Plötzlich Oma

Grossmutter zu werden, ist nicht einfach – vor allem, wenn die Tochter eigene Vorstellungen hat. Ein Erfahrungsbericht.

Die Mutter-Kind-Beziehung wird zu einer Mutter-Mutter-Beziehung: Drei Generationen einer Familie. Foto: iStock

Die Mutter-Kind-Beziehung wird zu einer Mutter-Mutter-Beziehung: Drei Generationen einer Familie. Foto: iStock

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Zugegeben, dass mein Kind ein Kind bekommen würde, hat mich überrascht. Aber unvorbereitet getroffen hat es mich nicht. Wer Kinder hat, weiss ja im Grunde, dass die sich ab einem bestimmten Alter fortpflanzen können. Theoretisch jedenfalls.

Frauen sind dann diejenigen, die den praktischen Teil übernehmen werden. Insofern war ich durchaus überrascht, aber nun auch wieder nicht fassungslos, als meine 22 Jahre alte Tochter mich vor ein paar Jahren anrief und mit nicht sehr fester Stimme sagte: «Du, ich bin schwanger.»

Und doch hat dieser Satz sehr viel mehr verändert, als ich davor gedacht hätte. Natürlich in erster Linie für sie, für ihr Leben. Aber eben auch für mich und meine Beziehung zu ihr. Ich dachte: Jetzt werde ich aber wirklich alt. Und ja, das war offensichtlich der Fall.

Ein Kind, das ein Kind bekommt, das nenne ich eher nicht mehr mein Kind. Das nenne ich meine Tochter, die ein Kind bekommt. Und wenn dieses Ereignis eintritt – was bin dann ich, na? Nein, nicht die Mutter von der Mutter von dem Kind. Sondern: die OMA vom Enkelkind. Diese Zuschreibung, dieses Dreibuchstabenwort, ist mit Mitte vierzig eine ganz schöne Herausforderung. Es ist ein erstes Date mit der eigenen Sterblichkeit.

Schwangerschaft und Geburt, Schmerz und Angst, Glückseligkeit und jede Menge Unsicherheit – sie sind das Fundament, auf dem das geheime Land der Elternliebe errichtet ist. Und da kommt eben nur rein, wer im Klub ist, wer also selbst ein Kind bekommt. Es gibt im Lauf eines Lebens einfach wenig gute Gründe, mit der eigenen Tochter auf Vorrat über das Kinderkriegen zu sprechen. Was willst du erzählen? Mann, war das eine nervige Schwangerschaft mit dir? Grauenhaft, diese Schmerzen? Also.

Die Geburt des kleinen Enkelmädchens trennte uns auf eine neue Weise.

Entsprechend fassungslos starrte ich damals auf den gross und grösser werdenden Bauch meiner Tochter. Konnte es wahr sein, dass dieses Mädchen sich nur dreiundzwanzig Jahre nach der eigenen Menschwerdung auf den Weg machte, selbst ein Baby auszutragen? Ja, konnte es. War es nicht ein unglaubliches Wagnis, dass diese Tochter ein Kind gebiert? Ja, das auch.

Aus Mutter und Tochter wurden Mutter und Oma. Das war das eine. Das andere, weitaus Bedeutendere: dass meine Tochter von nun an ihre eigene Familie war, ihre eigene soziale Einheit bildete. Dass sie etwas Neues aufbaute, von dem ich nur noch sehr bedingt Teil war. Obwohl ich ihr das immer gewünscht hatte, war es dann doch nicht so leicht für mich. Ich hatte mich meiner Tochter sehr nahe gefühlt – die Geburt des kleinen Enkelmädchens trennte uns auf eine neue Weise. Und es hat ein bisschen gedauert, bis ich das nicht nur akzeptabel, sondern gut finden konnte.

Die Frage blieb aus

Die Nacht der Geburt war voller Sorge und Mitgefühl für unser Kind und ihr Baby. Mein Mann und ich hatten Angst um sie, weil so eine Geburt in der Regel ein Gewaltmarsch ohne Pause und Biwak ist. Ich lag wach im Bett und spürte diese sehr starke und noch recht neue Verbundenheit mit meiner Tochter als Frau. Als Geschlechtsgenossin, um mal dieses unhandliche Wort zu benutzen. Ich dachte an meine Geburten, an diese Mischung aus Panik und Grossartigkeit. Als im Morgengrauen die erlösende SMS kam, war ich tatsächlich erlöst.

In den ersten Monaten danach setzte sich meine Tochter leider nie zu mir, um mit einer Tasse Fliedertee in den Händen den Erfahrungen ihrer klugen Frau Mutter zu lauschen. Schade eigentlich. Bevor mein Kind schwanger wurde, hatte ich mir so was in der Art immer ausgemalt. Sie in der Rolle der fragenden Nachgeborenen – und ich als weise Muhme.

