Wie ich die Eltern an die Schwerhörigkeit verliere

Weil Vater und Mutter immer schlechter hören, kommt es mir vor, als kämen sie mir zu Lebzeiten abhanden. Sie werden unerreichbar, als wären sie in sich selber eingesperrt. Einsam und mit leerem Gesichtsausdruck sitzen sie bisweilen unter lauter quatschenden Leuten.

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(Bild: Karin Widmer)

Mutters Hörgerät ist kaputt. Ich stelle mir vor, dass sie sich nun vorkommt wie eine Taucherin unter Wasser. In einer Blase der Stille. Das Gerede der Leute ist bloss noch ein fernes, undeutliches Blubbern. Würde man ihr Hörgerät wieder einschalten, wäre das für Mutter, als tauche sie aus einem 50-Meter-Schwimmbecken eines Freibads auf und werde vom Geschrei der Badenden überfallen.

Wenn ich Mutter treffe – sie wird bald 83 –, dann meiden wir Lokale zur Hauptessenszeit. Sie hat mir erklärt, dass das Hörgerät in einem Raum mit vielen Gesprächen wie ein Lautsprecher wirkt, der alle Stimmen zu einem Potpourri zusammenmixt. Wo eine Stimme herkommt, ist schwer auszumachen, weil alle gleich laut tönen. Alle Leute im Lokal scheinen dann auf sie einzureden, so dass sie in diesem Gebrüll die Stimme ihres Sohns nicht mehr herausfiltern kann. Die Sprechbewegungen meines Unterkiefers dürften ihr vorkommen wie Kaubewegungen beim Essen, die man nicht weiter beachten muss.

Seit ich das weiss, gehe ich mit Mutter nachmittags zwischen 15 und 16.30 Uhr in schwach besetzte Altfrauencafés. Wir wählen einen Zweiertisch an der Wand, fern vom Eingang, dort, wo möglichst wenig Publikumsverkehr herrscht. Ich höre ihr dann zu, wenn sie erzählt, was sie beschäftigt. Oft sind es Mitteilungen über das fortschreitende Ableben in ihrem schrumpfenden Bekanntenkreis. Oder Erinnerungen an lange vergangene Reiseerlebnisse, über die wir lachen. Wenn ich rede, dann erzähle ich, was sie hören will: Zum Beispiel, wie es ihren Enkeln in der Schule so geht.

Vater – er ist bald 85 – hat immer noch kein Hörgerät. Er weigert sich. Dass er nicht mehr ganz bei uns ist, auch wenn wir miteinander an einem Tisch sitzen, realisierte ich an jener Familienrunde, die mein Bruder etabliert hat. Jeweils am Samstag treffen wir uns in einem Selbstbedienungsrestaurant der Stadt mit Vater zum Familiengespräch. Aber Vater beteiligte sich immer weniger an diesem Gespräch. Ich wunderte mich: Da sitzen wir doch eigens zusammen, damit er mit uns reden kann, und er nimmt die Gelegenheit nicht wahr.

Zuerst fiel mir auf, wie seltsam abwesend sein Gesichtsausdruck war. Er muss müde sein, dachte ich. Oder er ist beleidigt, dass wir anderen von unserem ereignisreichen Alltag berichten und für einmal nicht sein Leben im Mittelpunkt steht. Aber dann merkte ich, dass er bei den Versuchen, sich ins Gespräch einzuklinken, oft nach Dingen fragte, die wir am Tisch eben ausführlich behandelt hatten. Er hinkte dem Gespräch hinterher, wie wenn im Fernsehen der Ton erst nach der Sprechbewegung des Munds folgt. Wir andern tauschten uns im üblichen schnellen Gesprächspingpong aus. Vater verpasste fast jeden Ballwechsel.

Ich dachte mit Schrecken: Das ist der Beginn einer Demenz. Dann merkte ich: Nein, er hört einfach nicht mehr gut. Vater kann kaum mehr mit mehreren Personen gleichzeitig sprechen. Wenn ich bei ihm oder bei mir zu Hause mit ihm reden will, dann setze ich mich ihm frontal gegenüber und beuge mich etwas vor über die Tischplatte, damit er mich hört.

Ich schaue ihm ins Gesicht, damit ich darin ablesen kann, ob er mitbekommen hat, dass ich ihn anspreche. Ich spreche langsam, laut und deutlich. Ich mache Pausen, damit das Gesagte in Vaters Kopf ankommen und sich dort setzen kann. Meine Ungeduld unterdrücke ich mit Mühe.

Erst taten mir Mutter und Vater leid. Wer nicht mitkriegt, was man ihm sagt, bleibt aussen vor, wird überhört und übersehen. Schwer Hörende sind in sich selber eingesperrt. In Vaters leerem Gesichtsausdruck im Selbstbedienungsrestaurant lese ich, dass er einsam und unbeachtet mitten in der quatschenden Gesellschaft sitzt. Wäre er nicht mein Vater, würde ich gar nicht auf ihn eingehen. In meiner Ungeduld würde ich ihn für einen störrischen, begriffsstutzigen Alten halten.

Vater hat noch weit über die Pension hinaus in seinem Job als Akustiker weitergearbeitet. Ein schwerhöriger Akustiker! Er höre noch gut genug, und den Mangel mache er mit seiner Erfahrung wett, erklärte er mir, als es längst klar war, dass das Gegenteil wahr war. Von einem Hörgerät lässt er sich immer noch nicht überzeugen. Bloss seine Auffassungsgabe sei etwas langsamer geworden, behauptet er. Dann ärgert er mich.

