Wir Selbstverblöder

Gesichertes Wissen und dummes Geschwätz stehen heute gleichberechtigt nebeneinander. Wie konnte es so weit kommen?

Hört auf Wissenschaftlerinnen! Und nicht auf die Deppen in den sozialen Medien: Eine Gruppe von Menschen schaut in ihr Smartphone. Bild: iStock

Hört auf Wissenschaftlerinnen! Und nicht auf die Deppen in den sozialen Medien: Eine Gruppe von Menschen schaut in ihr Smartphone. Bild: iStock

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Besonders beliebt waren Experten nie. Wer auf Genauigkeit besteht, gilt rasch als Besserwisser. Schon früh mussten die Gelehrten lernen, mit dem Spott zu leben: In ihrem Fachgebiet wüssten sie zwar Bescheid, aber vom wirklichen Leben hätten sie keine Ahnung. Der Satiriker Ambrose Bierce definierte den Experten als «Spezialisten, der über etwas alles weiss und über alles andere nichts».

Er habe sich daran gewöhnt, dass Professorinnen und Professoren unpopulär sind, sagt Tom Nichols, Dozent für nationale Sicherheitsfragen am U.S. Naval War College in Newport. Trotzdem habe sich im Vergleich zu früher etwas geändert: In den 1960er- und 1970er-Jahren seien die meisten Amerikaner davon ausgegangen, dass «jene, die einen Menschen auf den Mond geschickt hatten, wohl auch in den meisten anderen wichtigen Fragen Bescheid wissen». Heute hingegen hätten von jeglichem Fachwissen unbefleckte Leute das Gefühl, es besser zu wissen als die Experten. «Ich habe kein Problem damit, dass man skeptisch ist – das ist sogar gut so», sagt Nichols. «Das Schlimme ist, dass jeglicher Respekt verloren gegangen ist. Wir werden auf aggressive Weise infrage gestellt.»

Mit «The Death of Expertise» hat Tom Nichols das Buch der Stunde geschrieben. Man könnte es als Antwort auf Donald Trump verstehen, der in seinem Wahlkampf Experten als «schrecklich» bezeichnete und sich damit brüstete, keine zu benötigen. Doch das Manuskript war schon vor den Präsidentschaftswahlen fertig. Das Phänomen betrifft keineswegs nur die USA, sondern die gesamte westliche Welt – das Buch wurde in kürzester Zeit in elf Sprachen übersetzt. Die Krise des Expertentums tangiert auch nicht bloss die Wissenschaft. Ärztinnen berichten von Patienten, die keinen Rat suchen, sondern Behandlungen einfordern, die sie zuvor ergoogelt haben. Architektinnen und Handwerker erzählen von Kunden, die ihnen vorschreiben wollen, wie sie ihre Arbeit zu verrichten hätten. Und Lehrer müssen sich mit Eltern auseinandersetzen, die partout nicht akzeptieren wollen, dass die Antwort ihres Kindes in der Prüfung falsch war.

Linker Relativismus

So breit das Phänomen, so vielfältig die Ursachen. Nichols nennt an erster Stelle eine gewisse Wohlstandsverwahrlosung: «Unsere hochtechnologisierte Welt funktioniert so reibungslos, dass es die Leute zu der falschen Vorstellung verführt, es sei alles ganz einfach. Man drückt einen Knopf, und die E-Mail fliegt ans andere Ende der Welt. Niemand denkt an all die Fachleute – von den Ingenieuren über die Softwaredesigner bis zu den Diplomaten –, die das erst möglich machen.» Ein zweiter Grund sei die Mode, Studentinnen und Studenten heute wie Kunden zu behandeln, die man nach ihrem Wohlbefinden fragt, statt sie zu fordern. Das führe zu einem Übermass an Selbstvertrauen, gepaart mit umso weniger Wissen.

«Was alle angeht, können nur alle lösen.» Friedrich Dürrenmatt

Zwei weitere Gründe für die Expertenkrise liegen innerhalb des Wissenschaftssystems. Zum einen rächt sich heute der Relativismus der Postmoderne. Ausgehend von Nietzsche, der behauptet hatte, es gebe keine Tatsachen, sondern nur Interpretationen, haben insbesondere linke Theoretiker fundamental infrage gestellt, dass so etwas wie eine objektive Wahrheit existiert. Auf dieser Basis, so urteilt etwa der Philosoph Michael Hampe von der ETH Zürich, sei es schwierig, jenen Leuten etwas entgegenzusetzen, welche die Theorie vom menschengemachten Klimawandel als reines Gedankenkonstrukt diskreditieren.

