«Teilzeitarbeit macht Väter unglücklich»

Väter sind lieber im Büro als zu Hause bei den Kindern: Soziologe Martin Schröder erklärt den brisanten Befund seiner Studie.

Hat das Vatersein noch immer zu wenig Prestige? Die ausgewerteten Daten lassen es vermuten.  Foto: Maskot, Getty Images

Hat das Vatersein noch immer zu wenig Prestige? Die ausgewerteten Daten lassen es vermuten. Foto: Maskot, Getty Images

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Väter, die 100 Prozent arbeiten, sind zufriedener als Väter, die Teilzeit arbeiten und häufiger zu Hause sind. Überrascht?
Tatsächlich ging ich davon aus, dass ­Väter gern mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen würden. Meine Studie zeigt jedoch: Väter sind zufriedener, wenn sie länger im Büro bleiben dürfen. Vollzeit arbeitende Väter sind sogar zufriedener als kinderlose Männer, die 100 Prozent arbeiten. Dieser auf den ersten Blick überraschende Befund deckt sich auf den zweiten Blick mit Erkenntnissen anderer Forschungsarbeiten. Verschiedene ältere Studien zeigen, dass Männer vor der Geburt ihrer Kinder oft erklären, sie würden ihr Arbeitspensum nach der Geburt reduzieren. Doch wenn das Kind einmal da ist, arbeiten sie mehr als zuvor.

Weil sie als Väter mehr Geld nach Hause bringen müssen.
Könnte man meinen. Aber auch das stimmt nicht. Die Studie zeigt, dass die Väter selbst dann gern Mehrarbeit annehmen, wenn ihnen das finanziell nichts bringt. Aber natürlich spielt die traditionelle Idee vom Mann als Ernährer hinein. Manche Väter verstehen ihre langen Arbeitszeiten als Liebesbeweis.

Wollen Vollzeit arbeitende Väter einfach die Patriarchatsdividende? Also werktags im Beruf Prestige und Geld sammeln und am Wochenende die schönen Seiten des Vaterseins geniessen?
An dieser Stelle ein kleiner, aber wichtiger Hinweis: Selbstverständlich gibt es Männer, die es glücklich macht, wenn sie Teilzeit arbeiten und zu Hause bleiben können. Meine Studie bildet schlicht das Durchschnittsbefinden der deutschen Väter ab. Da muss sich nicht jeder wiedererkennen. Zu Ihrer Annahme, dass Väter sich lange auf Kosten der Mütter ein schönes Leben gemacht hätten: Ich bezweifle das. Eine aufwendige Studie aus den USA zeigt, dass Frauen in den 1970ern zufriedener waren als die Männer. Danach, bei zunehmender Teilhabe am Arbeitsmarkt, wurden sie zunehmend unglücklicher. Heute sind sie unzufriedener als die Männer. Emanzipation macht also nicht unbedingt glücklicher. Dass man eine solche Feststellung als beunruhigend empfinden kann, kann ich nachvollziehen.

Vielleicht fühlte sich die zwischen Bett und Herd eingesperrte Hausfrau der 1970er ja verpflichtet, fröhliche Miene zu machen und die stets Zufriedene zu spielen.
Mit dieser Vermutung stellen Sie die Glücksforschung grundsätzlich infrage. Diese Skepsis ist weitverbreitet, wurde mittlerweile allerdings in zahlreichen Tests entkräftet. So zeigte sich etwa, dass Menschen, die sich in den Umfragen als aussergewöhnlich zufrieden einschätzten, öfter lächelten als andere Befragten. Oder dass sie von ihren Bekannten ebenfalls als aussergewöhnlich zufrieden beschrieben wurden. Oder dass sie sich hormonell von jenen Studienteilnehmern unterschieden, die sich unzufriedener einstuften. Wer über grosses Datenmaterial verfügt wie die Forscher der erwähnten US-Studie oder wer wie ich mit den Daten des Sozio-oekonomischen Panels arbeitet, kann in der Tat verlässliche Aussagen dazu liefern, wie zufrieden die Menschen mit ihrem Leben sind.

