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«Wir müssen keine Mauern bauen»

Der Erinnerungsforscher Jan Assmann untersucht, wie sich die Rede über Auswanderung seit biblischen Zeiten verändert hat. Und welche Lehren wir aus der Geschichte ziehen können.

Alexandra Kedves
Von der Armut zur Migration gezwungen: Flüchtlinge an der Grenze zwischen Marokko und der spanischen Enklave Melilla in Nordafrika. Foto: Laura Tárraga Garrido (Corbis, Getty Images)
Von der Armut zur Migration gezwungen: Flüchtlinge an der Grenze zwischen Marokko und der spanischen Enklave Melilla in Nordafrika. Foto: Laura Tárraga Garrido (Corbis, Getty Images)

Sie haben sich mit dem biblischen Buch Exodus befasst. Es feiert die Emigration als Befreiung und Verheissung. Gibts Anknüpfungspunkte zu heutigen Fluchtbewegungen?

Nein, vorderhand passt diese Migrationsgeschichte nicht für heute. Die Erzählung vom Auszug aus Ägypten macht allen Auswandernden Mut, wo es um den Auszug aus der Unfreiheit in die Freiheit geht. Die Utopie eines «gelobten Landes» bestimmte etwa die klassische Rolle der USA in der Vergangenheit.

Und was ist heute anders?

Heute gehts eher darum, der aufnehmenden Gesellschaft Mut zu machen, ihre Grenzen zu öffnen; Geflohenen zu helfen. Davon ist in dem Mythos nicht die Rede. Heute brauchen wir andere Erzählungen, die Einwanderung als Segen für das aufnehmende Land darstellen. Das war lang so in Amerika, das sich nun unter Trump ins Gegenteil dessen verkehrt, wofür es einmal stand. Was wären die USA ohne die Juden, die in der NS-Zeit dorthin flohen und der US-Wissenschaft zu ihrer Spitzenposition verhalfen? Allerdings steckt im Buch Exodus noch ein zweiter Aspekt.

Welcher Aspekt?

Die Utopie einer gerechten Gesellschaft, in der niemand gedemütigt, unterdrückt, versklavt und ausgebeutet werden darf. Dafür sorgt das Gesetz, auf das der am Sinai geschlossene Bund zwischen Jahwe und seinem Volk gründet – und zwar neben den Straf- und Kultgesetzen vor allem die moralischen Gebote, die hier, erstmals in der Alten Welt, in einem Gesetzbuch kodifiziert werden statt in Weisheitsliteratur. Dabei geht es um den Schutz der Witwen und Waisen, die Fürsorge für die Bedürftigen, Nächstenliebe, den Schutz der Fremden und anderes mehr, was Jesus dann in der Bergpredigt aufnimmt und überbietet. Diese Utopie einer gerechten Gesellschaft hat heute Gestalt angenommen in der Form der Menschenrechte. Sie sind jedoch immer noch weit entfernt von einer weltweiten Durchsetzung.

Viele suchen eher Trost im Nationalstolz und im Versprechen sicherer Grenzen.

Wir müssen keine Mauern bauen und Grenzen befestigen, sondern die Bedingungen abschaffen, die Menschen zur Auswanderung zwingen. Zu diesen Bedingungen gehören nicht nur Krieg und Gewalt, sondern auch bittere Armut, wie sie die Globalisierung in den unterprivilegierten Ländern der Erde erzeugt: Das ist die Sache der anderen Utopie im Buch Exodus.

Verleiht diese unserer Gesellschaft Kraft?

Die Utopie einer gerechten Gesellschaft hat für die Diktatoren, Superreichen, Grosskonzerne – und wer sonst Profit zieht aus der global herrschenden Ungerechtigkeit – offenkundig etwas Bedrohliches. Das zeigt sich am Widerstand, den diese gegen die Durchsetzung der Menschen- und Bürgerrechte leisten.

Wie sehen Sie die Spaltungen in Deutschland und im Westen allgemein?

Mit grosser Sorge. Deutschland war 40 Jahre geteilt. Heute ist es eine gespaltene Gesellschaft – der Spalt vertieft sich von Jahr zu Jahr. Es ist nicht nur die Schere zwischen Arm und Reich, die mit dem Siegeszug des Neoliberalismus überall auseinandergeht – auch in Deutschland. Da ist es besonders der Konflikt der Mentalitäten, in dem die einstige Teilung weiterwirkt. Die real verschwundene Mauer besteht in den Köpfen weiter. Die Spannung zwischen linksliberal-demokratischen und rechtspopulistisch-autoritären Bestrebungen gefährdet viele europäische und aussereuropäische Demokratien, doch in Deutschland nimmt sie wegen dessen Geschichte eine besondere Form an. Und von aussen werden solche Konflikte zusätzlich angeheizt.

