Ohne Wallungen durch die Wechseljahre

Zwei Drittel aller Frauen in dieser Lebensphase haben Beschwerden und die Qual der Wahl: Hormone oder zum Beispiel pflanzliche Alternativen. Erstere sind umstritten, während Letztere nicht bei allen wirken.

Grafik DB. Quellen: Women's Health Initiative Studie, Marie-Studie, Viva Studie.

Grafik DB. Quellen: Women's Health Initiative Studie, Marie-Studie, Viva Studie.

Juliane Lutz@JulianeLutz

Das Klimakterium gehört zu den letzten Tabus unserer Gesellschaft. Zwar leiden unzählige Frauen zwischen 45 und 55 unter östrogenmangelbedingten Beschwerden wie Hitzewallungen, doch kaum eine redet darüber. Wer will es ihnen verdenken, bezeichnet dieses grässlich klingende Wort doch den Übergang von der Geschlechtsreife ins sogenannte Senium (Alter). Und welche Frau möchte schon als alt gelten. Darin stehen sie den Männern in nichts nach. Doch auch Frauen, die diese Phase am liebsten totschweigen würden, müssen nicht still vor sich hin leiden, denn gegen Wechseljahrebeschwerden lässt sich einiges tun.

Frauen sagen, was sie wollen

«Akupunktur, pflanzliche Arzneimittel, Antidepressiva oder Hormonersatztherapie — in der Sprechstunde liste ich erst einmal alle Möglichkeiten auf, die es gibt», sagt Petra Stute von der Universitätsfrauenklinik am Inselspital. «Dann kann die Patientin entscheiden, was sie versuchen möchte.» Die Zeiten, in denen die Hormonersatztherapie (HET) als Standard und als eine Art Wunderwaffe galt, sind seit 2002 endgültig vorbei. Damals wurde die Women’s Health Initiative (WHI), eine der weltgrössten Studien zum Thema HET, abgebrochen, da unter den Teilnehmerinnen das Risiko für einen Schlaganfall, Herzerkrankungen, Brustkrebs oder Thrombosen frappant gestiegen schien.

Neues Wissen bei Hormonen

Zwar wurden mittlerweile viele Ergebnisse der Untersuchung relativiert, doch die Skepsis blieb. «Seit 2002 sind Hormonersatztherapien weltweit um 50 bis 80 Prozent zurück gegangen. Die Mehrheit der Frauen probiert heute erst pflanzliche Mittel aus», sagt Hormonexpertin Stute. Sie schlägt eine HET nur den 30 Prozent aller Betroffenen vor, die so stark unter den Wechseljahrebeschwerden leiden, dass ihre Lebensqualität eingeschränkt ist. Während an der WHI-Studie meist Frauen über 60 teilnahmen, die zum Teil übergewichtig und gesundheitlich vorbelastet waren, ist mittlerweile bekannt, dass das Alter der Frau bei Therapiebeginn die wichtigste Rolle spielt. «Meist wird damit zwischen 40 und 50 Jahren angefangen. Dagegen ist man mit einer HET bei über 60-Jährigen heute sehr zurückhaltend», sagt Stute. Als ideal gilt, damit fünf Jahre nach der letzten Periode zu beginnen und sie nach fünf Jahren wieder abzusetzen. «Dann sind die Risiken minimal», sagt Stute.

Auch kommt jeweils die niedrigste effektive Dosis zum Einsatz. «Liegt eine Standardtherapie derzeit bei 50 Mikrogramm, geht der Trend stark in Richtung 25 Mikrogramm», sagt Stute. Im Laufe dieses Jahres soll in der Schweiz noch ein wesentlich niedriger dosiertes Produkt auf den Markt kommen. Ebenso minimiert die Aufnahme der Hormone über die Haut das Risiko weiter. «Entscheidet sich eine Frau für eine HET, erkläre ich, dass es sich dabei nicht um ein Dauerabo über Jahre handelt», so die Expertin. «Fühlt sie sich nach einem Monat unwohl, wird die Therapie be-endet.»

Minimales Restrisiko bleibt

Sicher ist, dass eine HET das gesamte Spektrum der Wechseljahrebeschwerden beseitigt oder zumindest lindert sowie nach wie vor als Osteoporose-Vorbeugung Mittel der ersten Wahl ist. Und sie hilft, die Figur zu halten. Die nachlassende Östrogenproduktion führt dazu, dass männliche Hormone die Oberhand gewinnen. Somit lagert sich auch bei Frauen vermehrt Fettgewebe am Bauch ein. Hormone steuern hier dagegen. Doch: Untersuchungen legen nahe, dass sich durch die Gabe eines Östrogen-Gestagen-Präparats das Brustkrebsrisiko geringfügig erhöht. Allerdings geht man davon aus, dass die HET den Tumor nicht verursacht, sondern bereits bestehende Krebszellen stimuliert. Auch könnte bei entsprechender Vorbelastung eine erhöhte Thrombosegefahr bestehen.

Alternativen ohne Garantie

Im Bereich der Phytotherapeutika, die auf Pflanzenmischungen beruhen, und der Phytoöstrogene, sekundäre Pflanzenstoffe mit hormonähnlichen Wirkungen, wird vieles als hilfreich gepriesen. So kann der Sibirische Rhabarber bei Hitzewallungen helfen und Hopfen bei Unruhezuständen sowie anderen klimakterischen Beschwerden. Johanniskraut wiederum soll zu einer generellen Verbesserung der menopausenbezogenen Lebensqualität führen. Tatsache ist aber: All diese Alternativen wirken sehr individuell: Bei der einen Frau schlagen sie an, bei anderen nicht. Dazu kommt eine unklare Datenlage, die auch auf Angebote aus der Komplementärmedizin, etwa Akupunktur, zutrifft. Als einigermassen gesichert gelten nur Ergebnisse für die in Soja enthaltenen Isoflavone und für die Traubensilberkerze. «Zahlreiche Studien legen nahe, dass sie eventuell leichte bis moderate Hitzewallungen und Schweissausbrüche reduzieren», sagt Stute.

Antidepressiva wie Serotoninwiederaufnehme-Hemmer können ebenfalls Hitzewallungen und Schweissausbrüche bis zu 75 Prozent reduzieren, von der Stimmungsaufhellung ganz zu schweigen. Es kann jedoch zu Nebenwirkungen wie sexueller Unlust kommen.

Den Frauen bleibt die Qual der Wahl. Aber zumindest bei einem Problem, das fälschlicherweise dem Klimakterium zugeschrieben wird, benötigen sie keine Arzneimittel: wenn sie zunehmen. Mit den Jahren nimmt der Bedarf an Kalorien und die Muskelmasse ab, die viel Energie verbraucht. Dagegen helfen nur veränderte Essgewohnheiten und Sport.

Berner Zeitung

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