Warum ich niemanden daten will

Ich date nichts und niemanden. Nie. Aus Überzeugung, aus Liebe. Trotzdem bringt mich das grassierende Datingfieber ins Grübeln. Anonymes Erfahrungsprotokoll aus einer Langzeitbeziehung.

Ist das, was ich spüre, wirklich Liebe – oder die Kapitulation vor meiner Bequemlichkeit, das Gewohnte zu verlassen?

Ist das, was ich spüre, wirklich Liebe – oder die Kapitulation vor meiner Bequemlichkeit, das Gewohnte zu verlassen? Bild: Bidl: Getty mages/ Montage: René Wüthrich

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Ich lebe das, was man im Therapeutenslang eine langjährige, stabile, monogame, verbindliche, funktionierende Paarbeziehung nennt. Ein Mann, eine Frau. Unverheiratet zwar, aber seit weit über 25 Jahren ein Paar. Kein Seitensprung. Keine Affäre. Mehrere Krisen, routinierter Umgang mit Alltagsreibereien. Jetzt, da alle drei Töchter erwachsen sind, ist die geschäftige Familienphase vorbei, und wir sind zurück bei der Essenz, dort, wo wir einst gestartet sind, dort, wo sich die anstrengendsten, unbeantwortbarsten Fragen stellen, die nicht einfacher werden, je länger man zu zweit ist: beim engen Zusammenleben, eins zu eins, Mann und Frau.

Bin ich zufrieden?? Wirklich zufrieden? Sogar glücklich?

Das sind sie, die Fragen, die wehtun können im Innenleben eines Paars. Man kann sie an einer Hand abzählen. Ich merke jetzt nicht zum ersten Mal, da ich für dieses Protokoll über mein Beziehungsleben rede, dass ich mich fast gar nicht mehr getraue, diese mit Ja zu beantworten. Manchmal nicht einmal mehr mir selber gegenüber. Es ist doch so: Wer heute in einer jahrzehntelangen Zweierbeziehung zufrieden ist, setzt sich einem Verdacht aus. Er muss resigniert seine Ansprüche heruntergeschraubt haben. Oder er macht sich mit autosuggestiver Verherrlichung des Familienglücks, die den öden Beziehungsalltag gegen aussen überblendet, selber bloss vor, dass alles gut ist, wo nichts mehr gut sein kann.

Ich müsste schon das Selbstbewusstsein haben, zu glauben, dass ausgerechnet wir zwei uns nicht in einer der unzähligen Fallen verheddern, die in einer Zweierbeziehung lauern – und vor denen die wachsende Expertengilde wortreich warnt. Aber in Wirklichkeit ist man sich ja über sich selber nie so ganz sicher. Das ist für mich eine der Herausforderungen, vor die uns die Datingindustrie in unserer Dauerbeziehung stellt.

Als vor 25 Jahren unsere erste Tochter geboren wurde, fühlte ich mich als Rebell, weil ich ohne Trauschein mit meiner Frau zusammenlebte. Heute stehe ich als biederer Dinosaurier da, der weder Patchwork-Family-Erfahrung vorweist noch ein Casual-Dating-Profil betreibt, mit dem ich meinen Marktwert scannen könnte, sollte plötzlich Bedarf auftauchen.

Marktwert! Als ob ich das nicht kennen würde von meinem Job im mittleren Kader eines KMU. Man spricht heute vom Benchmark der Verliebtheit, von der Ökonomie einer Paarbeziehung, und man wischt mögliche Datingpartner am Smartphone in den Warenkorb wie Unterwäsche beim Onlineshopping: Effizienzsteigerung der Liebe, Elektrifizierung des Gefühlslebens, Aufschäumung der Emotionen.

Es tönt so verlockend leicht. Zu leicht für mich. Ich will das nicht.

Obschon ich mich in meiner steinzeitlich langen Zweierbeziehung manchmal fühle, als würde ich wie ein Höhlenbewohner versuchen, mit zwei Steinen Feuer zu machen. Ein unsicheres, anstrengendes, unmodernes Abenteuer, weit weg vom lockeren Mausklick. Sie fragen mich, wie sich das in meinem Inneren anfühlt? Vielleicht so: Wenn ich mit ihr zusammen bin, fühle ich mich oft, als befänden wir uns auf einer unwirklich langen Expedition. Auf einer ungewissen, aber romantischen Forschungsreise. Wir begleiten uns gegenseitig, weit weg von der Zivilisation, weit weg von schnell wirkenden Rezepten. Wir gehen gemeinsam, und ich stosse vor in meine eigene, manchmal einsame, mir oft selber noch unbekannte Gefühlswelt, für die ich die Worte oft erst suchen muss, um sie ihr zu beschreiben.

Es gibt in unserer Welt, in die nur wir zwei uns begeben haben, Dinge, die man von aussen gesehen als therapiewürdiges No-go betrachten würde. Den vorderhand fast völligen Verlust unserer Sexualität zum Beispiel. Ich kann ihn mir selber nicht erklären, weil ich mich von niemandem mehr angezogen fühle als von ihr. Wir reden darüber, wir sind uns einig, dass uns etwas fehlt – und dass wir ratlos sind. Aber auch, dass wir nicht voneinander lassen wollen. Auf keinen Fall.

Ist das der Verzicht, den wir leisten, weil wir gefangen sind in der Vorstellung, dass Glück nie vollständig sein kann? Muten wir es uns zu, unsere Ansprüche herunterzuschrauben, weil wir die Intimität, Vertrautheit, Wärme nicht preisgeben wollen, die wir uns auf unserem langen Weg geschaffen haben? Opfern wir unsere Träume, weil wir fürchten, uns gescheitert zu fühlen? Lassen wir es deshalb zu, dass wir zu kurz kommen? Tun wir zu wenig, um unser Leben zu optimieren?

Ist das, was ich spüre, wirklich Liebe – oder die Kapitulation vor meiner Bequemlichkeit, das Gewohnte zu verlassen?

Ich bin sicher, diese Fragen kann ich letztlich nie abschliessend beantworten. Ich kann keine App herunterladen und bei einem Seitensprung kurz austesten, wie ich mich in einer anderen 25-jährigen Beziehung fühlen würde. Ich werde wohl nie erfahren, ob da irgendwo in einer anderen Konstellation noch mehr Glück für mich zu holen gewesen wäre.

Dort, wo wir uns jetzt befinden, gibt es keine Benchmarks, keine Leitfäden, keinen Wettbewerb. Ich muss mich auf mein Gefühl verlassen, das ich nicht steuern kann. Dieses Gefühl ist hartnäckig und klar. Für unseren Weg. Und vor allem für sie.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.08.2015, 09:47 Uhr

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