Woran denken Sie?

An die besorgniserregenden Versuche aussereuropäischer Geheimdienste, durch Fehlinformationen und Cyberattacken Wahlen und Volksabstimmungen zu beeinflussen und Misstrauen, Zwietracht und Spaltung in der Europäischen Union und den einzelnen Mitgliedsstaaten zu säen. Die gleichen Möglichkeiten der digitalen Massenkommunikation, die zur Vernebelung, Verdummung und Verhetzung eingesetzt werden, können und sollen der Aufklärung dienen und dazu eingesetzt werden, Solidarität zu befördern, auf nationaler, europäischer und globaler Ebene. Die Lüge spaltet, die Wahrheit verbindet. Das wussten schon die alten Ägypter, und heute ist es aktueller als je zuvor.

Wie beurteilen Sie angesichts der Konfliktlage den Umzug der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem?

Als unnötige Provokation, die die Krise verschärft. Man muss aber bedenken: Wie immer man die derzeitige israelische und amerikanische Politik beurteilt, das Existenzrecht Israels ist über alle Zweifel erhaben. Der Staat Israel ist die unabdingbare Notwendigkeit für die Juden, die in den Ländern der Diaspora unter Verfolgung bis hin zur Vernichtung litten. Israel als Besatzungsmacht aber, die ihrerseits unterdrückt, ist eine tragische Verkehrung dessen, wofür der Name Israel stand und steht. Die Fluchtburg der Bedrängten ist für andere zur Ursache von Flucht und Bedrängnis geworden.

Wie könnte Erinnerung hier fruchtbar werden?

Sie kann versöhnlich wirken, wenn sie den anderen einbezieht. In Israel etwa würde das bedeuten, dass Israel und die Palästinenser eine gemeinsame Geschichts- und Erinnerungskultur entwickeln, in der Schoah und Naqba, die jüdische und die palästinensische Katastrophe, ihren Platz fänden. Erinnerung an sich ist weder gut noch schlecht, sie kann ebenso Hass schüren wie Versöhnung fördern.

Haben Sie ein Beispiel?

Den einen Fall haben wir in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg erlebt, als die Schüler die Liste der «verlorenen Gebiete» aufsagen mussten und die «Schande von Versailles» nicht vergessen durften. Eine ganz andere Erinnerungskultur entwickelte sich in Deutschland nach 1945. Da geht es um die Verbrechen der eigenen Nation und die Erinnerung an ihre Opfer: eine Form dialogischer Erinnerung, in der sich Deutschland mit Israel und den Nachkommen der Holocaust-Überlebenden in anderen Ländern trifft.

Ist Versöhnung noch als erstrebenswertes Ziel verankert?

Versöhnung ist in meinen Augen immer erstrebenswert, wenn auch oft als Fernziel. Im ersten Schritt sind die dem anderen zugefügten Leiden anzuerkennen. Genau das ist auch der Sinn einer integrativen, dialogischen Erinnerungskultur. Nach dem Zweiten Weltkrieg glaubte die Adenauer-Regierung, durch Wiedergutmachungszahlungen einen «Schlussstrich» unter die Gräueltaten des Dritten Reichs ziehen und eine «Versöhnung» mit Israel erreichen zu können. Das war natürlich unmöglich angesichts der Ungeheuerlichkeit des den Juden angetanen Verbrechens. Damals war maximal die Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zu erreichen. Ein zweiter Schritt wurde in den 80er- und 90er-Jahren getan mit einer Erinnerungskultur, die erst als Bürgerbewegung von unten begann, bevor sie auch von oben institutionalisiert wurde.

Aber manche wollen vergessen. Macht die Erinnerungskultur Sinn für die jungen Generationen Europas?

Nach Bürger- und anderen Kriegen, wo es auf beiden Seiten Täter und Opfer gibt, galt lange das Vergessen als Geheimnis der Versöhnung. «Omnis oblivio et amnestia», wie die Formel des Westfälischen Friedens lautete. Nach Genoziden aber, wo Täter und Schuld auf der einen, Opfer und Unschuld auf der anderen Seite stehen, kann es kein Vergessen geben. Denn die Opfer und ihre Nachkommen würden nie vergessen. Hier ist gemeinsame Erinnerung der einzige Weg zur Versöhnung. Heute, wo sich in Europa die einstigen Erzfeinde zu einer Bundesgemeinschaft vereinigt haben, braucht der Glaube an die gemeinsame Zukunft die Erinnerung an die Schrecken der friedlosen Vergangenheit, um den Segen offener Grenzen und friedlicher Zusammenarbeit würdigen zu können. Das gilt gerade für die jungen Generationen, denen die Erinnerung an die Weltkriege nicht in den Knochen steckt.

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