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Was tun gegen Manspreading?

Die Antwort auf eine Stilfrage zu raumfüllenden Männern.

Dieses breitbeinige Dasitzen ist einfach nicht die feine Art: Manspreading in der Stockholmer Metro. Foto: Peter Isotalo (Wikimedia)
Dieses breitbeinige Dasitzen ist einfach nicht die feine Art: Manspreading in der Stockholmer Metro. Foto: Peter Isotalo (Wikimedia)

Kürzlich im Wartezimmer beim Arzt: Ein ca. 35-jähriger, gut gekleideter, schlanker, grosser Mann setzt sich nach der Begrüssung, wie Männer das (leider!) so tun, breitbeinig hin – der gute Eindruck war sofort dahin. Aber es ging noch weiter: Im Schritt war ein ziemliches Stück der Naht geplatzt, eine weisse Unterhose blitzte hervor und wollte gesehen werden. Ich hatte Mühe, nicht loszu­lachen, überlegte ernsthaft, ob ich ihn diskret darauf aufmerksam machen sollte. Ich tat es nicht. Hätte ich sollen? Er wäre wohl knallrot geworden.H. L.

Liebe Frau L., wir haben hier einen sehr schönen Fall von Manspreading vorliegen, ja, geradezu ein Lehrbuchbeispiel ist es. Denn es handelt sich keineswegs um einen subjektiven Eindruck Ihrerseits, dass Sie das mit diesem breitbeinigen Hinsitzen doof finden. Es ist sozusagen anerkannt doof, und deshalb gibt es einen Fach­ausdruck dafür, und der heisst eben: Manspreading.

Er ist derart offiziell und anerkanntermassen doof, dass in der New Yorker U-Bahn Schilder hängen, auf denen steht: «Dude, stop the spread, please», was ich überaus charmant finde, jetzt so von der Formulierung her. Dass es den Hinweis überhaupt braucht, ist weniger charmant. Dieses breitbeinige Dasitzen, dieses Wegnehmen von Platz und Einnehmen von Raum, das ist einfach nicht die feine Art.

Das Manspreading macht einen Mann nicht attraktiver.

Das ist plump und grob und arrogant, und solche Männer mag man nicht, weil es viel über ihr Selbstverständnis aussagt, wonach sie offenbar der Meinung sind, dieses Platzversperrende, Raumgreifende stehe ihnen zu, und zwar allein aufgrund ihres Geschlechts. Das Manspreading, wir wollen es so festhalten, macht einen Mann nicht attraktiver.

Item. Jetzt zu dieser Unterhose, die da so hervorblitzte bei Ihrem Studien­objekt in diesem Wartezimmer. Natürlich wäre es nett gewesen, den armen Tropf darauf aufmerksam zu machen. Nur schon aus reiner Nächstenliebe. Wer weiss, wo die beiden noch überall sonst Termine hatten an besagtem Tag, er und seine Unterhose!

Und dann wäre ja etwas viel Wichtigeres hinzugekommen, nämlich ein edukatives Element: Hätte sich der Manspreader ob seines Malheurs geschämt – das er ja wiederum ausschliesslich seinem Manspreadertum verdankte –, wäre ihm das derart grausam in Erinnerung geblieben, dass er womöglich künftig von dieser Attitüde Abstand genommen hätte. Sie hätten da also eventuell etwas bewirken können, liebe Frau L., und zwar mit einem Effekt, von dem doch heute alle dauernd reden: Richtig nachhaltig hätte der sein können.

Wobei: Vermutlich nicht. Es ist davon auszugehen, dass es der gemeine Manspreader einfach nicht so mit dem Schämen hat.Bettina Weber

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