Wenn Mama für die Tochter Cannabis anbaut

Wenn ein Kind von epileptischen Krämpfen gepackt wird, ist das für die Eltern kaum zu ertragen. In Chile organisieren Mütter den Anbau von Marihuana – auch wenn das streng verboten ist.

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Paulina Bobadilla war mehr als verzweifelt. Ihre kleine Tochter Javiera wurde immer wieder von epileptischen Anfällen geschüttelt und die Medikamente halfen nicht mehr. Die Sechsjährige war so benommen vom Schmerz, dass sie sich wie in Trance selbst die Fingernägel ausriss und ihre kleinen Finger bluteten.

Paulina hielt es nicht mehr aus. Sie fuhr mit Javiera auf eine Bergstrasse, um sie und sich im Auto über eine Felskante zu stürzen. «Ich wollte nur noch zusammen mit ihr sterben», sagt die 34-Jährige heute – gut anderthalb Jahre später. «Ich sagte zu ihr: «Das ist es»», erinnert sie sich. «Aber dann sagte sie: «Mama, ich liebe Dich.» – Ich sah sie an und wusste, ich muss weiter kämpfen.»

300 Anfälle pro Tag

Das Gefühl der Verzweiflung über das Leid ihres epileptischen Kindes kennen auch andere Eltern ich Chile nur zu gut. Einige von ihnen greifen in ihrer Not zu einem uralten Mittel: Marihuana.

Gabriela Reyes etwa ist sich sicher, dass das aus der Pflanze gewonnen Cannabisöl ihrem sieben Monate alten Lucas das Leben gerettet hat. Die ersten Lebensmonate verbrachte der Kleine in einem Krankenhaus, wo ihn pro Tag bis zu 300 Anfälle ereilten. Als die krampflösenden Medikamente bei ihm nicht mehr ansprachen, hätten die Ärzte sie auf das Ende vorbereitet.

Zwei Tropfen ins Fläschchen

Da habe sie Lucas täglich zwei Tropfen Cannabisöl ins Fläschchen getan, sagt die Mutter. Seither sei die Zahl der Anfälle auf etwa zwölf pro Tag zurück gegangen. Luca könne normal essen und habe neulich zum ersten Mal Kartoffelbrei genascht.

Das Problem der Eltern: Der Anbau von Marihuana steht in Chile unter Strafe. Die Einnahme der Droge ist zwar erlaubt, wer die Pflanze aber züchtet, verkauft oder transportiert, muss mit bis zu 15 Jahren Gefängnis rechnen. Wer eine Ausnahmegenehmigung für medizinische Zwecke haben will, hat einen zeitraubenden bürokratischen Hürdenlauf vor sich. Ein Gesetzentwurf, der diese Art des Drogenkonsums legalisieren soll, kommt im Parlament nicht recht voran.

Austausch bei Geheimtreffen

Etwa 100 Eltern haben sich zu einer Gruppe mit dem Namen «Mama Cultiva» (Mama züchtet) zusammengeschlossen. In Geheimtreffen bringen sie sich gegenseitig bei, wie man Marihuana anbaut und Cannabisöl aus der Pflanze gewinnt. Sie tauschen Tipps aus und laden Experten ein.

Auch Paulina Bobadilla hat sich der Gruppe angeschlossen. Seit sie ihrer Tochter jeden Tag ein paar Tropfen Cannabisöl gibt, ist ihr Leben erträglich geworden. Javiera schlafe besser und sei weniger reizbar. «Wir haben die ersten echten Ergebnisse schon nach einer Woche gesehen: Die Anfälle gingen von sieben starken am Tag auf nur noch einen zurück», berichtet sie.

Mühseliges Unterfangen

Aber der Anbau ist nicht nur kriminell, er ist auch ein mühseliges Unterfangen. Susana, eine Mutter, die ihren Nachnamen nicht nennen will, übt bei einem Treffen von «Mama Cultiva» die Vermehrung der Marihunapflanzen. Während ihr Mann sich um den Sohn kümmert, der gerade wieder von einen Anfall gepackt wird, berichtet sie, manchmal reiche der Ertrag ihres Hinterhofanbaus nicht.

Dann müsse sie zusätzliche Pflanzen bei Drogenhändlern kaufen. Einer von diesen habe sie neulich hinters Licht geführt und ihr einen Marihuana-Setzling verkauft, aus dem sich kein Öl gewinnen lässt. «Ich habe ihm erklärt, dass es für meinen kranken Sohn ist und dass ich Marihuana von der weiblichen Pflanze brauche, aber er hat mir eine männliche verkauft», berichtet sie.

Pilotprojekt nur für Erwachsene

Der Stadtrat von Santiago hat vor kurzem ein Pilotprojekt zum Anbau von medizinischem Marihuana gestartet – das erste in Chile. Die Universität soll herausfinden, wie wirkungsvoll die Droge als Schmerzmittel bei erwachsenen Krebspatienten wirkt. Aber «Mama Cultiva» darf sich nicht beteiligen, denn die Gruppe kümmert sich um Kinder.

Die Direktorin der Chilenischen Nationalbehörde zum Schutz vor Drogenmissbrauch, Lidia Amarales, räumt zwar ein, dass Marihuana erwiesenermassen bei der Behandlung epileptischer Anfälle hilft. Aber die Anwendung bei Kindern könne auch negative Folgen haben, warnt sie. Der Nationale Gesundheitsdienst und andere Behörden vertritt die Auffassung, die Droge wirke medizinisch unzureichend und sei gesundheitsschädlich.

80 statt 645 Euro

Bevor Bobadilla Zuflucht zu Cannabisöl nahm, gab sie pro Monat etwa 645 Euro aus, um die Medikamente für ihre Tochter zu bezahlen. Das ging so sehr ins Geld, dass sie am Ende ihren Friseursalon verkaufen mussten. Weil sie das Öl selbst herstellen kann, braucht sie jetzt nur noch etwa 80 Euro für die Behandlung.

Nach Angaben der Daya-Stiftung, die Schmerztherapien unterstützt, gibt es in Chile etwa 15'000 Kinder, bei denen die herkömmlichen Arzneien gegen Epilepsie nicht helfen. Deren Rechte seien wichtiger als Profitstreben der pharmazeutischen Industrie, sagt Daya-Präsidentin Ana Maria Gazmurri.

Im September war Bobadillas Cannabisöl für Javiera alle. Ihr Onkel kaufte 23 Gramm von einem Rauschgifthändler und wurde prompt von der Polizei geschnappt. Das könnte ihm bis zu fünf Jahre Gefängnis einbringen. «Ich habe nicht mal Angst, ins Gefängnis zu kommen», sagt Paulina Bobadilla. «Wovor ich mich fürchte, ist, dass sie uns die Medizin wegnehmen.»

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