Zum andern überschreiten Fachleute immer wieder die Grenzen ihres Zuständigkeitsbereichs. «Die Klimatologie hat die wissenschaftlichen Beweise für die Existenz des Klimawandels geliefert», sagt Sonia Seneviratne, Professorin am Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich. «Wenn es aber um die richtige Klimapolitik geht, haben wir nicht das Expertisemonopol, da müssen auch andere mitreden.» Friedrich Dürrenmatt hat es sehr schön gesagt: «Was alle angeht, können nur alle lösen.» Wenn, wie es Anfang Juni auf Twitter geschehen ist, führende Klimatologen einem rebellischen Sozialwissenschaftler die Kompetenz absprechen, sich über Klimapolitik zu äussern, ist das Wasser auf die Mühlen der Klimaskeptiker.

All diese Fehlentwicklungen hätten allerdings nicht in die aktuelle tiefe Krise gemündet ohne einen entscheidenden Faktor: das Internet. Naiverweise würde man meinen, die grenzenlose Verfügbarkeit von Informationen müsse zwangsläufig zu einem Triumph des Wissens führen. Doch in Wahrheit ist das Gegenteil passiert: Gesichertes Wissen und Verschwörungstheorien, fundierte Meinungen und blosses Geschwätz stehen heute gleichberechtigt nebeneinander. Schlimmer noch: Häufig werden Fake News rascher und weiter verbreitet als Fakten.

Soziale Medien machen dumm

Die sozialen Medien verstärken die negative Entwicklung. «Auf Facebook sind wir alle Kollegen», sagt Tom Nichols. «Das hat zu der lächerlichen Vorstellung geführt, wir wüssten alle gleich viel, und alle Meinungen seien gleichwertig.»

Überdies fördern die sozialen Medien einen Effekt, den die Psychologen confirmation bias nennen. In der Realität ist es selten so, dass sich die Menschen ihre Meinung aufgrund von Fakten bilden. Vielmehr kommt die Meinung zuerst, und nachher suchen wir nach den passenden Fakten. Das Internet vereinfacht diese Suche massiv – unterstützt von Algorithmen, die uns Beiträge zuführen, die uns zusagen. «Das ist das Paradox unserer neuen Informationswelt: Es war noch nie so leicht, alle Informationen zu finden, die man haben will», sagt Dietram Scheufele, Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität Wisconsin. «Es war aber auch noch niemals so leicht, all jenen Informationen auszuweichen, die man nicht haben will.»

«Der Umgangston ist in der Schweiz etwas weniger ruppig als in anderen Ländern.»Stephan Russ-Mohl, Professor für Medienwissenschaften

Die gegenwärtige Expertenkrise ist denn auch keine eigentliche Wissenschaftskrise. In der Schweiz haben 57 Prozent der Menschen grosses oder sehr grosses Vertrauen in die Wissenschaft – in den USA sind es immerhin 40 Prozent. Die Forschung hat einen guten Ruf, und gern schmückt man seine Argumentation mit einem Hinweis auf eine wissenschaftliche Quelle. Das Verflixte ist, dass sich die Menschen jene Wissenschaft aussuchen, die ihnen in den Kram passt. Und das kann zur Not auch die Studie über Impfungen und Autismus sein, die längst als gefälscht entlarvt wurde.

Da ist es nur folgerichtig, dass der Ideologisierungsgrad der Menschen mit zunehmendem Wissen nicht etwa sinkt, sondern steigt. Nachgewiesen ist das etwa beim menschengemachten Klimawandel, an den in Amerika die Republikaner umso weniger glauben, je mehr sie darüber wissen.

«Die Polarisierung ist in den USA wirklich gross», sagt Sonia Seneviratne von der ETH Zürich. Doch der Eindruck, es herrsche hier ein erbitterter Streit unter Wissenschaftlern, sei falsch: Kaum ein echter Klimawissenschaftler zweifelt an der Existenz des Klimawandels. «Die allermeisten sogenannten Skeptiker haben gar keine Ausbildung in Klimatologie. Oft haben sie einen Doktortitel in einem anderen Gebiet, etwa in der Geologie.» Das genügt, um bei ihrem Publikum als Fachleute durchzugehen. Ihre Motive sind aber zumeist nicht wissenschaftlicher, sondern politischer oder wirtschaftlicher Natur.

