Bern

Partnerin und Patientin – Leben mit Alzheimer

BernSeit einem Jahr lebt Regula Streiff (55) mit der Diagnose Alzheimer. Die Bernerin und ihr Mann Hansruedi kämpfen nicht nur damit, dass sie so jung erkrankt ist, sondern auch mit den neuen Einschränkungen.

Das Lesen fällt Regula Streiff mittlerweile schwer – die Konzentration nimmt ab. Ihr Mann Hansruedi liest ihr aber manchmal vor.

Das Lesen fällt Regula Streiff mittlerweile schwer – die Konzentration nimmt ab. Ihr Mann Hansruedi liest ihr aber manchmal vor. Bild: Iris Andermatt

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Es begann alles mit der Müdigkeit. Im Frühling 2014 fühlte sich Regula Streiff immer schläfriger, konnte bei der Arbeit die Augen kaum offen halten. Manchmal bediente die Lehrerin zudem Geräte falsch oder holte trotz Abmachung ein Kind nicht ab. Noch vor ihrem Mann wurden andere in der Schule auf das Problem aufmerksam und verordneten ihr einen Termin beim Arbeitsarzt. «Kurz vor den Ferien einigten wir uns auf ein Burn-out», erinnert sich Regula Streiff.

Die Diagnose passte. Die Müdigkeit war immer noch bleiern, und sie sehnte sich nach Ruhe. In den Sommerferien in Schweden fiel ihrem Mann Hansruedi aber auf, dass sie teilweise ungelenk mit dem Besteck hantierte. Auch die drei gemeinsamen Kinder beobachteten Ungereimtheiten – ihre Mutter hatte im Gespräch Mühe, die richtigen Worte zu finden, las die Uhrzeit manchmal falsch.

Mitte August besuchte Regula Streiff ihren Hausarzt und schilderte ihm ihre Beschwerden. Dieser verordnete neurologische Tests – MRI, eine Lumbalpunktierung. Streiffs hofften zuerst auf einen Virus oder gar auf einen Tumor. Doch im Nervenwasser der 55-Jährigen wurden Abbauprodukte vom Demenzprozess gefunden. Die Diagnose: Alzheimer.

Der Trauerprozess

«Meine Reaktion beim Gespräch mit dem Neurologen war seltsam», erinnert sich Regula Streiff. Sie war nicht geschockt, weinte auch nicht. «Es war so, als ob ich es schon längstens gewusst hätte.» Auch ihr Mann spricht nicht unbedingt von Schock. Er bezeichnet die Diagnose eher als Auslöser eines Trauerprozesses, der bis heute andauert. «Man muss sich von einer Person, mit der man schon so lange zusammen ist, schrittweise verabschieden», sagt er und blickt zu seiner Frau. «Ich muss lernen, zwei Personen zu sehen: einerseits die Partnerin, andererseits die Patientin.»

Die Diagnose veränderte das Leben des Ehepaars von Grund auf. Hansruedi Streiff reduzierte das Arbeitspensum, um seiner Frau behilflich zu sein. Sie hörte auf zu arbeiten, fing stattdessen Logo- und Ergotherapien an. Damit können gewisse Demenzprozesse verlangsamt werden.

Die 55-Jährige will vor allem wieder lernen, eine Uhr richtig zu lesen. «Es ist kurios», sagt sie. «Aber mit den Uhrzeiten kämpfe ich enorm.» Hat sie einen Termin, programmiert ihr Hansruedi Streiff deshalb zwei Erinnerungen ins Handy. Auch das Schreiben und Lesen bereiten Regula Streiff Mühe, primär wegen der erforderlichen Konzentration. Grosse Freude hat sie, wenn ihr jemand vorliest.

Der lange Weg

Kurz nach der Diagnose besuchten die beiden das Alzheimer-Café im Rosengarten. «Es war grauenhaft», erinnert sich Regula Streiff. «Alle waren etwa dreissig Jahre älter.» Denn während es im Kanton Bern etwa 16'300 Menschen gibt, die an Alzheimer oder Demenz erkrankt sind, sind nur rund 330 davon unter 65 Jahren.

Für das Paar doppelt schwierig: Erstens gibt es für jüngere Patienten weniger Angebote. Erst seit einem halben Jahr kann Regula Streiff etwa die erste Selbsthilfegruppe für unter 65-Jährige in der Deutschschweiz besuchen. Und zweitens könnte sie mit der Erkrankung noch sehr lange leben, da sie körperlich keine Beschwerden hat. «Mir wurde schnell klar, dass ich diesen Weg nicht zu Ende gehen will», sagt die 55-Jährige. Aus diesem Grund entschied sie kurz nach der Diagnose, sich bei Exit anzumelden.

Nach ersten Recherchen merkte das Paar aber, dass die Sterbehilfe für Demenzkranke heikel sein kann: «Regula hat Angst, den Moment zu verpassen, wenn sie nicht mehr als urteilsfähig gilt», sagt Hansruedi Streiff. So gebe es auch Leute mit fortgeschrittener Demenz, die zu lange warteten und Exit nicht mehr nutzen könnten. Eigentlich, sagen Streiffs, müsse man sich zu früh verabschieden – damit man nicht zu spät ist.

Beim Reden über Exit wirken beide bemerkenswert gefasst. Trotzdem wendet sich Hansruedi Streiff plötzlich seiner Frau zu und sagt: «Es ist eigentlich unglaublich. Vor einem Jahr warst du gesund, und nun befassen wir uns mit solchen Fragen.» Manchmal, fügt er hinzu, werde er richtig wütend, dass die Krankheit ausgerechnet seine Frau befallen habe. Sie nickt, presst die Lippen zusammen. «Es ist gemein», sagt sie. «Aber man muss versuchen, es zu akzeptieren.»

Glücksmomente im Alltag

Trotz der regelmässigen Tests, der Mühe im Alltag können die beiden den Moment und die Zeit zusammen geniessen. Regelmässig gehen sie wandern, schätzen Flora und Fauna. Die Lebensqualität, sagt Hansruedi Streiff, sei immer noch sehr gut. «Es gibt durchaus viele schöne Momente», sagt Regula Streiff. Sie lächelt. «Etwa mit der Familie – und meinem neuen Enkelkind.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.09.2015, 11:56 Uhr

Fokuspreis 2015

Dass auch Menschen in jüngerem Alter an Demenz erkranken, ist vielen nicht bewusst. Häufig vermuten die Betroffenen, dass etwas nicht stimmt – die Symptome können aber auch falsch interpretiert werden, etwa als Burn-out. Eine frühe Diagnostik sowie eine gezielte Begleitung könnten helfen, die Situation für Betroffene erträglicher zu machen, schreibt die Alzheimer-Vereinigung Bern in einer Mitteilung.

Im Rahmen des Welt-Alzheimertages am Montag hat die Vereinigung am Freitag den Fokuspreis an Regula und Hansruedi Streiff übergeben (siehe Haupttext). Das Ehepaar engagiere sich in vorbildlicher Weise dafür, Betroffenen Mut zu machen, begründet die Vereinigung die Wahl. Zudem motivierten die beiden andere, Hilfe in Anspruch zu nehmen und das Leben aktiv zu gestalten.

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