So nutzen Schweizer Emojis in Whatsapp-Chats

Jeder kennt sie, fast jeder braucht sie: Emojis. Nun stehen die Symbole auch im Fokus eines Schweizer Forschungsprojekts. Die Sprachwissenschaftlerin Christina Siever verrät erste Erkenntnisse über unsere Kommunikation in Whatsapp-Chats.

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Emojis geniessen derzeit viel Aufmerksamkeit. Kürzlich wurde publik, dass die Kinderhilfsorganisation Plan International die Einführung eines Emoji beantragt, das die Menstruation darstellen soll – um diese weiter zu enttabuisieren. Ein Vorschlag wurde beim Unicode-Konsortium, der unter ­anderem für die Programmierung von Emojis zuständigen US-Organisation, eingereicht. Ob der Vorschlag akzeptiert wird, ist noch nicht entschieden. Ab August ist in den Deutschschweizer Kinos sogar ein Film zu sehen, der den Emojis gewidmet ist: «Emoji – Der Film» dreht sich um das Leben in der virtuellen Stadt Textopolis.

Wie verwenden wir Emojis?

Nun interessiert sich auch die Sprachwissenschaft für die farbigen Symbole und ihre Funktion im weit verbreiteten Sofortnachrichten-Programm Whatsapp. Im Forschungsprojekt «What’s up, Switzerland?» werden seit Anfang letzten Jahres unter Leitung der Zürcher Professorin Elisabeth Stark Schweizer Whatsapp-Chats untersucht. Mitarbeiter der Universitäten Zürich, Bern, Neuenburg und Leipzig sind daran beteiligt.

Untersuchungsgegenstand sind in der Chatsprache auffällige grammatikalische Phänomene oder visuelle Aspekte wie die Emojis, die in den Chats oft wesentliche Funktionen übernehmen. Weiter befassen sich die Forscher damit, wie in der Kommunikation Individualität umgesetzt wird, mit sozialer Anpassung in Whatsapp-Chats und mit dem öffentlichen Diskurs zur mobilen Kommunikation.

800'000 untersuchte Nachrichten

Ausgewertet werden rund 800'000 Whatsapp-Nachrichten aus der Schweiz, die 2014 von den Benutzerinnen und Benutzern auf einen Aufruf hin für die Forschung zur Verfügung gestellt wurden.

Ein übergeordnetes Ziel des Forschungsprojekt ist es, herauszufinden, inwiefern und warum sich das kommunikative Verhalten über Whatsapp von der Kommunikation via SMS unterscheidet. Oftmals wird das Benutzen von Whatsapp mit dem Schreiben von SMS-Kurznachrichten verglichen, was aber laut Christina Siever, Sprachwissenschaftlerin im Forschungsteam, zu kurz greift. Whats­app sei eher mit Instant Messaging zu vergleichen. Anders als in SMS werden etwa kaum Begrüssungs- und Verabschiedungsformeln verwendet. Ein Whatsapp-Chat sei eher ein fortwährendes Schreiben miteinander, nicht ein Austausch einzelner Nachrichten wie bei SMS.

Beliebt bei Jung und Alt

Die Emojis gehören zum spezifischen Untersuchungsgebiet von Christina Siever. Erste Erkenntnisse aus ihrer Forschung betreffen etwa die geschlechter- und altersspezifische Verwendung in Whats­app-Nachrichten. So wurde bereits herausgefunden, dass bei Männern jedes 14. Wort ein Emoji ist, bei Frauen nur jedes 20. Wort. Eine Überraschung gibt es beim Alter: Bei den bis 17-Jährigen handelt es sich bei jedem 8. verwendeten Wort um ein Emoji.

Bei den 18–24-Jährigen ist es noch jedes 21.und bei den 35–49-Jährigen nur noch jedes 51. Wort. Im Alter nimmt die Verwendung wieder zu: Die 50–64-Jährigen greifen wieder alle 24 Worte zum Symbol. Siever vermutet, dass 35–49-Jährige oft mitten im Berufsleben stünden, eine Familie hätten und deshalb über weniger Zeit als andere verfügten, um Emojis rauszusuchen.

Sprachenspezifische Unterschiede gibt es auch: Während in schweizerdeutschen Chats 95% der Interagierenden Emojis nutzen, sind es in rätoromanischen Chats nur 77%. Etwa ein Fünftel der Nachrichten in schweizerdeutschen Chats beinhalten Emojis, in den italienischen und französischen hingegen sind es 10% weniger. Bemerkenswert: Durchschnittlich besteht ein Viertel der Nachrichten exklusiv aus Emojis.

