Sie sind auch nur erwachsen

Immer mehr ältere Menschen mit einem Alkoholproblem leben im Altersheim. Soll man ihnen den Rausch gönnen?

Mehr als ein Gläschen in Ehren? Der Alkoholkonsum in Altersheimen sollte primär Sache der Bewohner sein. Foto: Getty Images

Mehr als ein Gläschen in Ehren? Der Alkoholkonsum in Altersheimen sollte primär Sache der Bewohner sein. Foto: Getty Images

Trinkende alte Menschen waren lange ein Tabuthema. In der Nachkriegszeit dem «gügelenden» Grossvater ins Gewissen reden? Das tat man nicht. Die Zweierli Weissen galten als Privatsache.

Das war einmal. Heute reden viele mit, wenn es um die Trinkgewohnheiten der älteren Generation geht: Angehörige, Ärzte, Suchtfachstellen – und Altersheime. Dort leben immer mehr Pegeltrinker, wie eine Studie des Bundesamts für Gesundheit zeigt. Und sie überfordern die Institutionen. Wenn eine Bewohnerin im Speisesaal betrunken poltert, wissen die Betreuenden häufig nicht, wie sie damit umgehen sollen. Leitlinien fehlen ebenso wie geregelte Abläufe.

Es gibt keine Menschen, die erwachsener sind als Senioren. Im Altersheim sollten sie deshalb so leben können, wie sie wollen. Sie haben viel geleistet, ihre Persönlichkeit über Jahre verfestigt. Sie wissen, wer sie sind. Wenn ein Pensionär schon immer unordentlich war, darf er seine Hemden weiterhin zerknittert in den Schrank werfen. Der spielsüchtige Rentner hat das Anrecht auf einen fähigen WLAN-Router, um sein Erspartes beim Online-Roulette aufs Spiel zu setzen. Die Alkoholikerin soll ihren Café complet mit einem Glas Rotwein noch kompletter machen dürfen, wenn ihr danach ist. Alters­heime müssen sich offen geben für alle Formen von Lebensentwürfen –seien diese noch so unorthodox.

Menschen mit Alkoholproblemen sollten sich so sehr im Griff haben, dass sich die Tischnachbarn wohlfühlen.

Nicht nur Altersheime, auch trinkende Senioren stehen in der Pflicht. Alt sein bedeutet nicht, keine Verantwortung mehr für sich tragen zu können. Wenn ein älterer Mensch häufig stürzt und dann zum Arzt geht, liegt das Problem manchmal tiefer. Die Stürze sind die Folge der Trunkenheit. Die Räusche Folge von Unzufriedenheit. Wollen Betroffene mehr Lebensqualität, wäre es klug, sie würden an ihrer Alkoholsucht arbeiten. Und nicht Symptome behandeln, die ihre Sucht verdecken.

Auch die trinkenden Altersheimbewohner müssen ihren Mitbewohnern und den Mitarbeitenden Respekt entgegenbringen. Der Messie muss sein Zimmer so sauber halten, damit nach ihm noch jemand darin wohnen kann. Der Spielsüchtige darf nur solange daddeln, bis das Portemonnaie leer ist. Und Menschen mit Alkoholproblemen sollten sich so sehr im Griff haben, dass sich die Tischnachbarn wohlfühlen. Ansonsten können sie nicht mehr erwarten, dass die Altersheime sie als das behandeln, was sie sind: sehr erwachsen.

Spezialisierte Altersheime für ausgegrenzte Trinker

Eine gewisse Bevormundung gibt es in spezialisierten Altersheimen. Häufig landen trinkende Senioren dort, weil sie in konventionellen Altersheimen anecken oder ausgegrenzt werden. Beim Eintritt müssen die Bewohner eine Vereinbarung ausfüllen: Wie viele Deziliter dürfen sie trinken? Wann? Und wo? Solche Regeln sind zulässig – wie auch andere Freiheitsbeschränkungen, solange sie abgesprochen sind. Zum Beispiel, dass ein Betrunkener ins Zimmer geschickt werden kann, wenn er eine Pflegefachfrau «Schlampe» genannt hat.

Am wichtigsten bleibt, dass Alkoholiker die Frage «Warum so viel?» auch in spezialisierten Altersheimen nicht beantworten müssen. Ausser sie wollen von sich aus den Konsum reduzieren. Aber mit Neuanfängen ist es so eine Sache: Manchmal ist man schon zu erwachsen dafür.

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