«Wir kokettieren mit unserem Stress»

Wer nicht gestresst sei, stehe in unserer ­Gesellschaft tendenziell unter Verdacht, ein Faulenzer zu sein, sagt Arbeitspsychologe Theo Wehner. Deshalb findet er die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens eine interessante Herausforderung.

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Herr Wehner, was würden wir tun, wenn wir nicht arbeiten müssten?
Theo Wehner: Ohne Arbeit würden wir kläglich eingehen. Aus der Forschung weiss man, dass Säuglinge, die nur gesäugt werden, sich aber nicht bewegen oder sonst beschäftigen, nach kurzer Zeit verkümmern. Ohne Beschäftigungsreize und sozialen Austausch würden wir unser Wesen ignorieren.

Aber sich beschäftigen heisst nicht zwingend arbeiten.
Tätigsein wird heute leider oft mit der bezahlten Arbeit, mit dem Job gleichgesetzt. Wir trennen unser Leben künstlich in Arbeit und Freizeit. Das führt dazu, dass wir die Probleme der Arbeit nicht in der Arbeit selbst zu lösen versuchen, indem wir sie davon ­befreien. Wir kompensieren die Arbeitsprobleme durch Freizeitaktivitäten.

Wäre das bedingungslose Grundeinkommen, über dessen Einführung wir am 5. Juni abstimmen, ein Schritt in die richtige Richtung?
Erst einmal stellt die Vision eines bedingungslosen Grundeinkommens interessante Fragen nach unserem Menschenbild.

Nämlich?
Bei repräsentativen Umfragen kam heraus, dass die meisten von sich sagen, dass sie trotz 2500 Franken Grundeinkommen noch arbeiten gehen würden, aber dass sie glauben, dass der Nachbar, dieser faule Sack, nicht mehr arbeiten würde. Die Diskussionen laufen so, als wäre jeder ein Minikapitalist und würde um seine Sklaven fürchten. Und dann ist da immer auch die Sorge: Wer macht die Drecksarbeit?

Wer putzt denn unsere Toiletten, wenn jeder 2500 Franken bedingungslos vom Staat bekommt?
Ich oder Sie, wenn wir niemanden finden. Oder diese Arbeit muss anständig bezahlt oder wegrationalisiert werden. Der Markt würde das schon regeln, das ist nun wirklich mal eine Frage von Angebot und Nachfrage.

Wo sehen Sie die Heraus­forderungen eines Grundeinkommens?
Ich denke, unsere Gesellschaft ist darauf nicht vorbereitet, weil wir sehr leistungsorientiert denken und in unseren Köpfen Erwerbstätigkeit nicht vom Einkommen trennen können. Die Sklaven waren auch nicht von heute auf morgen freie Menschen. Und der Feudalismus war ebenso wenig aus den Köpfen verschwunden, als die Feudalherrschaft abgeschafft war.

Wie können wir solche Denkbarrieren überwinden?
Das frage ich mich auch. Viele klammern sich an rationale Rechenspielchen und denken primär darüber nach, dass das Grundeinkommen nie oder eher nicht oder vielleicht doch finanzierbar ist. Man kann Experimente aber nie zu Ende denken – es bleiben Experimente. Man muss den Willen für eine konkrete Utopie haben – und dann geht vieles. Nehmen wir die Einführung des Euro, auch eine konkrete Utopie. Damals waren wir tatsächlich bereit, all die Risiken auf uns zu nehmen, die dieser Systemwechsel erst heute zeigt.

Mit dem existenzsichernden Grundeinkommen besteht das Risiko, dass wir uns sehr viel Selbstverantwortung auf­bürden.
Das ist so. Die Ausrede, dass wir unseren Job nur machen, weil wir das Geld brauchen, wäre hinfällig. Das wäre die zentrale Herausforderung.

Wozu also das Ganze?
Als Arbeitspsychologe kann ich Ihnen nicht garantieren, dass wir zufriedener wären. Aber die Wahlfreiheit würde sich erhöhen und damit auch die Lebensqualität. Dank eines existenzsichernden Einkommens können wir öfter qualitativ tätig sein.

Was heisst das?
Eine Arbeit verrichten, die uns sinnvoll erscheint. Und uns von ihr abwenden, wenn sie keine Sinngenerierung ermöglicht.

Also würde niemand mehr an der Kasse sitzen?
Man kann nicht allgemein sagen, dass es nicht sinnstiftend ist, an der Kasse zu sitzen. Sinn hat nichts mit objektiven Bedingungen zu tun. Die Arbeitsstelle zu verlieren, macht für Ihren Lebensentwurf zwar keinen Sinn, aber Sie können mit dieser Situation deutlich besser umgehen, wenn Sie Ihrer Entlassung einen Sinn abgewinnen können. Es hilft, einen neuen Job zu finden.