Meine eigenen Erfahrungen zu Kindergesundheit oder Schlafenszeiten sollte ich erst einmal bitte für mich behalten.

Aber nun war ich ja auch noch gar nicht richtig alt. Und sie hatte eine kompetente Frauenärztin, eine allwissende Hebamme, das schlaue Internet und ihre Freundinnen. Mir wurde sehr klar bedeutet, im Hintergrund auf meinen Einsatz zu warten. Meine eigenen Erfahrungen und Ansichten zu Dammnähten, Beckenböden, Kindergesundheit oder Schlafenszeiten sollte ich erst einmal bitte für mich behalten.

Und das tat ich. Tatsächlich brauchte die neue Kleinfamilie erst mal Zeit, um sich einzugrooven. Stillen, schlafen, Studium – alles musste neu eingestellt werden. Wir wohnten 200 Kilometer voneinander entfernt. Wenn wir uns sahen, spürte ich deutlich die Unsicherheit meiner Tochter. Einerseits war da der Wunsch, nicht zur Latte-macchiato-Mutter zu werden – und auf der anderen Seite der Anspruch, jetzt bloss nichts falsch zu machen.

Ich spürte die Belastung, die meine Besuche im Alltag der neuen Familie waren.

Ein Baby ist ein so verletzliches Wesen, aber eben auch eine unerbittliche Willensmaschine. Verheissung und tägliches Wagnis. Eine Mutter, die das alles im 20. Jahrhundert auch schon so oder irgendwie anders erlebt hat, war offenbar nicht die Person, von der meine Tochter Rat wollte.

Ich fragte mich schon: Was ist hier los? Warum komme ich da nicht ran? Ich wollte so gern teilhaben. Aber es klappte nicht. Es war okay, wenn ich da war, doch ich spürte auch die Belastung, die meine Besuche im Alltag der neuen Familie waren.

Ich hielt mich also abseits. Aber ich litt unter dieser geschlossenen Gesellschaft, die sich Kleinfamilie nennt. Mein Kind hatte nun selbst ein Kind, und es brauchte mich nicht. Ja, ich war ein bisschen angefasst. Ich sehnte mich nach Kontakt zu meiner Enkeltochter, nach Treffen mit meinem Kind. Denn das war sie ja immer noch und würde es bleiben bis ganz zum Schluss: mein Kind. Aber sie war nun eben auch eine Mutter. Und die wollte erst mal für sich rausfinden, was ihr und ihrem Kind guttat. Und was nicht.

Wie eine Baby­stalkerin machte ich dauernd Fotos mit dem Handy.

Andere Grosseltern hatten Vergleichbares zu berichten. Eine Freundin erzählte, sie komme kaum an ihre Enkelin heran. Eine andere schilderte, wie sie in einem unbeobachteten Augenblick ihrem wenige Monate alten Enkel tief in die blauen Äuglein geblickt und ihm zugeflüstert habe: «Werd mal schnell ein bisschen grösser, dann lernen wir zwei uns auch endlich kennen.»

Die Sache mit der Zeit

Wie eine Baby­stalkerin machte ich dauernd Fotos mit dem Handy. Zum einen, um mein sehnsüchtiges Herz zu füttern, zum anderen, um Freunden und Kollegen später stolz die Bilder zeigen zu können. Wusste ja keiner, dass ich mein Enkelkind gar nicht so häufig sah. Und wenn doch, dann fing es ziemlich bald zu weinen an, weil ich eben nicht seine Mama war.

Zu Hause holte ich die Fotoalben meiner Tochter heraus und stellte Vergleiche an. Und tatsächlich war die Ähnlichkeit nicht zu übersehen: Dieses Kind glich seiner Mutter fast bis aufs Haar. Die Augen, die Brauen, der Mund – ein klarer Fall von Zeitschleife. Ich seufzte. War ich nicht selbst gerade erst eine junge Mutter gewesen? Ja. Nein. Ach verdammt, wo war die Zeit bloss hin?

Sie hatte jetzt keine Hand mehr frei, die sie beim Spazierengehen in meine legen konnte.

Auch meine Tochter und ich brauchten Zeit. Nur kaum merklich, Schritt für Schritt, veränderte sich unsere Mutter-Kind- zu einer Mutter-Mutter-Beziehung. Es war vor allem meine Tochter, die freundlich, aber bestimmt – und notfalls auch sehr direkt – darauf achtete, dass ich mich von alten mütterlichen Gewohnheiten verabschiedete.

Sie hatte jetzt keine Hand mehr frei, die sie beim Spazierengehen in meine legen konnte. Sie bestand darauf, nicht mehr bei ihrem verniedlichenden Vornamen gerufen zu werden. Und als sie in eine neue Wohnung zog, machte sie unmissverständlich klar, dass sie nicht mit unserem abgelegten Wohlstandsmüll beschenkt werden will.

