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Vom elterlichen Optimierungstrieb

Natürlich lieben Eltern ihre Kinder, so wie sie sind. Doch schon kurz nach der Geburt beginnen sie, die Nachkommen mit anderen zu vergleichen. Nicht immer ist das gut so.

Der Ehrgeiz der Eltern kann seltsame Blüten treiben: Mädchen an einem Beauty Contest 1994 in den USA. Foto: Evan Hurd (Alamy)
Der Ehrgeiz der Eltern kann seltsame Blüten treiben: Mädchen an einem Beauty Contest 1994 in den USA. Foto: Evan Hurd (Alamy)

Das Kind kommt zu uns auf die Welt, nackt und nass und warm. Atmet die erste Luft, macht den ersten Schmatzer, bringt die kleine Hand an den Mund. Die Liebe zu unseren Kindern überfällt die Eltern ja nicht immer exakt in ­solchen Momenten. Zuweilen zieht sie auch etwas gemächlicher in unser Leben ein. Was aber sogleich da ist, ist die Gewissheit: Dieses Wesen ist genau richtig geworden.

Was also bringt uns dazu, zu fragen, ob bei unserem Kind wirklich alles gut genug läuft? Meistens beginnt es schon, sobald man ein Kind zum ersten Mal unter seinesgleichen mischt. Da liegt es dann, zum Beispiel beim Rückbildungskurs, neben anderen Babys auf der Matte, und man bemerkt: Es ist ja ein vergleichsweise dickes Baby! Oder relativ dünn! Oder, Horror, das eigene Kind ist dieses eine, das dauernd schreit, während alle anderen gemütlich daliegen und vor sich hin glucksen. Auf einmal sieht man nicht nur das eigene Baby (dieses ist natürlich weiterhin wunderbar!), sondern eben auch alle anderen.

Und man sieht auch all die anderen Eltern, welche Dinge anders machen als man selbst: merkwürdig, verkrampft, bewundernswert – möglicherweise besser?! Menschen, die Eltern werden, mutieren dabei oft auch zu manischen Ethnologen ihres eigenen Stamms. Was wären all die Bonding-Gespräche unter Müttern ohne die grosse Frage: «Und, wie ist das bei euch so?» Wissen aufzusaugen und weiterzugeben, die anderen zu beobachten, sich selbst stets zu fragen, ob man es richtig macht: Das gehört alles zum Prozess der Transformation.

Soziales Kapital anhäufen

Manche entwickeln fast wissenschaftliche Methoden: akribische Beobachtung des kindlichen Verhaltens, Abgleich mit der vorhandenen Kontrollgruppe und Auswertung der Daten, um zu einer Erkenntnis über den Stand des eigenen Kindes zu kommen. Vielleicht schreit sie nur so viel, weil sie motorisch besonders begabt ist? Schliesslich bewegt sie sich ja auch mehr als die anderen Babys. Oder sie ist einfach besonders sensibel? So wie das Kind von Steffi, das hat wohl auch sehr viel geschrien.

Das erste Jahr ist geprägt vom Abgleichsrausch: Schläft er schon durch? Krabbelt sie schon? Jetzt könnte sie langsam Haare bekommen, die anderen haben doch auch. Im Kindergarten flaut es ab, da hat man die eigenen Kleinen nicht mehr dauernd im Blick. Dann geht die Schule los, und die Fragen werden plötzlich andere: Kommt er mit? Liest sie schnell genug? Wird er es schaffen? Warum zum Teufel macht sie nicht einfach ihre Hausaufgaben, die anderen kriegen es doch auch hin! Niemand gibt gern zu, dass er sein Kind mit anderen vergleicht.

«Elternschaft ist heute eine Möglichkeit, das Gefühl zu erleben, dass man etwas richtig macht.»