Was braucht es, damit uns ein Job befriedigt?
Einerseits muss für uns die Tätigkeit subjektiv Sinn machen, andererseits muss das Arbeits­umfeld stimmen. Der Lohn, die Anerkennung durch die Gesellschaft, die Beziehung zu den ­Vorgesetzten, zu den Kollegen,­ ob es im Büro laut ist oder auf ­der Baustelle kalt, ob der Arbeitsplatz sicher ist und so weiter.

Heute haben wir viele schweisstreibende und monotone Jobs an Roboter ausgelagert. Sind wir mit unserer Arbeit zufriedener als früher?
Gemäss Studien ist die Zufriedenheit relativ hoch, doch ­mehr als ein Drittel ist in der Schweiz resignativ zufrieden. Mit anderen Worten: Die Leute haben keine Hoffnung, dass die Erwartungen erfüllt werden, die sie eigentlich an die Arbeitsstelle haben. Gleichzeitig ist ihnen bewusst, dass es anderswo auch nicht besser ist. Deshalb verharren sie in ihrem Job. Und das ist für die eigene Seele und für ein Unternehmen ein Problem.

Weshalb?
Weil diese Menschen nicht engagiert sind. Konstruktiv Unzufriedene hingegen mischen sich ein. Der Job entspricht zwar nicht ihren Bedürfnissen und Wünschen, aber sie gehen davon aus, dass man noch etwas ändern kann. Ihre Selbstverwirklichung streben sie nicht in der Freizeit oder in der Familie an, sondern bei der Arbeit.

Was ist daran auszusetzen, wenn man sich entscheidet, seine Arbeit einfach als Brotjob zu betrachten?
Dass es leider nicht funktioniert. Arbeit ist immer eine Möglichkeit, die eigene Identität zu bilden. Wenn ich arbeite, stelle ich nicht einfach ein Produkt her oder erbringe eine Dienstleistung. Die Art und Weise, wie ich etwas tue, wirkt immer auf mich ein und formt oder deformiert mich.

Wie denn?
Es formt meine Persönlichkeit, ob ich täglich an der Kasse lächeln muss oder am Computer AHV-Dossiers bearbeite. Einen Gefängnisaufseher beeinflusst die Arbeit anders als eine Journalistin. Die Rückwirkung aber lässt sich nicht verhindern. Deshalb kann niemand behaupten: Es ist nur ein Job. Da erliegen viele einem Selbstbetrug.

Aber man kann doch sagen: Ich definiere mich nicht über meinen Job.
Auch das ist eine zum Scheitern verurteilte Strategie, mit einem unbefriedigenden Job umzugehen. Wenn jemand behauptet: Ach, das mache ich nur wegen des Geldes, wirklich leben tue ich bei meiner Familie oder bei meinem Hobby – lebt er dann wirklich? Das würde bedeuten, dass wir Automaten sind, die einfach den Schalter in die eine oder andere Richtung umlegen können. Oft versuchen wir es, jedoch mit fatalen Folgen.

Welchen?
Wenn man sich zum Beispiel vornimmt, am Wochenende in die Berge zu fahren, aber es regnet schon seit Freitagabend, dann ist das sehr frustrierend, weil sich zu viele Wünsche ans freie Wochenende richten. Oder warum haben wir an Familienfesten oft Streit? Weshalb wird die zweite Urlaubswoche zur Gefahr für Beziehungen? Weil wir unsere Vorstellungen von einem gelungenen Leben, von dem, was unsere Identität ausmacht, komplett auf die Freizeit projizieren. Und deshalb ist der Freizeitstress nicht besser als jener im Geschäft... Stress hat bei uns übrigens eine besondere Stellung.

Nämlich?
Er ist nicht nur negativ konnotiert. Wer nicht gestresst ist, gilt in unserer Gesellschaft tendenziell als unbedeutend oder gar als Faulenzer. Wir kokettieren mit dem Gestresstsein.

Aber Stress stresst, egal, ob gesellschaftlich erwünscht oder nicht.
Unser Körper ist auf Stress eigentlich sehr gut vorbereitet. Wenn Gefahr droht, sind wir dank Stresshormonen in der Lage, eine Leistung zu erbringen, die sonst nicht möglich wäre. Diese Hormone reichen aber nicht für ein 50-jähriges Arbeitsleben mit einem 8-Stunden-Tag.

Wieso nicht?
Im Zusammenhang mit Stress stellen wir uns zwei Fragen: Was bedroht mich? Und kann ich es bewältigen? Wenn die Bedrohung permanent ist, vermittelt uns die Stressbewältigung im Nachhinein keinen positiven Effekt mehr. Stattdessen entwickeln wir Angst vor dem nächsten Stressauslöser, mit dem Resultat, dass unsere Ressourcen zur ­Bewältigung immer geringer werden.

Moderne Gesellschaften haben also Existenzängste durch Stress ersetzt?
In wohlhabenden Ländern wie in der Schweiz stimmt das weitgehend. Was hier wächst, ist die Sorge um die Leistungserbringung, die mit Stress verbunden ist. Kann ich morgen noch das leisten, was ich heute geleistet habe?