Wer schlecht hört, entwickelt eine besondere Form von Altersarroganz. Er oder sie muss sich vieles nicht mehr anhören: Etwa Einspruch und Kritik. Oder Unangenehmes wie die Frage nach dem Umzug in ein Altersheim. Schwerhörige haben immer recht. Wenn ich mit Vater oder Mutter rede, begleitet mich ein Misstrauen: Hören sie vielleicht doch, was ich sage, tun aber so, als hätten sie es nicht gehört?

Kürzlich rief Mutter an. Wir wollten einen gemeinsamen Ausflug planen und bekamen sofort Streit. Über die Reiseroute, über die Wahl von Zug oder Mobility-Auto. Sie wisse nicht, ob sie zu mir ins Auto steige, und wann ich überhaupt zum letzten Mal am Steuer gesessen sei, bellte sie mich an. Ich log die Zeit seit meiner letzten Autofahrt zurecht und wurde laut. Mutters plötzliches Selbstbewusstsein, ihr Forderungston, ihr Widerspruch forderten mich heraus. Erst später erfuhr ich, dass ihr Hörgerät kaputt ist.

Ich werde jetzt oft laut, wenn ich mit Vater oder Mutter rede. Beim Schreien beraubt man sich aber der Zwischentöne. Wenn alles gleich laut tönt, ist auch alles gleich wichtig oder unwichtig. Man reduziert seine Rede dabei auf Schlagzeilen wie in den Boulevardmedien. Die Lautstärke, merke ich beim Reden mit Vater oder Mutter, färbt auch auf die Aussage ab. Ich spreche nur noch in Hauptsätzen. Ein Subjekt – ich, du oder Nachbar Müller – und ein aktiv konjugiertes Verb. Ich mache Sätze, in denen ein Mensch eindeutig handelt: Er reist ab, er kauft etwas, er bekommt Besuch, er hat Schmerzen, er stirbt.

Wer laut wird, ist grob. Kinder schreit man an und Hunde. Aber doch nicht die eigenen Eltern. Das haben sie nicht verdient, nach allem, was sie ein Leben lang für mich getan haben. Wer seine Eltern anschreit, behandelt sie wie kleine Kinder, verkauft sie für dumm. Ich war nicht vorbereitet, dass ich als erwachsener Sohn meine betagten Eltern anschreien würde. Mein latent schlechtes Gewissen, meinen Eltern zu wenig Aufmerksamkeit und Zeit zu schenken, verschärft sich dadurch.

Zum Glück, denke ich, sind Mutter und Vater schon lange geschieden. Wären meine Eltern noch zusammen, müssten sie sich den ganzen Tag anschreien, um sich verständigen zu können. Wer sich aber dauernd anschreit, bekommt automatisch Streit. So würden sich meine Eltern entzweien, auch wenn sie dazu vielleicht gar keinen konkreten Anlass hätten. Aber vielleicht übertreibe ich.

Mit Mutter war ich immer verbunden durch Gespräche. Wir redeten viel und gern,auch wenn wir stritten, auch wenn ich ihre Unterwürfigkeit kritisierte und sie meine Eitelkeit. Wir redeten über Bücher, die wir beide gelesen hatten. Ich erzählte erst von meiner Ausbildung, dann von der Ausbildung ihrer Enkel. Und sie rapportierte über Vater: frech, giftig, manchmal witzig. Die Gespräche mit Mutter waren locker, perlten wie Flüssigkeit, stellten sofort Nähe her. Jetzt ist das Reden mit ihr anstrengend geworden. Es hat seine Leichtigkeit und Eleganz verloren. Manchmal macht mich das traurig.

Aber dann denke ich: Ich überschätze das Mündliche. Zusammensein, sich nahekommen, das geht doch auch ohne Gerede. Wenn das Reden schwieriger und knapper wird, dann wird es immerhin kostbarer. Ich mache jetzt ab und zu einen Ausflug mit Mutter oder Vater. Ich gehe als Fremdenführer voran, ich beseitige anstehende Reiseprobleme, ich sitze ihnen gegenüber, zwischen 15 und 16.30 Uhr in einem ruhigen Café. Ich muss vielleicht eine neue Kontaktform mit meinen Eltern finden. Vielleicht sollte ich sie ab und zu an der Hand nehmen, umarmen. Aber wer berührt schon gern seine betagten Eltern?

Mutter und Vater kommen mir abhanden. Schwerhörig zu werden ist eine Art des Wegsterbens zu Lebzeiten. Ich bemühe mich, von ihnen noch etwas mitzubekommen. Während sie von mir immer weniger mitbekommen.

Das Schlimme ist: Man kriegt nicht richtig mit, dass man immer weniger hört. Gerade weil man eben nicht mehr gut hört. Man realisiert nicht, dass es zu einem Problem wird.

Manchmal streift mich eine Angst: Werde ich selber den Zeitpunkt bemerken, wo ich nicht mehr alles mitkriege? Werde ich mir früh genug ein Hörgerät anschaffen? Es trifft mich wie ein Giftpfeil, wenn ich abwesend Zeitung lese und mein Sohn wiederholt etwas fragt und verärgert anfügt, ob ich eigentlich nicht mehr gut hören würde.

Ist es schon so weit?

Berner Zeitung

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