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Im Dreiminutentakt stürzen die Verrückten in die Tiefe

Sie waren zwar nicht die ersten Bungeejumper der Welt, aber die Neuseeländer haben die Mutprobe weltberühmt und populär gemacht.

Tamako hat Angst. Jetzt, im Augenblick der Wahrheit, ist dem zierlichen Mädchen aus dem Land des Lächelns jeglicher Frohsinn abhanden gekommen. Zur Salzsäule verkrampft blockiert der Kopf das eine lächerlichen Schrittchen nach vorn, weg von der winzigen Plattform. Aufmunternd feuern sie Freunde von der Besucherplattform an, beruhigend reden ihr die Jungs von der Crew zu. Beides vergeblich: Tamako nimmt nichts davon wahr. Sie starrt in die Tiefe. 43 Meter Nichts. Und dann ein unheimliches blaugrüngraues Gesprudel. Zum Greifen nah und doch so schrecklich weit entfernt.

Tamako steckt, wie viele vor ihr, in der Klemme. Geht sie den Schritt nicht, ist sie blamiert bis auf die Knochen. Undenkbar in einem Land wie Japan, wo Ehre so viel gilt. Schubsen lassen? Das wäre kaum besser, ausserdem ist das der Crew strikt verboten. Der eigene Wille, die eigene Entscheidung, die Überwindung von Ängsten und Grenzen - das allein ist es, was zählt. Und reich belohnt wird mit ein paar Sekunden unbeschreiblichem Glücksgefühl.

Wer hats erfunden?

Jedes Jahr sind es einige Tausend Leute, die diesen Moment bis zur Neige auskosten. Nicht irgendwo, sondern hier, an der alten Brücke über den Kawarau-River. Dieser Platz in der Nähe von Queenstown, auf der neuseeländischen Südinsel, ist Kult. Denn genau hier sprang 1988 A. J. Hackett mit einem Seil um die Fussknöchel in die Tiefe und wurde zum Papst der Bungeefreaks.

Der allererste «moderne» Bungeesprung hatte sechs Jahre zuvor in England stattgefunden. In Bristol stürzten sich 1979 fünf Studenten mit Seilen an den Fussgelenken von einer Brücke - um kurz darauf verhaftet zu werden. Sie machten dennoch weiter, sprangen unter anderem von der Golden Gate Bridge und verhalfen dem Bungeejumping zu wachsender Bekanntheit. Auf die Idee gebracht haben dürfte sie wiederum ein Dokumentarfilm von David Attenborough, der in den 1950ern junge Eingeborene der Pazifik-Insel Vanuatu filmte, wie sie sich mit Lianen an den Fussgelenken von selbst gebauten Bambustürmen stürzten. Mit dieser Mutprobe wurden junge Burschen zu Männern.

Aus Allan John Hacketts wagemutigem Hobby ist mittlerweile ein exquisit organisiertes und höchst profitables Business geworden. Im Dreiminutentakt stürzen sich die Verrückten aller Länder von der Brücke in die wildromantische Schlucht, ein schöneres Plätzchen für Bungeejumping kann es kaum geben. Vier Besucherterrassen lassen die Zuschauer aus unterschiedlichen Perspektiven die Magie von Ort und Sprung fast hautnah erleben. Psychologisch raffiniert, denn selbst Leute, die niemals für viel Geld am Ende eines dicken Gummiseils herumzappeln wollten, entdecken hier urplötzlich einen unbezähmbaren Hang zum Abenteuer.

Bestimmen darf dabei jeder selbst, ob er trocken bleiben oder in den Kawarau eintauchen will. Je nach Gewicht - das nach dem Wiegen auf eine Hand notiert wird - weiss die Mannschaft an der Plattform dann genau, welches der verschiedenen Spezialseile zu verwenden ist.

Von der Brücke, aus der Gondel

Wem die 43 Meter an der Kawarau-Brücke zu poplig sind, der findet in und um Queenstown noch ganz andere Kaliber für den Fall ins Glück. Im Skippers Canyon ist die Pipeline-Plattform 102 Meter, die Glasgondel über dem Nevis-River gar 134 Meter hoch, allesamt Stationen, die zu A. J. Hacketts Bungeejumping-Imperium gehören. Doch damit nicht genug.