Gefühlsausdrücke sind am beliebtesten

Welche Emojis werden denn eigentlich am meisten verwendet? Bei drei von vier Landessprachen sieht es gleich aus: In Chats in schweizerdeutscher, italienischer und französischer Sprache ist das rote Herz am beliebtesten. Im Rätoromanischen taucht es hingegen nicht einmal in den Top 10 auf. Die meistverwendeten Emojis drücken Gefühle aus. Christina Siever spricht von einer «Abtönungsfunktion». Das bedeutet, dass die verwendeten Emojis die Einstellung des Schreibers gegenüber dem Geschriebenen ausdrücken sollen. Nur selten treten Emojis anstelle eines ­Wortes auf.

Im Folgenden sollen vier Whatsapp-Phänomene an konkreten Beispielen aufgezeigt werden:

Whatsapp-Phänomen 1: Mehrere Kürzestnachrichten ohne Satzzeichen ersetzen eine lange Nachricht.

Ist da jemand zu faul, eine anständige Nachricht zu tippen, oder hat keine Ahnung, wie man Satzzeichen verwendet? «Man kann das auch positiv interpretieren und sagen, die Person sei pragmatisch und kommuniziere effizient. Wenn der Empfänger die Nachricht versteht, ist die Kommunikation geglückt», so Christina Siever. Kommunikation sei immer auch eine Frage der Angemessenheit. Und in einem Chat, der eigentlich ein verschriftetes Gespräch ist, gälten daher eher Gesprächsregeln als Richtlinien der herkömmlichen schriftlichen Kommunikation.

Ein möglicher Grund für mehrere kurze Nachrichten sei die Eile: «Man kann beispielsweise eine Nachricht schicken: «Du, kurze Frage:», und dann folgt in der nächsten Nachricht die Frage. In der Zeit, in der man die Frage tippt, nimmt der Kommunikationspartner im besten Fall schon das Smartphone in die Hand und sieht auch, dass man selbst noch am Tippen ist, er kann die Frage sofort lesen und beantworten», sagt Siever.

Whatsapp-Phänomen 2: Emojis ersetzen die Satzzeichen

«Satzzeichen haben ja die Funktion, einzelne Sätze oder Teilsätze voneinander abzugrenzen und den Text lesbarer zu machen. Die gleiche Funktion können aber auch Emojis problemlos erfüllen», so Christina Siever vom Forschungsteam. Man könne natürlich vor oder nach das Emoji noch einen Punkt setzen, doch das wäre ineffizient.

Whatsapp-Phänomen 3: Punkte wirken unfreundlich

Der Punkt wird in der formellen Kommunikation ganz selbstverständlich verwendet. Im Chat ist es hingegen nicht nötig, das Nachrichtenende mit einem Satzzeichen zu kennzeichnen. «Wird trotz diesem Whatsapp-Normalfall ein Punkt gesetzt, kann dies formell wirken und somit auch als emotionale Distanz interpretiert werden», erklärt die Sprachwissenschaftlerin Chris­tina Siever.

Whatsapp-Phänomen 4: Ein Emoji allein reicht nicht aus

«Bereits bei den herkömmlichen Emoticons wurde oft ein Teil wiederholt, zum Beispiel der Mund: :-))). Damit will jemand einer Aussage Nachdruck verleihen, etwas verstärken», so Christina Siever. Etwas sei dann nicht bloss lustig oder traurig, sondern extrem lustig oder extrem traurig. Diese Verstärkung sei unter Umständen nötig, weil beim Schreiben relevante Informationen wegfallen, die im Gespräch über Mimik und Gestik transportiert werden können.

Bei den 4 Chatausschnitten handelt es sich um reale Beispiele des Projekts «What’s up, Switzerland?».

(Berner Zeitung)

Erstellt: 17.07.2017, 13:40 Uhr

Christina Siever, Mitarbeiterin am Projekt «What’s up, Switzerland?» (Bild: zvg)

Besserwissen: Emoticon oder Emoji?

:-) Ist das nun ein Emoticon oder ein Emoji? Ein Emoticon! Warum? Weil es mit (Satz-)Zeichen einen Gefühlszustand – in diesem Fall «fröhlich», oder auch: «belustigt» – symbolhaft darstellt.

Darum setzt sich der Begriff auch aus den Englischen Wörtern «emotion» (Gefühl) und «icon» (Symbol) zusammen. Einige Programme wandeln die auf der Seite liegenden Gesichter in gelbe Smileys um.

Emojis hingegen sind komplexer gestaltet und stellen nicht nur Gefühlszustände dar, sondern alles von der Aubergine über den Kothaufen bis zum Segelschiff. Wahnsinnig neu ist das übrigens nicht: Schon im 19. Jahrhundert arrangierten Schriftsetzer Satzzeichen zu Gesichtern. stc

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