Heute seien die Zeiten schlecht für die Kunst, klagt Viktor Sefcik und nippt melancholisch an seinem Kaffee. Viele Künstler und andere Kreative sitzen gerne im Smelly Cat, der «stinkenden Katze», unter Schwarzweissfotos aus New York und Paris auf alten Sofas und Ohrensesseln. Man trinkt Latte Macchiato oder Milchkaffee, dazu gibt es selbst gebackenen Kuchen und ausgefallene Musik. Kaum jemand interessiere sich mehr für das, was die Künstler zu sagen hätten, sagt Sefcik. Die jüdische Gemeinde hat seinem Verein C+S Art ihre alte Synagoge für Ausstellungen überlassen. Durch die bemalten Fenster fällt weiches Licht auf die Bilder und Installationen. Von den Wänden blättert die Farbe der Fresken. Der Kies auf dem Boden knirscht unter jedem Schritt.

Ateliers in der Tabakfabrik

Freitagabend und Samstag bleibt die Ausstellung geschlossen. Manchmal schafft es der Rabbiner, der extra aus Budapest angereist kommt, die für einen Gottesdienst nötigen zehn jüdischen Männer aufzutreiben. Bis 1944 war Kosice ein Zentrum des jüdischen Lebens. Doch von den rund 12'000 Kaschauer Juden kamen nach 1945 gerade 200 zurück. Fast alle andern wurden von den Nazis mit ungarischer und slowakischer Hilfe in die Konzentrationslager deportiert und ermordet. Heute zählt die Gemeinde nur noch ein paar Dutzend Mitglieder. Die Stadt, sagt Sefcik, interessiere sich kaum für die alte orthodoxe Synagoge und für seinen Künstlerverein. Aus dem Etat der Kulturhauptstadt bekomme er für sechs Ausstellungen jeweils 1000 Euro – wenig im Vergleich zu den 60'000, welche die staatliche Galerie jedes Jahr erhalte.

70 Prozent des Kulturhauptstadt-Budgets gibt Kosice für die kulturelle Infrastruktur aus. Der Rest fliesst in Programme wie Spots oder Kosice Artists in Residence: Für das Hauptstadtjahr bekommen Künstler aus verschiedenen Ländern Gastateliers in der umgebauten ehemaligen Tabakfabrik. Das Geld, verspricht Kosices stellvertretende Bürgermeisterin Renata Lenártvá, werde auf jeden Fall wieder hereinkommen. 2010 zählte die Stadt 260'000 Übernachtungen. 2013 sollen es mindestens 25 Prozent mehr werden.

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