«Wenn Fakten das Weltbild des Gegenübers infrage stellen, ist es sogar kontraproduktiv, sie zu erwähnen.» Gleb Tsipursky, Wissenschaftshistoriker

«In der Schweiz ist das Problem weniger gross», sagt Seneviratne. «Das könnte auch damit zu tun haben, dass bei uns das Fernsehen öffentlich-rechtlich ist.» In den USA tragen private Fernsehstationen, die mit voller Kraft für die eine oder andere Seite Position beziehen, viel zur Spaltung der Gesellschaft bei. «Der Umgangston ist in der Schweiz etwas weniger ruppig als in anderen Ländern», sagt auch Stephan Russ-Mohl, Professor für Medienwissenschaften an der Universität Lugano. «Dank guter Bildung und einem vergleichsweise hohen Level an politischer Informiertheit sind Schweizerinnen und Schweizer wohl auch etwas resistenter gegen Desinformation.» Das dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Fake News auch bei uns auf dem Vormarsch sind.

Richtig «framen»

Die Wissenschaft braucht dringend so etwas wie eine Kommunikationsstrategie. Es genügt nicht, im Prinzip recht zu haben. Denn durch Argumente lassen sich die Menschen kaum je von ihren Überzeugungen abbringen. Im Gegenteil: «Wenn Fakten das Weltbild des Gegenübers infrage stellen, ist es sogar kontraproduktiv, sie zu erwähnen», sagt Gleb Tsipursky, ein psychologisch interessierter Wissenschaftshistoriker der Ohio State University. «Man spricht hier vom Backfire-Effekt.» Er empfiehlt deshalb, zuerst die Gefühlslage des Gesprächspartners zu erkunden: Warum ist er so wütend, was macht ihm Sorgen? In einem zweiten Schritt müsse man für diese Nöte Mitgefühl zeigen. Erst wenn der Boden derart bereitet sei, könne man seine Argumente vorbringen – aber möglichst so, dass sie den Grundüberzeugungen des Gegenübers nicht diametral zuwiderlaufen.

Ins gleiche Horn stösst Dietram Scheufele: «Wenn ich einem Republikaner gegenüber den Begriff Klimawandel erwähne, gehen sofort die Fenster zu – da brauche ich gar nicht mehr weiterzureden.» Wolle man für erneuerbare Energien werben, appelliere man daher besser an gruppenübergreifende Werte: «Am besten betont man die Energieunabhängigkeit und die globale Wettbewerbsfähigkeit. Das sind Dinge, die allen Amerikanern wichtig sind. Arnold Schwarzenegger zum Beispiel macht das sehr gut.»

Die Wissenschaft ist drauf und dran, das Rennen zu verlieren.

Scheufele nennt als weiteres Vorbild die Atmosphärenwissenschaftlerin Katharine Hayhoe: Sie ist Direktorin des Climate Science Center der Texas Tech University – und evangelikale Christin. Eine pikante Kombination, die sich aber als sehr effektiv erweist. Ihre Religiosität verschafft ihr Glaubwürdigkeit in konservativen Kreisen, und mit dem Verweis auf die Bewahrung der Schöpfung konnte sie schon manchen Skeptiker davon überzeugen, dass der Klimawandel real ist, inklusive ihren Ehemann, einen Pastor. Das Wirtschaftsmagazin «Fortune» führt Hayhoe auf Rang 15 in der Liste der World’s Greatest Leaders.Ohnehin ist die Klimawissenschaft daran, argumentativ aufzurüsten. Der Weltklimarat IPCC hat kürzlich ein Kommunikationshandbuch publiziert und veranstaltet Seminare. So will man gewappnet sein für die Veröffentlichung des Berichts zum 1,5-Grad-Ziel diesen Herbst und für den nächsten grossen Sachstandbericht 2022.

