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«Wir sind die Aschenputtel aus dem Osten»

Niedriglöhne, lange Arbeitstage und ein Schlafplatz auf dem Sofa: Pflegerinnen aus Osteuropa arbeiten in der Schweiz oft unter widrigen Bedingungen. Nun beginnen sie, sich zu organisieren.

Pendelleben zwischen der Schweiz und dem Herkunftsland: Eine Pflegerin betreut eine alte Frau zu Hause.
Pendelleben zwischen der Schweiz und dem Herkunftsland: Eine Pflegerin betreut eine alte Frau zu Hause.
AFP

Mehrere Tausend Frauen aus Osteuropa betreuen in der Schweiz rund um die Uhr pflegebedürftige Menschen. Viele arbeiten schwarz und unter schlechten Bedingungen. Die Basler Soziologin Sarah Schilliger spricht von einem neuen «Niedriglohnsektor mit prekären Arbeitsbedingungen».

«Die Beschäftigung von sogenannten Care-Migrantinnen in der Schweiz boomt», sagt Schilliger im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA. Genaue Zahlen darüber, wie viele Frauen aus Osteuropa dafür sorgen, dass in der Schweiz alte und pflegebedürftige Menschen nicht ins Heim müssen, gibt es nicht. Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) sprach diesbezüglich in einem kürzlich erschienen Bericht von einem «statistischen Niemandsland».

Sarah Schilliger geht von mehreren Tausend Care-Migrantinnen aus. Deren Zahl nehme stetig zu. «Die Frauen kommen vor allem aus Polen, Ungarn und Ostdeutschland.» Die Soziologin an der Universität Basel hat sich auf das Thema «Pendel-Migration aus Osteuropa» spezialisiert.

Viele haben einen Hochschulabschluss

Die Frauen putzen, waschen, kochen, kaufen ein, gehen mit den Pflegebedürftigen spazieren, helfen ihnen beim Anziehen und haben auch in der Nacht ein offenes Ohr. Sie entlasten nicht nur die Angehörigen, sondern auch das Schweizer Gesundheitssystem.

Wie die Soziologin weiss, sind die Migrantinnen meist über 45 Jahre alt. Sie sind gut ausgebildet, viele haben einen Hochschulabschluss. «Die tiefen Einkommen im Heimatland reichen für viele Familien nicht zum Leben», sagt Schilliger.

Die Care-Arbeiterinnen führen ein Pendelleben zwischen der Schweiz und ihrem Herkunftsland. «Sie migrieren also nicht, um das Land zu verlassen, sondern viel eher, um bleiben zu können», sagt die Soziologin.

«Extremer Verschleissjob»

Die Betreuerinnen kommen meist für ein paar Wochen, einige bleiben drei Monate lang. Dann kehren sie für kurze Zeit wieder zu ihren Familien zurück – wo sie eigentlich auch gebraucht werden. Oft wechseln sich zwei oder drei Frauen ab. Laut Schilliger ist es ein «extremer Verschleissjob».

Die Frauen finden ihre Arbeit meist via Internet oder über persönliche Netzwerke. Es gibt immer mehr Vermittlungsagenturen, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert haben. Schilliger weiss von über 50 – «ein grosser Teil davon praktiziert im gesetzlichen Graubereich».

So ist es ausländischen Agenturen eigentlich nicht erlaubt, Frauen in der Schweiz zu den Bedingungen im Herkunftsland anzustellen. Sie verdienen so nämlich nicht den in der Schweiz vorgeschriebenen Mindestlohn und sind nicht sozial versichert. «Manchmal wissen weder die Frauen noch die Angehörigen der Pflegebedürftigen, dass das Arbeitsverhältnis illegal ist», sagt Schilliger.

Lohn zwischen 1200 und 1600 Euro

Die Care-Arbeiterinnen, die über ausländische Agenturen in der Schweiz arbeiten, verdienen gemäss Schilliger zwischen 1200 und 1600 Euro pro Monat. Doch auch bei den legalen Personalverleih-Agenturen mit Sitz in der Schweiz seien die Löhne tief. Sie verdienen zwischen 2500 und 3500 Franken brutto. 990 Franken werden zudem für Kost und Logis abgezogen.

«Einige Frauen haben aber nicht einmal ein eigenes Zimmer. Ich weiss von manchen, die in der Stube auf dem Sofa schlafen», sagt die Soziologin. Zudem fragten sich viele, weshalb so viel fürs Essen abgezogen werde, «denn die Frauen gehen ja selber einkaufen und sehen, dass sie viel weniger ausgeben».

Ein grosses Problem bei diesen 24-Stunden-Jobs ist die Regelung der Arbeitszeit. Die Frauen müssten permanent verfügbar sein und Verantwortung tragen, sagt Schilliger. Bisher ebenfalls nicht verbindlich geregelt ist die Abgeltung der Präsenzzeit, zum Beispiel in der Nacht.

Polnische Arbeiterinnen organisieren sich

«Wir trauen uns nicht, uns zu wehren», sagt die 43-jährige Bozena Domanska in der Sendung «Doppelpunkt» von Radio SRF zum Thema. «Wir sind graue Mäuse, wie Aschenputtel aus dem Osten. Wir werden behandelt wie Menschen zweiter Klasse.»

In Basel treffen sich die Migrantinnen aus Osteuropa jeweils am Sonntag zum polnischen Gottesdienst. «Dort tauschen sie sich aus und erfahren, unter welchen Bedingungen andere arbeiten», sagt Schilliger. Diese Treffen sensibilisierten die Betreuerinnen und machten ihnen Mut.

Um sich eine Stimme zu geben, gründeten Care-Migrantinnen und Angestellte in Privathaushalten im Juni das Netzwerk «Respekt@vpod». Bereits 40 Betreuerinnen haben sich angeschlossen. Bozena Domanska, die am Aufbau beteiligt war, sagt: «Wir sind keine Sklavinnen. Wir leisten unsere Arbeit gern, aber wir sind nicht mehr bereit, uns ausnützen zu lassen.»

Eine ihrer Arbeitskolleginnen hat wegen unbezahlter Arbeitsstunden zusammen mit der Gewerkschaft VPOD vor dem Zivilgericht Basel-Stadt geklagt. Obwohl ihr Arbeitsvertrag die 42-Stunden-Woche vorsah, stand sie für ihren Klienten praktisch rund um die Uhr zur Verfügung. Zum ersten Mal in der Schweiz muss nun ein Gericht beurteilen, wie Arbeits- und Ruhezeit geregelt werden kann.

SDA/fko

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