Wie viel Sonne ist noch gesund?

Zu viel Sonne kann schaden, klar. Wahr ist aber auch, dass wir ohne Sonne nicht leben können. Auf die richtige Dosis kommt es an.

Endlich Sommer! Die warme Jahreszeit weckt unsere Lebensgeister, birgt aber auch gesundheitliche Risiken. Foto: Hans Blossey (Getty Images)

Stefan Aerni

Jedes Jahr das Gleiche. Kaum ist der Sommer da, wird er uns schon wieder madig gemacht. Von allen Seiten prasselts auf uns herein: dass wir uns vor der Sonne schützen müssen, mit Brillen, Kleidern und Hüten. Oder mit Sonnencreme. Je dicker aufgetragen, je höher der Lichtschutzfaktor, desto besser. Und über Mittag sollten wir uns am besten gar nicht mehr nach draussen wagen.

Die Angst vor der bösen Sonne ist ­tatsächlich nicht unbegründet: Seit den frühen 80er-Jahren haben sich die Hautkrebsfälle in der Schweiz mehr als verdoppelt. Am gefährlichen schwarzen Hautkrebs (Melanom) erkranken inzwischen jedes Jahr rund 2700 Menschen, 320 sterben daran. Noch eindrücklicher ist die Zunahme beim weniger gefährlichen weissen Hautkrebs. Der befällt pro Jahr rund 25'000 Personen, sogar jede dritte Person im Pensionsalter leidet an einer Vorstufe von weissem Hautkrebs. Mit diesen Zahlen ist die Schweiz unrühmliche Spitze in Europa.

Falscher Umgang mit der Sonne

Das liegt freilich nicht nur an der Sonne, sondern auch daran, dass wir immer älter werden und bei uns die Früh­erkennung sehr gut funktioniert. Gleichwohl müssen wir unseren Umgang mit der Sonne überdenken und uns vom Wunschbild eines braun gebrannten Körpers trennen. Denn verantwortlich für die Zunahme des Hautkrebses hierzulande sei vor allem das übermässige Sonnenbaden, warnen Bundesamt für Gesundheit (BAG) und Krebsliga. Kommt hinzu, dass Wissenschaftler seit Jahren eine Ausdünnung der schützenden Ozonschicht beobachten; dadurch gelangen die Sonnenstrahlen zunehmend nur ungenügend gefiltert auf die Erde. Eine Entwicklung, die sich mit den Erfahrungen des Aarauer Hautarztes Felix Bertram (43) deckt: «Mir scheint die Sonne aggressiver geworden zu sein, das zeigt sich vor allem an der markanten Zunahme des weissen Hautkrebses.» Die Forderung nach wirksamen Gegenmassnahmen ist also durchaus berechtigt.

Doch der rigorose Sonnenschutz hat auch seine Schattenseiten. Der Mensch braucht die Sonne, damit er Vitamin D bilden kann. Das ist mehr als bloss ein Vitamin, es ist die Vorstufe eines Hormons und als solches lebensnotwendig. So wird ein Mangel des «Sonnenhormons», wie Vitamin D auch genannt wird, heute in Zusammenhang gebracht mit einer Reihe gravierender Zivilisationskrankheiten wie Osteoporose, multiple Sklerose, Herz-Kreislauf-Probleme, Krebs, Diabetes oder Demenz.

«Die Lichttherapie gilt als bewährtes Mittel gegen Depressionen.»Romana Feldmann, Psychologin

Beträchtlich sind die Auswirkungen der Sonne auch auf das psychische Wohlbefinden. «Dass wir im Sommer mehr Lebenslust und Energie verspüren als im Winter, kann wohl jeder selbst bestätigen», sagt die Zürcher Psychologin Romana Feldmann (37). «So gilt die Lichttherapie als bewährtes Mittel gegen Depressionen.» Der Mechanismus dahinter: Durch die Helligkeit wird verstärkt das Glückshormon Serotonin ausgeschüttet – und im Gegenzug die Produktion des Schlafhormons Melatonin gedrosselt.