Ein weiterer wichtiger Ansatz aus der Kommunikationspsychologie ist das sogenannte Framing. Gemeint ist die Kunst, durch eine geschickte Begriffswahl einem Thema einen bestimmten Touch zu geben und so die Gefühle des Publikums in die gewünschte Richtung zu lenken. Als erfolgreiches Negativbeispiel nennt Dietram Scheufele den Ausdruck «Frankenfood» für genetisch veränderte Lebensmittel, der sofort Assoziationen an eine ausser Kontrolle geratene Wissenschaft weckt. «Diesen Begriff hat eine gentechkritische Organisation ganz bewusst gewählt. Er wirkt so stark, dass es schwierig ist, dagegen anzukämpfen.»

Mit der Öffentlichkeit diskutieren

Die Situation ist einigermassen verkorkst. Die Wissenschaft ist drauf und dran, das Rennen zu verlieren – noch bevor sie überhaupt gemerkt hat, dass es stattfindet. «Erst einmal müssen wir realisieren, dass wir ein Problem haben», sagt Gleb Tsipursky. «Dann müssen wir aufhören, uns als Einzelkämpfer zu verstehen.»

«Oft kommt es mir vor, als würde ich mit Kindern streiten.»Tom Nichols, Dozent für nationale Sicherheitsfragen

Das findet auch der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl: Er schlägt eine «Allianz für die Aufklärung» vor. «Wissenschaftler und Journalisten sollten sich zu einem Bündnis zusammenschliessen, um der Flut an Desinformation und Fake News entgegenzuwirken», sagt er. Journalisten kämen so zu originellen, verlässlichen Geschichten, während die Forscher umgekehrt ihr Wissen vermehrt mit der Öffentlichkeit teilen könnten. Allerdings deutet im Moment kaum etwas darauf hin, dass so eine Allianz für die Aufklärung tatsächlich zustande kommen könnte.

Wäre es nicht einfacher, wenn die Wissenschaft direkt mit dem Publikum kommunizierte, etwa via soziale Medien, Blogs oder Zeitungsartikel? «Das wäre wünschenswert, aber es gibt dafür keine Anreize», sagt Russ-Mohl. Forscherinnen und Forscher hätten genug damit zu tun, in Fachzeitschriften zu publizieren und ihre Qualifikation nachzuweisen. «Solange Öffentlichkeitsarbeit von den Fördergremien nicht explizit honoriert wird, dürfte sich daran auch nichts ändern.» Zudem hätten sich viele Wissenschaftler im «Schattenreich öffentlicher Nichtbeachtung» ganz bequem eingerichtet.

Leute wie Nichols sind bis heute Einzelkämpfer.

Natürlich ist es anstrengend, mit Laien zu diskutieren, zumal mit aufmüpfigen. «Oft kommt es mir vor, als würde ich mit Kindern streiten», sagt Tom Nichols, der viele öffentliche Vorträge gibt, populäre Artikel schreibt und ein leidenschaftlicher Twitterer ist. «Wenn man etwa eine falsche Behauptung des Gegenübers korrigiert, heisst es sofort, man sei elitär und überheblich.» Trotzdem dürfe man sich nicht davor drücken: «Expertinnen und Experten, ob sie es mögen oder nicht, müssen sich engagieren.» Vielleicht nicht gerade Mathematiker oder Chirurgen, aber doch all jene, die sich mit politisch umstrittenen Themen befassen, die sogenannten public intellectuals. «Es ist unsere Pflicht, mit der Öffentlichkeit zu diskutieren, nicht bloss unter uns.»

Leute wie Nichols sind bis heute Einzelkämpfer. Zwar gibt es einige Ansätze zu koordiniertem Engagement. Etwa den March for Science, der 2017 mehrere Hunderttausend Leute auf die Strasse brachte. Doch das Trommelfeuer aus Fake News und Expertenverunglimpfung hat deswegen nicht nachgelassen.

Tom Nichols ist wenig optimistisch. Wenn man ihn nach einer generellen Einschätzung fragt, kann einem angst und bange werden. Tragischerweise werde der grassierende Narzissmus womöglich erst verschwinden, wenn es zu einer Katastrophe kommt, zu einem Krieg oder zu einem ökonomischen Kollaps. Denn in Krisensituationen ist echtes Expertenwissen plötzlich wieder sehr gefragt. «In der Notaufnahme», so Nichols, «sieht man nicht viele Leute, die mit dem Doktor streiten.»

(Das Magazin)

Erstellt: 11.07.2018, 18:12 Uhr

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