Diese Sorge hatten die Menschen früher auch schon.
Aber nicht kontinuierlich. Es kamen nicht täglich wilde Tiere auf sie zu, vor denen sie ihre Existenz verteidigen mussten. Heute müssen wir ständig hohe Leistung erbringen, während mehrerer Jahre. Früher konnten die Menschen den Arbeitsrhythmus mit der Natur synchronisieren. Man konnte nicht zu jeder Jahreszeit aufs Feld, man konnte auch nicht täglich Zwiebeln ernten und verkaufen. Heute arbeiten wir im Takt, Montag bis Freitag, acht bis fünf. Und die Taktzeiten lassen sich durch Technik immer weiter verkürzen. Vor dreissig Jahren haben wir die gleichen Produkte und Dienstleistungen mit doppelt so vielen Arbeitskräften hervorgebracht wie heute.

Wieso leiden wir dann an Burn-outs, wenn dank der Technik vieles einfacher geht?
Weil wir den Effizienz- und Ökonomiegedanken so sehr verinnerlicht haben, dass wir uns freiwillig selbst ausbeuten.

Das heisst, wir übertragen den Leistungsgedanken auch auf unsere Selbstverwirklichung?
Ja, wir glauben, wir seien nur dann wir selbst und Teil des Ganzen, wenn wir Leistung erbringen. Die Ökonomie ist – irrtümlicherweise – unsere Leitdisziplin. Das betriebswirtschaftliche Denken geht sogar so weit, dass das Volk in der Schweiz sechs Wochen Ferien an der Urne abgelehnt hat. Das ist doch, ausser aus der Unternehmerperspektive, abwegig.

Viele hatten Angst, dass sie die Arbeit des Kollegen übernehmen müssten, wenn er in den Ferien ist. Oder dass sich das Unter­nehmen eine zusätzliche Woche Ferien nicht leisten kann.
Eben. Wir tun so, als wären wir selbst die Firma! Aber das ist doch nicht unser Problem als Arbeitnehmer. Der Unternehmer muss damit fertigwerden. Bei einem Automobilzulieferer in der Ostschweiz hat die Frankenkrise im letzten Jahr sogar so weit geführt, dass die Mitarbeiter selbst vorgeschlagen haben, ein paar Stunden umsonst zu arbeiten.

Was stört Sie daran?
Sofern sich der Firmeninhaber mit einem Bonus bedankt, wenn es seinem Unternehmen wieder besser geht, habe ich nichts dagegen. Aber meist passiert das eben nicht.

Theo Wehner (67) ist emeritierter Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie. Von 1997 bis 2014 war er an der ETH Zürich tätig. Zu seinen Forschungsgebieten gehören die Freiwilligenarbeit, die psychologische Fehlerforschung und das Verhältnis von Erfahrung und Wissen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.04.2016, 13:03 Uhr

Bedingungsloses Grundeinkommen

Von Namibia bis Finnland: Die Welt testet eine Vision

Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) ist nicht neu. Sie wird oder wurde in verschiedenen Ländern weltweit getestet. Einige Beispiele:

Finnland: 2017 soll hier das bedingungslose Grundeinkommen getestet werden. Ein Ort mit mindestens 10'000 Einwohnern und zusätzlich 10'000 zufällig ausgewählte Personen im arbeitsfähigen Alter erhalten 800 Euro im Monat. Es gibt auch eine Kontrollgruppe ohne BGE. Das Experiment, das zwei Jahre lang laufen soll, wurde von der bürgerlich-nationalistischen Regierung angestossen.

Niederlande: Ein Pilotprojekt in Utrecht will rund 300 Personen 1000 Euro im Monat geben. Eine Gruppe bekommt das Geld bedingungslos, eine Gruppe als Sozialhilfe (die Personen dürfen nicht arbeiten) und eine weitere Gruppe nach einem bestimmten Anreiz- und Belohnungssystem.

Namibia: Während zweier Jahre bekamen die Einwohner von Otjivero-Omitara rund 6 Euro im Monat. Finanziert wurde das Projekt mit Spendengeldern. Die Wirkung: Die Unterernährung bei Kindern wurde gestoppt, 90 Prozent der Kinder beendeten die Grundschule (davor 40 Prozent), kleine Unternehmen wurden gegründet, die Kaufkraft nahm zu, Diebstähle und Wilderei nahmen um 60 Prozent ab.

Brasilien: 2004 hat Brasilien als erster Staat das Recht auf ein ­bedingungsloses Grundeinkommen in die Verfassung aufgenommen. Ein Pilotprojekt im Dorf Quatinga Velho läuft seit 2008. Das BGE, das von einer NGO finanziert wird, beträgt monatlich rund 11 Euro. Die Wirkung: Die Dorfbewohner investieren das Geld in die Verbesserung der Wohnverhältnisse, in ihre Kinder und in unternehmerische Aktivitäten.

Würden Bernerinnen und Berner noch arbeiten, wenn sie bedingungslos 2500 Franken im Monat erhielten? (Video: Lucie Machac, Martin Bürki)

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