Was haben Sie zu den Müttern herausgefunden?
Auch hier haben wir erstaunliche Resultate. Mütter haben sich als überdurchschnittlich zufrieden herausgestellt. ­Dabei – und das ist das Verblüffende – kommt es gar nicht gross darauf an, ob sie viel oder wenig arbeiten. Sie bleiben zufrieden, ob zu Hause oder im Büro. Männer erreichen nur dann das gleiche Zufriedenheitslevel wie die Mütter, wenn sie Vollzeit arbeiten können.

Wie erklären Sie sich diese solide Zufriedenheit?
Ich vermute, dass Mütter in der Heim- wie der Büroarbeit Erfüllung und Anerkennung finden. Männer definieren sich weit stärker über die Arbeit. Das ­Vatersein ist für sie wohl mit zu wenig Genugtuung und Prestige verbunden und keine gleichwertige Alternativrolle. Väter werden rapide unglücklicher, je stärker sie ihr Pensum reduzieren. Teilzeitarbeit macht sie unglücklich.

Ihrer Studie zufolge sind deutsche Mütter am zufriedensten, wenn sie 20 Prozent arbeiten. Empfehlen Sie dieses Modell?
Nein. Das muss jede mit sich selber ausmachen. Wer sich aber konsequent an der Statistik orientieren will, müsste dieses Modell wählen, ja.

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Grafik vergrössern Hier die Grafik inklusive Streuungen um den Mittelwert. Quelle: Martin Schröder

Die gleichberechtigte Aufteilung von Haus- und Erwerbsarbeit ist heute das gesellschaftliche Ideal, zumindest im urbanen Milieu – ein Fifty-Fifty zwischen Mann und Frau. Ihre Studie ist eine mächtige Waffe in den Händen der Traditionalisten.
Don’t shoot the messenger! Ich persönlich habe keine Freude an den Befunden. Aber so sind sie nun mal. Es ist meine Aufgabe als Wissenschaftler, die Resultate meiner Forschung unverfälscht und so neutral wie möglich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Reaktionen in meinem Umfeld, das ja auch weitgehend dem besagten urbanen ­Milieu angehört, fielen bemerkenswert verständnisvoll aus, was ich so nicht ­erwarten konnte.

Eine These: Teilzeit arbeitende Männer sind ein neues Phänomen. Viele Väter bekamen als Buben ein patriarchales Rollenbild mit. Nun leiden sie an der Diskrepanz. Für jüngere Generationen dagegen wird Teilzeit selbstverständlich.
Prinzipiell wäre das möglich. Allerdings haben sich die Resultate seit 1984 kaum verändert. Väter sind heute wie damals am zufriedensten, wenn sie Vollzeit arbeiten können. Eine Veränderung des Rollenverständnisses kann ich bisher nicht feststellen.

These zwei: In Westeuropa hat die Arbeit einen massiv höheren Stellenwert als die Familie. Das schlägt auf Ihre Studie durch.
Ich weite meine Untersuchung derzeit auf andere Kulturkreise aus. Diese Forschung ist noch nicht abgeschlossen, aber ich kann bereits jetzt sagen, dass auch in anderen Ländern die Väter am liebsten Vollzeit arbeiten. In einem nicht westlichen traditionellen, weniger entwickelten Land wie Russland ist die Zufriedenheit der Väter noch weit mehr als in Deutschland davon abhängig, ob sie Vollzeit arbeiten können oder nicht. Der grosse Test wird dann die Untersuchung der schwedischen Väter, die ja im egalitärsten Land der Welt leben.

Dritte These – es ist die vermaledeite Hausarbeit!
Meine Studie berücksichtigt auch reiche Familien, die ihre Kinder in Krippen schicken und die sich Angestellte leisten können, die ihnen die Hausarbeit abnehmen. Der Befund bleibt verblüffenderweise derselbe. Auch Väter solcher privilegierter Familien sind am zufriedensten, wenn sie Vollzeit arbeiten.

Gibt es Anhaltspunkte dafür, dass die Flucht der Väter in die Arbeit emotionale Gründe haben könnte? Dass sie sich etwa schwertun, eine Bindung zu ihren Kindern aufzubauen?
Unser Befund trifft auf Väter zu, die sagen, ihre Bindung zu ihren Kindern sei nicht so eng. Er trifft aber auch auf Väter zu, die sagen, dass sie eine sehr enge Bindung zu ihren Kindern hätten. So oder so: Väter sind am zufriedensten, wenn sie recht lange arbeiten.

Die Schweizer stimmen bald über den Vaterschaftsurlaub ab. Ihre Studie lässt vermuten, dass die Initiative an den wahren Wünschen der Väter vorbeizielt.
Meiner Meinung nach sollte eine Gesellschaft verschiedene Lebensentwürfe ermöglichen, aber nicht zu bestimmten Lebensentwürfen zwingen. Man sollte Männer nicht gegen ihren Willen aus der Erwerbsarbeit hinaus- und in die Familienarbeit hineindrängen, ausser man ist bereit, eine Verringerung ihrer Lebenszufriedenheit in Kauf zu nehmen. Am Vaterschaftsurlaub ist nichts auszusetzen, solange er freiwillig bleibt.

Der Frauenquote stehen Sie skeptisch gegenüber.
Ich bin kein Kritiker der Frauenquote. Ich sage allerdings als Soziologe: Wer eine Frauenquote will, muss sich darüber im Klaren sein, dass die Männer dadurch mit ziemlicher Sicherheit unzufriedener werden – weil die Frauenquote ihnen Karrierewege verbaut und sie aus bestimmten Arbeitspositionen heraushält. Wir müssen uns fragen, ob uns das Ziel, mehr Kaderfrauen zu bekommen, die steigende Unzufriedenheit unter Männern wert ist. Eine Gesellschaft muss sich genau überlegen, woher sie das Recht nimmt, gewissen Menschen gewisse Lebensentwürfe vorzuschreiben.

Biologische Argumente sind in Geschlechterdebatten verpönt. Auch bei Ihnen?
Ein heikler Punkt. Mein Datensatz gibt hierzu nichts her. Hätte ich etwa Angaben zu Testosteronwerten, könnte ich mich einer sinnvollen biologischen ­Fragestellung annähern. Aber selbst­verständlich drängt sich nun, da ich in allen Ländern ähnliche Resultate antreffe, allmählich die Frage auf: Ist das tatsächlich alles anerzogen?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.07.2018, 19:57 Uhr

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Martin Schröder

Soziologe und Datenanalyst

Martin Schröder ist Professor für Soziologie an der Universität Marburg. Der 37-jährige Deutsche forschte vorher am Max-Planck-Institut, an der Harvard University sowie am Pariser Institut d'études politiques.

Seine Studie zum Verhältnis von Arbeitszeit und Lebenszufriedenheit erschien in der «Zeitschrift für Soziologie». Schröder nutzte das Datenmaterial des Sozio-oekonomischen Panels, einer seit 1984 jährlich durchgeführten Befragung des Deutschen Instituts für Wirtschafts­forschung. Er hatte Zugang zu Angaben von über 55 000 Deutschen. Dieser Zeitung hat er noch unveröffentlichtes Material zur Schweiz zugestellt. Schröder wertete Daten von 10 775 Schweizerinnen und Schweizern aus, die er aus dem repräsentativen Schweizer «Haushalt-Panel» bezog. Die Befunde zur Schweiz sind den deutschen Resultaten sehr ähnlich (siehe Grafik). (lsch)

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