Ein Schwein gegen Flugangst

... und zehn weitere Tipps, wenn im Flugzeug gerade kein Therapietier in der Nähe ist.

Lilou ist bei nervösen Fluggästen beliebt. Das Schwein hilft ihnen, sich vor dem Flug zu beruhigen. Video: Tamedia, Fotos: iStock, Keystone
Aleksandra Hiltmann@thisisAleksa

«Das hätte ich gebraucht!», dachte ich, als ich kürzlich das Video von Lilou entdeckte. Lilou ist das erste Therapieschwein der Welt, das am internationalen Flughafen San Francisco unterwegs ist und Reisende beruhigt, die unter Flugangst leiden. Ich hätte mich sofort auf das Schwein gestürzt, es unauffällig unter die Jacke gepackt, um es im Flugzeug auf meinen Schoss zu setzen und es bis zur Landung nicht mehr loszulassen. Da Schweizer Flughäfen bisher keine vergleichbaren Angebote haben, muss ich mich jedoch auf andere Strategien verlassen. Hier eine Auswahl, relativ unwissenschaftlich und subjektiv, aber trotzdem zur Nachahmung geeignet.

Armlehne umklammern

Mir ist meine Flugangst nicht völlig, aber etwas unangenehm. Ich möchte also idealerweise keine Mitreisenden damit behelligen. Da bietet sich die Armlehne an, die ist robust und immer zur Stelle. Am besten, man umklammert sie von vorne, dann können sich die Finger von allen Seiten um sie legen. Das ist besser, als wenn man seine Finger um die eigenen Beine, Hände oder Arme krallt. Das kann blaue Flecken geben. Also lieber die Armlehne. Dass andere Passagiere sehen, wie die Adern an den verkrampften Händen auf der Lehne hervortreten, ist egal. Über diesen Punkt bin ich lange hinaus.

Hand halten

Die Deluxe-Variante der Lehne ist die Hand. Sitzt jemand neben mir, den ich kenne, bietet er oder sie das meistens von selbst an. Aber meist nur beim ersten Mal. Denn danach weiss er oder sie, wie fest ich zudrücke. Doch im Moment ist es der Person unangenehm, die Hand wieder zurückzuziehen, das wäre etwas gemein. Es gibt sogar fremde Leute, die mir ihre Hand angeboten haben. Die lehne ich dann jeweils ab, so weit ist das Schamgefühl noch nicht abgebaut. Noch nicht.

Reden

Ich tue einfach so, als sässe ich in einer Bar und würde mich mit jemandem unterhalten. Die Person neben mir ist idealerweise gesprächig. Ich stelle viele Fragen. Mit der Zeit merke ich, wie ich lockerer werde und sogar selbst gerade Sätze rausbringe. Am besten gleich vor dem Start beginnen und sich nicht scheuen, provokative Themen anzuschneiden. Das erhöht die Spannung im Gespräch und steigert so die Ablenkung. In einigen Fällen sitzt sogar eine Person neben einer, die sich mit Luftfahrt auskennt. Sie erklärt dann alle Geräusche und Zuckungen der Maschine. Einfach sofort das Thema wechseln, wenn die Erklärungen in eine falsche Richtung laufen – «einmal mussten wir durchstarten». Halt, stopp. Was war nochmals dein seltsamster Nebenjob, den du je hattest?

Alkohol

Das ist so ein Reflex, eine unüberlegte Kurzschlusshandlung. Im ersten Moment fühlt es sich herrlich an. Ein Weinchen, ein Bierchen, auch wenn kostenpflichtig, die paar Franken sind den Genuss absolut wert. Man wird locker oder bildet sich zumindest ein, es zu werden. Und wenn man doch grad dabei ist, gleich noch ein Fläschchen. Doch kaum wird der Flug etwas unruhig, verfliegt das Wohlgefühl. Wäre ich doch besser nüchtern geblieben, klar im Kopf, damit ich gleich merke, wenn was schiefläuft. Man kann sich natürlich auch derart betrinken, dass man gar nichts mehr mitkriegt. Darunter leiden dann leider Sitznachbarinnen und Crewmitglieder.