Ob multiple Sklerose, Demenz oder Depressionen: Auffällig ist, dass all diese Krankheiten umso häufiger auftreten, je weiter die Betroffenen vom Äquator entfernt leben. Und besonders gefährdet zu sein scheinen Menschen mit einem tiefen Vitamin-D-Spiegel.

Auf Vitamin-D-Bildung achten

Dass es mit der Versorgung dieses Vitamins in unseren Breitengraden nicht zum Besten steht, ist nicht neu. Bereits im Jahr 2010 hatte eine kanadische Studie ergeben, dass 59 Prozent der Menschen in Industrieländern an einem Vitamin-D-Mangel leiden. Ganz ähnlich die Situation denn auch in der Schweiz: Gemäss einer Untersuchung von Luzerner Hausärzten im Jahr 2013 an 800 Patienten wiesen 90 Prozent «keine optimale Deckung» ihres Vitamin-D-Bedarfs auf, 45 Prozent hatten einen Mangel, 9 Prozent einen schweren Mangel.

Vitamin D kann man zwar auch über die Nahrung aufnehmen; enthalten ist es etwa in fettem Fisch (Lachs, Aal, Hering), Tierlebern oder in der Milch. Doch das sind, abgesehen vielleicht von Milchprodukten, nicht gerade die beliebtesten Lebensmittel. Zudem lassen sich ohnehin nur etwa 20 Prozent des Vitamin-D-Bedarfs über die Ernährung decken, den grossen Rest muss der Körper mithilfe der Sonne selbst produzieren: Treffen ihre UV-B-Strahlen auf die Haut, bildet sich das lebenswichtige Vitamin.

Anderswo sind Behörden weniger streng

Eine genaue Dauer der Sonnen­exposition zu empfehlen, ist kaum möglich. Einfallswinkel der Strahlen (Breitengrad, Tages-/Jahreszeit) und Hauttyp spielen mit eine Rolle. Das Bundesamt für Gesundheit umschreibt es so: Um eine ausreichende Vitamin-D-Bildung sicherzustellen, sei mindestens drei- bis viermal pro Woche ein «kurzer Aufenthalt» an der Sonne nötig, bei dem Arme, Hände und Gesicht unbedeckt sind. Spätestens danach sollte man laut BAG die Haut mit Sonnenschutz versehen.

Anderswo in Europa sind Behörden und Fachgesellschaften weniger streng: Die britische Krebsforschung zum Beispiel oder die Osteoporosegesellschaft fordern die dortige Bevölkerung ausdrücklich dazu auf, sich der Gesundheit zuliebe mehr im Freien und an der Sonne aufzuhalten.

Hellhäutige sind krebsanfälliger

In der Schweiz mit ihrer hohen Hautkrebsrate ist man zurückhaltender. Vor allem die Hautärzte mahnen zur Vorsicht. Felix Bertram findet es sinnvoll, wenn man sich im Sommer grundsätzlich nur geschützt der Sonne aussetzt. Das gelte vor allem für hellhäutige Menschen. Aber auch normale oder dunkle Haut müsse geschützt werden, falls der Aufenthalt an der Sonne länger als 10 bis 15 Minuten dauere.

Für alle, die die Vorzüge des Sonnenlichts trotzdem nutzen wollen, hat der Dermatologe zum Schluss eine gute Nachricht: «Auch geschützte Haut kann Vitamin D bilden. Denn selbst die beste Sonnencreme blockt die UV-Strahlen nicht vollständig.» Und wenn jemand auf Nummer sicher gehen will, dem rät Bertram, zusätzlich ein Vitamin-D-Präparat zu nehmen. «Das ist immer noch besser, als zu lange an der Sonne zu sein und einen Hautkrebs zu riskieren.»

Wer unsicher ist, ob er genug Vitamin D hat, kann sich beim Hausarzt oder in einzelnen Apotheken testen lassen. Beim Arzt übernimmt in der Regel die Krankenkasse die Kosten (ca. 50 Fr.).

Tages-Anzeiger

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