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Was ist eine «psychoanalytische Identität»?

Die Antwort auf eine Leserfrage über Berufsbezeichnungen und Selbstdarstellung.

Das ist der Teppich von Carl Gustav Jungs Couch. Das Bild wurde während einer Ausstellung in der Library of Congress geschossen. Foto: AP
Das ist der Teppich von Carl Gustav Jungs Couch. Das Bild wurde während einer Ausstellung in der Library of Congress geschossen. Foto: AP

Nicht nur als Leser, sondern auch als Psychologe (Achtung Identität!) musste ich schon etwas schmunzeln, dass Sie sich – obwohl in Ihren Kolumnen als «Psychoanalytiker» etikettiert – von «psychoanalytischer Identität» abgrenzen. Wo würden die Frauen oder auch wir Psychologen stehen, wenn sie/wir uns nicht mit einer eigenen Identität positionieren würden? M.R.

Lieber Herr R.

Was soll so schmunzelerregend widersprüchlich daran sein, wenn man einerseits in einem bestimmten Zusammenhang mit seiner Berufsbezeichnung firmiert, andererseits aber nicht einsieht, weshalb man eine ganz besondere Berufs-Identität haben sollte?

Der Satz «Lassen Sie mich durch, ich bin Psychoanalytiker» gehört zwar zu meinem Repertoire von Running Gags, aber ich bin mir bewusst, dass es eben nur ein Gag ist. Die Wahrheit allerdings, die in diesem Scherz liegt, ist, dass eine Identität als «Frau» oder «Psychologe» einer der besten Garanten für unfreiwillige Komik und Peinlichkeit ist.

Wenn jemand einen Leserbrief anfängt mit «Gerade ich als Frau und Psychologin weiss ...», dann weiss ich, dass ich gar nicht erst wissen will, was die Frau&Psychologin weiss, denn es wird entweder irgendein Schwurbel oder eine Binsenweisheit sein, die man auch als Transsexueller&Gärtner auf die Reihe gebracht hätte. Insbesondere die «psychoanalytische Identität» ist ein Quell solch peinlicher Wichtigtuerei, die sich selbst für den Ausdruck eines besonders geschulten Erkenntnisvermögens hält, leider aber nur epistemische Selbstüberschätzung ist.

«Tiefenwirkungen und Langzeitfolgen» gehören eher in den Bereich der Arbeitsmediziner und der Behandlung von Asbestschäden.

«Als Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker erfahren wir täglich die Tiefenwirkungen und Langzeitfolgen von kindlichen Entwicklungsbedingungen.» So beginnt das Memorandum der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung gegen den in Deutschland geplanten Kinderkrippenausbau. Man kann ja von mir aus finden, eine Krippe sei nicht gut fürs eigene Kind, aber diese Begründung ist pure Anmassung.

Man erfährt tatsächlich allerlei in seiner Praxis, und man erfährt auch, wie die Kindheit ins Erwachsenenalter hineinspielt. Aber «Tiefenwirkungen und Langzeitfolgen» gehören eher in den Bereich der Arbeitsmediziner und der Behandlung von Asbestschäden. Wenn ich meinerseits etwas in der Praxis erfahre, dann von den Problemen von Eltern, ihr Leben mit dem Krippenstundenplan zu synchronisieren.

Verstehen Sie jetzt besser, warum ich allergisch auf dergleichen Fachpersonen-Identitäten reagiere?

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Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen angesellschaft@tagesanzeiger.ch

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