Die Botschaft war eindeutig: Ich kann für mich selbst sorgen. Mir fiel es schwer, mich in die mir zugedachte Rolle fallen zu lassen. Sie war jetzt die Königin. Die Königinmutter zu sein bedeutete, auf Rang drei der Familienfolge abzurutschen. Dass mir das etwas ausmachen würde, hätte ich vorher nicht gedacht. Ich hatte mich immer als eine smarte Grossmutter gesehen.

Und nun fühlte ich mich alt. Mir taten die Schultern weh, wenn ich meine kleine Enkeltochter im Urlaub durch die Gegend trug. Und auf dem Spielplatz schielten junge Eltern zu mir rüber, die glaubten, das mich begleitende kleine Mädchen sei mein eigenes, arg spätes Reproduktionsprojekt.

Ein Wiedersehen

Ich erwischte mich dabei, dass ich Vergleiche zog zwischen meiner Tochter und mir. War ich für sie auch so eine gute Mutter gewesen wie sie für ihr Kind? So sicher wie in all den Jahren vor der Geburt meiner Enkelin war ich mir plötzlich nicht mehr.

Wir waren verdammt jung gewesen, der Alltag komplett zugeplant. Unsere Kinder liefen da manchmal wie nebenbei mit. Wir hatten viel Arbeit, wenig Geld und zum Glück Unterstützung von den Grosseltern. Wir kochten unseren Töchtern Fischstäbchen und Tiefkühlspinat. Und ja, sorry, wir rauchten. Auch in der Wohnung. Alles war improvisierter, unordentlicher. Wir haben gegeben, was wir hatten, habe ich mehr als einmal zu meinen Kindern gesagt.

Verdammt schöne und allzu flott verflogene Jahre waren das.

Und irgendwann gab es sie dann doch, die von mir ersehnten Mutter-Tochter-Gespräche. Ich wurde gefragt und ich hatte tatsächlich Antworten. Ich war selbst erstaunt, wie gut ich mich nach all den Jahren immer noch mit Windpocken auskannte. Und dass es nach wie vor in jeder Kitagruppe dieses eine beissende Kind gibt. Und Eltern, die spinnen. Immer noch mögen Kinder einfach keine Pilze. Und dass Bibi und Tina samt Amadeus und Sabrina es ins 21. Jahrhundert geschafft haben, war zuerst eine unangenehme Überraschung für mich. Inzwischen freue ich mich über die vertrauten Wieherlaute.

Der Anruf meiner Tochter, in dem sie mir sagte, sie erwarte ein Kind, ist jetzt schon sieben Jahre her. In diesem Herbst ist meine Enkeltochter in die Schule gekommen. Verdammt schöne und allzu flott verflogene Jahre waren das. Jahre der Neujustierung. Meine Tochter schloss ihr Studium ab und zog in eine andere Stadt. Aus 200 wurden 600 Kilometer Abstand.

Inzwischen sehen wir uns etwa alle zwei Monate, wir haben schon zusammen und nur mit der Enkelin Urlaub gemacht, wir feiern die Familienfeste miteinander. Wenn diese Tage des Zusammenrückens vorbei sind, freue ich mich, wieder meinen Freiraum zu haben.

Ich erfuhr noch einmal diese Liebe, die ich von früher kannte.

Das ist die Verheissung des Omaseins: Liebe ohne Pflichten. Das biografische Sahnehäubchen. Danach sah es anfangs nicht aus. Aber genauso ist es gekommen. Nicht wegen mir – sondern trotz mir. Der Anruf war der Beginn einer Liebe zu einem weiteren Kind, das als Geschenk in mein Leben geflutscht ist.

Im letzten Winter, am Weihnachtstag, habe ich mit meiner Enkeltochter Mittagsschlaf gehalten. Sie wollte vor lauter Aufregung natürlich nicht schlafen, aber irgendwann lagen wir schliesslich doch nebeneinander im Bett. Manchmal, flüsterte sie mir zu, lege ich mich zum Schlafen auf Mama oder Papa drauf, das ist so schön weich. Dann wuchtete sie ihre 28 Kilo auf meinen Bauch. Ich sagte nichts, lächelte nur. Ich spürte den gleichmässiger werdenden Atem meines Enkelkindes, ihre blonden Haarspitzen an meiner Nase. Schnell war sie eingeschlafen.

Und ich? War hellwach und wischte mir die Tränen aus den Augenwinkeln. Mehr geht nicht, dachte ich. Mehr kann ja gar nicht gehen. Ich erfuhr noch einmal diese Liebe, die ich von früher kannte, von meinen Kindern: bedingungslos, herzerwärmend, verletzlich. Ich war, nein, ich bin ein dankbarer Mensch.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.11.2018, 18:46 Uhr

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