Schlaftabletten

Schlaftabletten. Naheliegende Lösung. Kann funktionieren. Das Problem: Auf Flugrouten, auf denen man nach einem kurzen auf einen langen Flug umsteigen muss, muss man, wie eben gesagt, umsteigen. Mit Schlafmittel intus kann sich das schwierig gestalten. Ich konnte mich bei einigen Flügen nicht mehr daran erinnern, wie ich durch die Passkontrolle ging, beim Anstehen schlief ich fast im Stehen ein. Und wurde ich zwischendurch aus dem Schlaf gerissen, konnte ich danach nicht mehr einschlafen. Unglaublich unangenehm, völlig belämmert, weder schlafend noch wach, 10 Stunden in einem engen Sitz zu hängen und konstant zu versuchen, den Mund geschlossen zu halten und nicht zu sabbern. Die Tabletten schlugen mir zudem aufs Gemüt. Keine Option mehr.

Augen und Ohren zuhalten

Weit weniger invasiv ist dieser Trick, der auch bei unheimlichen Filmen funktioniert: jene Einflüsse und Impressionen, die ängstigen, wegmachen. Sieht auch etwas doof aus, aber nützt erstaunlich gut. Versuchen Sie dabei an nichts zu denken.

Fantasieren

Was auch schon funktioniert hat, ist, wenn ich mir mit geschlossenen Augen vorstelle, ich wäre gerade woanders. Eigentlich sitzen hier alle um mich, ich inklusive, im Tram oder im Bus. Wir fliegen nicht nach Wien, sondern fahren von Zürich Irchel nach Zürich Central, nur dass die Fahrt etwas länger dauert. Die Fahrt dauert nur etwas länger als von Zürich HB nach Bern, genau, wir fahren jetzt weiter nach Bern. Alles gar kein grosses Ding.

Aktiv etwas anderes machen

Anstatt dass ich ständig daran denke, dass ich in einem Flugzeug sitze, versuche ich zu lesen, einen Film zu schauen oder Musik zu hören. Musik höre ich so laut, dass in meinem Kopf kein Platz mehr für andere Gedanken ist. Das Lesen und Filmeschauen versuche ich übertrieben aufmerksam zu gestalten, um auch da jeglichen Platz für andere Eindrücke zu eliminieren. Jedes Wort wird bewusst aufgenommen. Was mich zum nächsten Punkt bringt.

Mentaltraining

Es gibt verschiedene Techniken, die auch ausserhalb von Flugzeugen helfen können, sich zu beruhigen. «Ich bin ruhig und gelassen», dreimal hintereinander aufsagen. «Meine Arme sind schwer», dann «meine Beine sind schwer», das auch je dreimal hintereinander und am besten mit sämtlichen Körperteilen durchführen, Ohrläppchen, Augenlid, Schlüsselbein, Ringfinger, Kniescheibe. Arme und Beine sind ja schnell durch.

Einfach heulen

Wenn es dann wirklich zu schütteln beginnt und meine Tagesverfassung nicht so gut ist, verliere ich die Kontrolle. Dann kann ich Angstlaute nicht mehr zurückhalten, hyperventiliere und weine. Was soll ich denn machen? Schlimmer macht es die Sache jedenfalls nicht, ausser wenn einem vor lauter Atmen schwindlig wird und das Gefühl des Ameisenlaufens sich in Armen und Beinen ausbreitet. Trotzdem: An Ihrer Stelle würde ich es ausprobieren, einfach rauslassen, hat etwas Befreiendes.

Oder ich probiers nächstes Mal mit der virtuellen Version von Lilou, dem Therapieschwein. Instagram sei Dank. Smartphones zu streicheln, ist ja mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

?? Airport Therapy Edition ?? : It was a Good Friday indeed! Kids, men and women dropped to the ground to hang out ???? But of course I left in style.. who knew that my twerking could set the alarm off?! ???????? ???? ????Swipe ??to the end and turn the ???? on ???????????? #tushytuesday @flysfo @sfowagbrigade @sanfranciscospca - - - - - #sfpig #lilouthepig #lilou #therapypig #petpig #citypig #pigsofinstagram @thedodo @buzzfeedanimals @abc7newsbayarea @ktvu2 @theellenshow #buzzfeedanimals #abc7now #thedodo #therapyanimal #bayareabuzz #onlyinSF @onlyinsf @cutepetclub @peopletv @9gag #WagBrigade #animalassistedtherapy #airportfashion #airportlife #travelblogger #volunteer #charity #smileambassador #pigambassador #travelbug #airportstyle #spreadlove #spreadjoy #yearofthepig #coachella #goodfriday

Ein Beitrag geteilt von LiLou the Pig ???? San Francisco (@lilou_sfpig) am

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt