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Was tun gegen lautes Telefonieren im Zug?

Die Antwort auf eine Stilfrage aus dem Pendlerverkehr.

Es ist bünzlig, die Faust im Sack zu machen aus Angst, man könnte für bünzlig gehalten werden: Pendler in einem Intercity. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)
Es ist bünzlig, die Faust im Sack zu machen aus Angst, man könnte für bünzlig gehalten werden: Pendler in einem Intercity. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Ich bin Hardcore-Pendlerin. Jeden Tag werde ich, zusammen mit dem ganzen Zugabteil, zum Mithören von Telefongesprächen oder lauter Musik gezwungen oder dazu, intensive Gerüche von Speisen wie Curry zu ertragen. Liegt es an Egoismus, mangelnder Empathie oder einfach an Gedankenlosigkeit? Bin ich ein Bünzli, wenn ich etwas sage? Oder muss ich mich in Toleranz üben, da es sich um eine Art öffentlichen Raum handelt? Meine Mitpendler sagen nie etwas, wir werfen uns nur verärgert Blicke zu. Aber man kann sie förmlich sehen, die Comic-Gedankenblasen über unseren Köpfen: Blitze, Giftflaschen und Marterpfähle.G. H.

Liebe Frau H.Das Bild dieser Unmengen stumm-schnaubender Comic-Gedankenblasen, die da in den Waggons von ICEs undS-Bahnen durch die Schweiz fahren, hat mir ungemein gefallen und mich in sehr vergnügte Stimmung versetzt. Sie haben Humor, eindeutig, und deshalb können Sie gar kein Bünzli sein. Womit wir mitten beim Sujet wären.

Es ist überaus kurios, dass der gemeine Mitmensch sich mehr davor fürchtet, ein Bünzli zu sein, als davor,sagen wir, ein Rüpel zu sein. Oder ein Grobian. Oder sonst ein Unsympath. Irgendwie rangiert der Bünzli auf der Uncool-Liste ganz zuunterst, aber das ist einleuchtend in einer Gesellschaft, die sich der Maximaltoleranz verschrieben hat. Beziehungsweise: die diese als Gipfel der Coolness ausgerufen hat. Wobei das eben ein wahnsinniges Missverständnis ist.

«When they go low, we go high.»

Michelle Obama

Denn, erstens: Das Zusammenleben erfordert grundsätzlich ein gewisses Mass an Rücksicht und Anstand. Das macht es für alle viel schöner, und es ist ja jetzt nicht so, dass die Welt kein Verschönerungspotenzial hätte. Zweitens: Es ist bünzlig, Anstand und Rücksicht für bünzlig zu halten. Drittens: Es ist erst recht bünzlig, die Faust im Sack zu machen aus lauter Angst, man könnte für bünzlig gehalten werden, wenn man jemandem freundlich erklärt, dass einen etwas stört. Das ist verklemmt und feige und damit eben: bünzlig. Zudem, viertens, würde die Maxime der Toleranz bedingen, dass Ihrem Wunsch oder Ihrer Bitte nach Ruhe oder der Abwesenheit von geruchlichen Immissionen mit Toleranz begegnet wird. Eigentlich.

Dem ist aber natürlich nicht so. Mit unflätigen Reaktionen ist unbedingt zu rechnen, weil die Unflätigen längst gewonnen haben. Das macht uns nicht froh, aber wir halten trotzdem dagegen. Indem wir jedes Mal unseren Unmut kundtun. Höflich. Lächelnd. Unerbittlich. Und innerlich Michelle Obama zitierend, die einst sagte: When they go low, we go high.

Das, liebe Frau H., ist Coolness.Bettina Weber

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