Raus aus der greisen Ecke

Die 28-jährige Neu-Moderatorin Olivia Röllin will junge Menschen für die Religion begeistern – auch mit abseitigen Themen.

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Beat Metzler@tagesanzeiger

Olivia Röllin ist gut halb so alt wie jene Menschen, die ihr künftig zusehen. Die 28-Jährige führt ab morgen durch die SRF-Sendung «Sternstunde Religion», abwechselnd mit Amira Hafner-Al Jabaji. Das durchschnittliche Publikum dieser Gesprächssendung hat den 60. Geburtstag bereits überschritten. Daraus lasse sich aber nicht schliessen, dass Religion ein Thema nur für Ältere sei, sagt Röllin. Diesen Vorbehalt bekomme sie immer wieder zu hören. Dabei behandeln Religionen Fragen, die alle Menschen beschäftigen – egal, welchen Alters. Die gebürtige Zugerin will in ihrem neuen Job dem Vorurteil entgegentreten, dass der Glauben nur Greise etwas angehe.

Karrieremässig erlebt Röllin gerade einen Kickstart. Noch schliesst sie ihr Studium der Religionswissenschaften und der Philosophie ab. Seit zwei Jahren arbeitet sie Teilzeit auf der SRF-Kulturredaktion, Erfahrung im Moderieren hat sie keine. Und jetzt steht sie plötzlich vor der Kamera des nationalen Fernsehens. In den letzten Monaten habe sie die Grundlagen dafür mitbekommen, sagt Röllin. Richtig lernen werde sie das Live-Moderieren aber wohl erst im Studio, wenn es ernst gelte.

Ob und woran sie persönlich glaube, sei nicht entscheidend, findet Röllin. Als Religionswissenschaftlerin bemühe sie sich um einen unparteiischen Blick auf das Thema. Ein solcher helfe auch beim Moderieren. «Aber ich hätte kaum dieses Fach studiert, wenn ich eine überzeugte Atheistin wäre und keine Resonanz für den Glauben verspürte.» Sie pflege ein breites Interesse am Religiösen, sagt Röllin. Dazu rechne sie alltägliche Rituale genauso wie die Astrologie, deren Einfluss noch heute bis in die Mitte der Gesellschaft reiche.

Sie will hinterfragen und die verschiedenen Ausprägungen des Glaubens beleuchten.

In den rund 20 Sendungen, die sie 2019 betreuen wird, will sie sich neben den klassischen Fragen (etwa «Was kommt nach dem Tod?») auch mit Esoterik und Lifestyle-Themen oder leicht Abseitigem wie Schamanismus und Satanismus auseinandersetzen. Gläubige Künstler wie der Komponist Arvo Pärt interessieren sie ebenfalls.

Religionen werden oft polemisch diskutiert – man streitet über Abtreibungsverbote oder Kopftuchzwang. Solche Debatten wolle sie keineswegs ausblenden, sagt Röllin. Doch bei der «Sternstunde» handle es sich nicht um ein konfrontatives Gefäss, davon gebe es viele andere beim Schweizer Fernsehen. Sie wolle hinterfragen und die verschiedenen Ausprägungen des Glaubens beleuchten. Nach dem Abschluss ihrer Philosophie-Masterarbeit (es geht darin um das Herz im Werk von Friedrich Nietzsche) wird Röllin weiterforschen, eine Doktorarbeit anhängen, um ihren «Wissensdrang zu nähren». Sie wird dies auch in Wien tun. Dort studiert sie bereits heute, dort lebt ihr Freund, dort gefällt es ihr. So pendelt sie zwischen der österreichischen Hauptstadt, Luzern (ihrem Schweizer Wohnort) und dem Zürcher Fernsehstudio.   

Die erste Sendung mit Röllin wird am Neujahrstag zu sehen sein, morgens um 10.50 Uhr – nicht unbedingt eine Zeit, die Junge anspricht. Kein Problem, sagt Röllin, alle Ausstrahlungen würden auf der SRF-Website und auf Youtube aufgeschaltet. Dieses Angebot nutzten viele ihrer jungen Freunde.

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