Ellie Lee, Erziehungssoziologin

Wer will schon zu den Optimierungs-Eltern gehören, die stets darauf aus sind, die Kinder auf Exzellenz zu trimmen: Sprachförderung, Musikschule und mindestens ein Sport. Und schon gar nicht möchte man zur Helikopter-Fraktion gerechnet werden, die ständig über den Kindern kreist. Schliesslich soll das Kind doch sein dürfen, wie es ist – man liebt es ja auch genau so.

Wenn da nur nicht die Angst wäre, dass es sich selbst irgendwann weniger lieben wird, dass es womöglich nicht mitkommt in der Gesellschaft – wenn es nicht all die Erwartungen erfüllt, die an einen Menschen eben so gestellt werden. Andererseits, nur die Ruhe bewahren: Vergleichen ist nun mal das, was Menschen in einer Gesellschaft tun. Wir haben einen ganzen Katalog an sozialen Praktiken entwickelt, die wir benutzen, um uns von anderen abzusetzen und un­seren Wert in der Gesellschaft zu steigern – der französische Soziologe Pierre Bourdieu sprach vom sozialen und kulturellen Kapital, das ein Mensch anhäuft. Bourdieu schrieb zwar nicht über Elternschaft.

Doch die britische Erziehungssoziologin Ellie Lee sagt, dass sich im Erziehungsstil unbedingt auch kulturelles Kapital ausdrückt: «Elternschaft ist heute eine Möglichkeit, eine Identität aufzubauen, das Gefühl zu erleben, dass man etwas richtig macht.» Und dieses Gefühl werde dadurch verstärkt, dass das eigene Kind sich im Vergleich zu anderen gut macht. Hinzu komme eine ungeheure Verantwortung, die auf Eltern übertragen werde.

Risikomanagement am Kind

Lees Kollege, der ungarisch-britische Soziologe Frank Furedi, spricht von einer Ideologie des «Eltern-Determinismus»: Eine hyperindividualisierte Gesellschaft trifft auf freudsche Theorie im Glauben, dass nichts für die Entwicklung eines Lebens so wichtig sei wie das Verhalten der Eltern. Das erzeugt nicht nur Druck, sondern auch eine tiefe Unsicherheit im Eltern-Kind-Verhältnis. «Eltern beginnen, ihre Kinder als eine Art Risikobündel zu sehen und sich selbst als Manager der Risiken», sagt ­Ellie Lee.

Natürlich ist es nicht vollkommen egal, wie wir unsere Kinder erziehen. Und dass wir uns für ihren Erfolg interessieren – also ob sie beliebt, sportlich, ehrgeizig, intelligent sind –, gehört zum Elternsein dazu. Die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert sagt: «Evolutionspsychologisch gesehen, ist es richtig und normal, dass wir uns für die eigene Brut und deren Stärken mehr interessieren als für die anderen.» Aber sie warnt auch: «Wer seinem Kind immer wieder vermittelt, dass es gegen andere bestehen muss, sabotiert das positive Bild, das die anderen von ihm haben könnten und behindert damit letzt­endlich das positive Selbstbild des Kindes.»

Ein bisschen egal darf es schon sein

Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht nur Leistung und materiellen ­Erfolg hoch bewertet, sondern mit Schwächen teilweise ungnädig verfährt. Natürlich kann man versuchen, das eigene Kind optimal für so eine Gesellschaft zu rüsten. Noch wichtiger aber ist es, ihm zu helfen, dass es sich darin frei fühlen kann. Dafür müssen wir ­diesem Kind, das wir lieben, nicht un­bedingt das Gefühl vermitteln, es sei egal, was die anderen machen oder wie es abschneidet.

Aber ein bisschen egal darf es doch eigentlich schon sein. Denn das grösste Geschenk, das man einem Menschen machen kann, ist nicht die tollste Förderung und das aufmerksamste Fordern. Das eigentliche Geschenk ist, dass man ihm lässt, was am Anfang da war: das grosse, gute Genaurichtigso.

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