Einige Kilometer weiter stromabwärts, der träge Kawarau-River hat Fahrt aufgenommen und strudelt putzmunter durch eine felsige Passage namens Roaring Meg. Aus einem ulkig bemalten Transporter steigen Froschmänner und -frauen mit mächtigen Flossen an den Füssen. Sie greifen sich Helme, Schwimmwesten und komische gelbe Bretter. Dann watscheln sie im Gänsemarsch in die Schlucht. Angeführt von einem Ober-Froschmann geht es zum Whitewater Sledging. Dabei klammert man sich an ein Board oder einen «Schlitten» und versucht, möglichst stromlinienförmig durch Wellen und Stromschnellen zu gleiten. Und wirklich: Es dauert nicht lange, da schiesst ein Trupp zappelnder Kaulquappen im Affenzahn an uns vorbei, steuert mehr oder weniger elegant eine 90-Grad-Kurve an und verschwindet im Handumdrehen hinter den hohen Felsen.

Bungeejumping am Fallschirm

Der ultimative Kick. Der atemberaubende Nervenkitzel. Die megaheisse Action. All das hat in Neuseeland einen Namen: Queenstown. Das ehemalige Goldgräberdorf, idyllisch gelegen am Ufer des riesigen tiefblauen Lake Wakatipu und eingerahmt von mehreren Bergketten, ist heute ein modernes Ferienzentrum. Wo es nichts gibt, was es nicht gibt. Zu Land, zu Wasser und in der Luft. Bungeejumping ist dabei nur eines von vielen Angeboten.

Auch für Off-Road-Touren ist der Oberlauf des Shotover ideales Terrain. Die Trasse auf der spektakulären Skippers Canyon Road ist gespickt mit allen erdenklichen Narben in der Landschaft, die durch Steinschläge, Wegabbrüche oder Unterspülungen verursacht wurden. Die Gegend ist für alle Mietfahrzeuge kategorisch verbotenes Gelände. Ein zweites ideales Off-Road-Gebiet, die Gegend um Glenorchy, wo zum Beispiel das düstere Isengard aus dem «Herrn der Ringe» in Szene gesetzt wurde und heute die Gerätschaften der einst profitablen Goldgräbermine vor sich hin rosten.

In der Luft über Queenstown wiederum tummeln sich nicht nur diverse Flugzeuge und Helikopter zu Rundflügen zum berühmten Milford-Sound. Von der Bergstation der Gondelbahn starten auch Profi-Gleitschirmflieger, die Besucher im Tandemsprung zu Tal fliegen. Interessierte fahren einfach mit der Seilbahn nach oben, reihen sich in die Warteschlange ein, bekommen einen Guide zugewiesen, und ab geht es für 10 bis 15 Minuten Gleitflug.

Neuester Zugang im Wettbewerb um einen Superlativ ist das Parabungy: Bungee- jumping per Fallschirm. Mit einer Begleitperson lässt man sich von einem Motorboot bis auf 150 bis 180 Meter Höhe über den Lake Wakatipu ziehen. Dann wird man gemeinsam ausgeklinkt. Der an einem Fallschirm befestigte Sitz stürzt in die Tiefe und nähert sich dem Wasser bis auf zirka 10 Meter.

Sturz, Schrei, Glücksgefühl

Tamako schliesst die Augen, breitet die Arme aus, kippt nach vorn. Und schreit sich die Furcht aus dem Leib. Im freien Fall rast sie auf den Fluss zu. Schon scheint sie einzutauchen, da wird die Bewegung abrupt gestoppt. Und umgekehrt: Sie schiesst wieder gen Himmel, fast könnte sie die Plattform wieder erklimmen. Doch es geht retour, runter und rauf, wieder und wieder. Nach 15 Sekunden kommt sie zur Ruhe. Wie ein Fisch an der Angel pendelt Tamako hilflos, aber friedlich ein paar Meter über dem Wasser. Ein Boot löst sich vom Ufer. Tamako ergreift eine lange Stange, wird langsam eingeholt und von zwei Leuten ganz behutsam auf dem Boden abgelegt. Es ist vorbei. Tamako strahlt.

Mutprobe gestern und heute: Ein junger Mann auf der Insel Vanuatu stürzt sich an Lianen vom Bambusturm (1974). Rechts: Am Kawarau-River in Neuseeland.

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