Sexualbegleiter im Liebeseinsatz

Hintergrund

Am 31. Dezember 2012 berichtete der «Tages-Anzeiger» über eine neue Ausbildung zum Sexualbegleiter für Behinderte. Nun sind die Begleiter im Einsatz.

Oskarkandidaten: Helen Hunt und John Hawkes im Film «The Sessions».

Oskarkandidaten: Helen Hunt und John Hawkes im Film «The Sessions».

(Bild: PD)

Simone Rau@simonerau

Als der «Tages-Anzeiger» vor einem Jahr die neue Ausbildung zum Sexualbegleiter für Behinderte ankündigte, gingen die Emotionen der Onlinekommentatoren hoch: «Ich fass es nicht. Bei allem Verständnis, das geht zu weit.» – «Wo ist der Unterschied zur Prostitution?» Ein knappes Jahr später, Mitte November 2013, haben sechs Kursteilnehmer den Lehrgang Sexualbegleiter am Institut für Selbst-Bestimmung Behinderter (ISBB) in Zürich abgeschlossen. Mit dem erworbenen Zertifikat dürfen die vier Frauen und zwei Männer im Alter zwischen 40 und 63 nun offiziell Behinderten mittels Berührungen Entspannung verschaffen.

Einer von ihnen ist der 44-jährige Erwin Schirmer. Zusammen mit seinem Partner führt der ausgebildete Pflegefachmann und Rettungssanitäter ein Restaurant in der Ostschweiz. Daneben bietet er Beratungen und Begegnungen für behinderte und ältere Menschen an sowie «für Menschen, die sich ihrer Bisexualität nicht sicher sind», wie Schirmer sagt. Auch er selbst lebte fast zehn Jahre mit einer Frau zusammen, bis er sich eingestand, dass er bisexuell ist.

«Sinnlicher Austausch»

Die Ausbildung zum Sexualbegleiter hat Schirmer absolviert, weil ihn das Thema «nie mehr losgelassen hat», seit er erstmals davon gehört hat. Er sei gespannt gewesen auf den «sinnlichen, erotischen, körperlichen Austausch» in der Ausbildung. Durch viele Körper-, Nähe- und Distanzübungen, Filme, Diskussionen, Selbsterfahrung und Erotik-Workshops mit Behinderten habe er «viele Fragen klären und erste Erfahrungen als Sexualbegleiter machen» können. Mit dem Vorwurf der Prostitution, der immer wieder aufkommt, könne er umgehen, sagt Schirmer. Der Fokus der Sexualbegleitung sei ein anderer: «Der Schwerpunkt liegt auf der Begegnung, nicht auf dem Akt. Sexuelle Handlungen können sich ergeben, müssen aber nicht.»

Auf Kritiker reagiert Schirmer mit Gegenfragen: «Was wäre denn aus deiner Sicht eine gute Lösung?», fragt er dann. Oder: «Wie würdest du das Thema Sexualität und Behinderung angehen?» Er wolle Behinderten «Nähe und Intimität geben», die sie anderweitig nicht erleben könnten. Zufrieden mit dem kürzlich zu Ende gegangenen Lehrgang, der aufgeteilt auf sieben Wochenenden in einem Seminarhaus im Bregenzer Wald stattfand, ist ISBB-Leiter Erich Hassler. Der Lehrgang sei «fast perfekt verlaufen». Bereits hätten elf Personen ihr Interesse für einen zweiten Lehrgang angemeldet. Geplant ist, dass dieser im Herbst 2014 oder im Frühling 2015 startet.

Auch Hassler wird immer wieder gefragt, ob Sexualbegleiter auch Geschlechtsverkehr anbieten würden. «Sexualbegleitung bietet eine Ersatzpartnerschaft. Für eine begrenzte Zeit gehen Sexualbegleiter und Behinderte eine emotionale Partnerschaft ein, wie im richtigen Leben», sagt er. Dazu gehörten auch sexuelle Erfahrungen, einschliesslich Geschlechtsverkehr, wenn dies beidseitig erwünscht sei. Man könne jedoch lediglich «Zeiten der Begegnungen» kaufen – keine speziellen sexuellen Akte. Gibt es ein Recht auf Sex, Herr Hassler? «Nein, das gibt es nicht», sagt er. «Aber darauf, selber zu bestimmen, wie man seine Sexualität leben möchte.»

Tages-Anzeiger

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