Zum Beispiel Frau Sutter

Januarloch-Kalender

Ruth Sutter, 56, aus Belp ist eine ganz gewöhnliche Frau. Und doch nicht: Sie versucht, weniger zu konsumieren und mehr selber herzustellen. Als Pionierin sieht sie sich aber nicht.

<b>Soda, Kernseife und Wasser:</b> Ruth Sutter bereitet ihr Waschmittel selber zu.

Soda, Kernseife und Wasser: Ruth Sutter bereitet ihr Waschmittel selber zu.

(Bild: Raphael Moser)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Ruth Sutter trägt keinen Jutesack, sondern einen modischen, rot-weiss gemusterten Pulli. Dazu dezentes Make-up, eine klassische Brille, einen praktischen Kurzhaarschnitt. Eine unauffällige Frau. Eine, die sich gut eingeordnet hat. Könnte man meinen. Bis sie Folgendes sagt: «Ich bin jetzt in einem gewissen Alter, da ist es mir egal, ob ich mich blamiere.» Ruth Sutter holt tief Luft, das muss jetzt raus. «Ich mag nicht mehr konsumieren.»

Ruth Sutter will bewusster leben, selber herstellen, was andere kaufen. Die Belperin ist im letzten Sommer in Kontakt mit dem Konzept der Suffizienz gekommen, weil sie ihren gut bezahlten Job gekündigt hatte und plötzlich mehr Zeit hatte. Seither weiss sie, was vorher schon lange eine dumpfe Ahnung war: «Wir können nicht immer so weitermachen, es braucht einen gesellschaftlichen Wandel.»

Sie bemüht sich nun mehr denn je um möglichst geringen Rohstoffverschleiss und Energieverbrauch. Schliesslich hat sie sich im letzten Sommer auch an diese Zeitung gewandt. Ihr Anliegen: «Man sollte mit mehr Bedacht konsumieren.» In einem regen Mailaustausch mit der Redaktion entstand schliesslich auch die Idee zum Januarloch-Kalender.

Arm in Worblaufen

Wie aber kommt eine 56-jährige Frau, Mutter von drei erwachsenen Kindern, beruflich erfolgreich und etabliert, dazu, sich mit den Theorien der Suffizienz zu beschäftigen und selber Waschmittel herzustellen? Sich als Aktivistin zu bezeichnen und dem Freund der Tochter, der wie die Tochter auch Umweltingenieur studiert hat, in Diskussionen die Stirn zu bieten?

Um das zu erklären, blendet Sutter viele Jahre zurück. Die kleine Ruth wächst in ärmlichen Verhältnissen in Worblaufen auf. Die Mutter ist alleinerziehend, sie arbeitet in einem Supermarkt. Abends kann sie abgelaufene Waren zum halben Preis mit nach Hause nehmen und langt dann auch reichlich zu. Ruth Sutter sagt heute: «Es hat mich immer angeödet, wenn zu viel auf den Tisch kam.»

Auch als sie selbst Mutter wird, ist das Geld bei drei Kindern und einem Einkommen knapp. Doch nicht nur deshalb kocht sie selber, meidet Fertigprodukte, macht mit der Familie Ferien auf dem Campingplatz. Es ist auch aus einem inneren, noch nicht benennbaren Gefühl heraus.

«Die falsche Lebensweise»

Dann ändert sich mit ihrem beruflichen Aufstieg die Einkommenssituation: «Ich konnte mir plötzlich Kleider kaufen, das war schön, denn als Kind hatte ich immer alles nachgetragen.» Auswärts essen, grosser Urlaub, alles ist jetzt möglich. Sie merkt aber bald: «Das ist die falsche Lebensweise.» Vielleicht ist dieser Konsumverzicht eine Veranlagung, die schon immer da war. Und Sutter fühlt sich dabei auch nicht als Pionierin: «Ich glaube, es ist für viele Menschen normal, nicht einfach wild draufloszukonsumieren.»

Zum Treffen hat Ruth Sutter Geschenke mitgebracht. Eine selbst gemachte Tasche – genäht aus alten Jeans. Darin selber hergestelltes Waschmittel, eine umgenutzte alte Dose gefüllt mit selbst gebackenen Guetsli, ein genähter Stoffsack, prall gefüllt mit Baumnüssen.

Es ist ihr ernst. Körpercreme stellt sie selber her, als Deodorant braucht sie seit Jahren basisches Salz, «das benutze ich übrigens für alles Mögliche, zwischendurch auch für die Zähne und für Fussbäder», Süsses gibt es nur noch aus der eigenen Küche.

Selber machen, ausprobieren, und immer noch den Konsum reduzieren. Das braucht viel Zeit, die sie mit ihrem jetzigen Teilzeitjob hat. Dabei ist sie keine Heilige, sie und ihr Mann fahren zwar seit Jahren mit dem Fahrrad zur Arbeit, sie besitzen aber ein Auto, Sutter kauft auch neue Kleider, «nur sehr wenige, aber ich will nicht nur Brockenstuben-Kleider tragen».

Ökobilanz und Plastik

Dafür hat Sutter in ihrer Familie die Weihnachtsgeschenke abgeschafft, worauf der mittlere Sohn erst einmal leer geschluckt habe. Und als sie bei einem Familienessen dem Freund der Tochter eine selbst genähte Tasche mit einem Kürbis drin überreichte, habe der zwar Freude bekundet, aber sie könne sich vorstellen, dass über das Geschenk nicht nur Freude geherrscht habe.

Der Umweltingenieur äussert sich auch kritisch: «Er meinte zu mir, es sei gut möglich, dass die Ökobilanz von selbst gemachtem Waschmittel aus gekochtem Sud von Soda, Kernseife und Wasser gar nicht besser sei als jene von herkömmlichen Waschmitteln.»

Ökobilanzen lassen sich nicht so einfach rechnen, doch Ruth Sutter lässt sich nicht beirren. «Was ist mit all dem Plastik, den Transportwegen, den für die Umwelt bedenklichen Inhaltsstoffen, die ich dank dem selbstgemachten Waschmittel umgehe?»

«Die nötige Arroganz»

Suffizienz ist ein riesiges Themengebiet, das alle Lebensbereiche umfasst. Und wer danach lebt, exponiert sich schnell einmal. Nicht alle mögen es, wenn so offensiv Verzicht vorgelebt wird. Schnell einmal gilt man dann als fundamentalistisch, als idealistisch, auch als streng.

«Andere würden wohl sagen, ich sei streng zu mir selber», sagt Ruth Sutter, «aber ich sehe es anders, für mich ist mein Lebensstil nicht mit Verzicht verbunden.» Im Gegenteil: Für sie sei es Genugtuung, wenn sie mit winzig kleinen Schritten die Umwelt weniger belaste. Bei ihrer Standhaftigkeit hilft ihr auch ihr reifes Alter. «Ich habe einfach die nötige Arroganz, das jetzt zu leben», sagt sie, sehr ruhig, sehr bestimmt.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt