Odyssee durch die Kliniken

Vor fünfzig Jahren wurde bei ihm paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Es folgte eine Odyssee durch die Schweizer Psychiatrie – ohne Erfolg. Heute ist der 71-Jährige überzeugt: Sich selber helfen bringt mehr als teure Therapien.

Von der  Psychiatrie  abgestempelt: Josef B. hat einen langen Leidensweg hinter sich.

Von der Psychiatrie abgestempelt: Josef B. hat einen langen Leidensweg hinter sich. Bild: Nicole Philipp

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Was Josef Borgeaud (Name von der Redaktion geändert) behauptet, ist mutig: Er wehrt sich dagegen, dass psychische Störungen als Krankheit gelten. «Psychische Störungen sind keine Krankheit», ist er überzeugt. 1967 wurde beim damals 21-jährigen, intelligenten und Lebenssinn suchenden Mann «ohne grosse ärztliche Abklärungen», wie er selbst sagt, paranoide Schizophrenie festgestellt. Eine Dia­gnose, die zwar gestellt, aber nie bestätigt wurde.

Bei vier darauffolgenden Aufenthalten in verschiedenen Psychiatrien während zwanzig Jahren, sei diese Diagnose von den Kliniken stets «widerstandslos übernommen» worden, erzählt der ausgebildete Radioelektriker und spätere Pflegeassistent am Inselspital. Das bedeutete für den jungen Mann einen langen Leidensweg.

«In Depressionen gestürzt»

Seit dreissig Jahren ist der stets berufstätig gebliebene Berner nun aber frei von psychischen Störungen. Aufgrund des Beobachtens der auftretenden Störungen, also wie schnell Depression oder gar Wahn auftraten oder wieder verschwanden, habe er festgestellt, dass nicht sein Gehirn krank sei, sondern allein seine Gedanken und Gefühle. Allen voran seien das Angst- und Schuldgefühle gewesen. Diese «kranken» Gefühle seien verantwortlich, wie es ihm gehe, ist der reflektierende Eigenseelenanalytiker überzeugt.

«Weil mir eingeredet wurde, ich würde an einer Krankheit leiden, habe ich mich in die Opferrolle begeben und mich lange Zeit nicht dagegen gewehrt», sagt der heute 71-Jährige. Aufgrund dieser Annahme sei er in tiefe Depressionen gestürzt. «Ein Teufelskreis.» Hätte er damals schon geahnt, dass seinen psychischen Störungen nicht mit Medikamenten beizukommen sei, da sie eben keine Krankheit gewesen seien, so hätte er sich intensiver gegen seine eigene innere Welt, gegen sein damaliges Selbstbild, die Indoktrination und das fehlende Selbstwertgefühl aufgelehnt.

Gehe ein von ähnlichen Störungen Betroffener aber davon aus, seine labile Psyche sei eine Krankheit, so warte er ab, bis diese vorüber sei. «So lange, bis er wieder von seinem Irrsinn eingeholt wird. Dabei ist es wirksamer, die eigenen, oft engen Denkschemata zu überprüfen.»

Hilf dir selbst

Josef Borgeaud unterlegt seine Sichtweise mit folgendem Argument: «So, wie man Gott nicht körperlich im Universum finden kann, so kann man im Gehirn keine Gedanken finden. Warum also soll das Gehirn durch Medikamente ‹geheilt› werden?» Nicht also das Gehirn sei krank, sondern die Gedankenwelt gestört. Wenn die seit der Kindheit akkumulierten falschen Vorstellungen verrückt spielten, so sei er doch selbst der Einzige, der sie, kraft seines Willens, ändern könne. Wenn auch mithilfe von aussen. Weil nur er selbst derjenige sei, der diese Gedanken denke und die Gefühle empfinde.

«Während einer Depression hat man das Gefühl, man schmore in einem Feuersee.» Deshalb gehe es darum, dass den Betroffenen Fachpersonal wie Psychologen zur Seite stünden, die ihnen zuhörten und sie darin unterstützten, diese Gedanken zu ­besiegen und die schädlichen Gefühle auszumerzen. «Was psychische Probleme wie bipolare Störungen, Psychosen oder Schizophrenie am schnellsten vertreibt, ist Selbstvertrauen!»

Finde ein Patient dieses, so könne er auch Eigenverantwortung übernehmen und sich somit aus der Opferrolle hinausbegeben und sein Leben meistern. «Mit Medikamenten kann ich vielleicht kurzfristig besser schlafen, habe aber noch keines meiner tiefen und wirklichen Probleme gelöst.» Jeder Mensch unterliege einer gewissen kognitiven Dissonanz. Deshalb sind für Borgeaud auch die Versuche mit Menschenaffen «völlig sinnlos und anmassend».

Mehr Zeit zum Zuhören

Am liebsten würde er die Psychiatrien in Bezug auf die genannten Störungen in «seelische Hilfszentren» umwandeln. Er ist überzeugt, dass dadurch die Sozialämter entlastet würden, wenn die Patienten mit psychischen Störungen besser aufgeklärt würden. «Unsere sozialen Kosten würden massiv sinken.» Als er in jungen Jahren zum ersten Mal eingewiesen worden sei, habe man ihn belogen, damit er überhaupt mitgegangen sei, so Bor­geaud.

In der Klinik habe man ihn erst in die geschlossene Abteilung gebracht, ohne ihm zu sagen, dass er sich in einer psychiatrischen Klinik befinde. Aus Angst, was mit ihm geschehen könnte, sei er panisch auf das Pflegepersonal losgegangen. So sei auch die Diagnose paranoide Schizophrenie zustande gekommen. «Seitdem trage ich einen unsichtbaren Stempel.»

Erst die Einsicht, sein Leben aktiv in die Hand zu nehmen, habe ihn befreit. Er wisse, dass er nie wieder rückfällig werde, weil er die Gesetze der eigenen psychischen Störungen kennen gelernt habe. «Ich möchte einfach die Botschaft des An-sich-selbst-Glaubens weitergeben. Sie befreit von Indoktrination.»

Fehldiagnosen möglich

Was aber sagt die Psychiatrie heute zu dieser Kritik? Es könne gut sein, dass Josef Borgeaud vor fünfzig Jahren eine Diagnose erhalten habe, die bei ihm nicht zugetroffen habe, sagt ein Berner Psychiater. Mit Namen will er indes nicht genannt werden, da er den Fall nicht kenne. Er gibt aber zu bedenken: «Früher neigte man dazu, oft schnell zu diagnostizieren.»

Dadurch sei auch Unrecht geschehen. «Heute tendiert die Medizin dazu, den Klienten ins Zentrum zu setzen, mögliche Grenzen zu erkennen, Ressourcen und Umfeld stärker mit einzubeziehen.» Die Medizin gehe weg von der Diagnoseorientierung. Als Beispiel nennt der Experte das Recovery-Modell (siehe Kasten), welches das Individuum einbeziehe und die Funktionseinschränkung integriere.

Gefährliche Pauschalisierung

Über das Wort Krankheit möchte der Psychiater nicht allzu sehr sinnieren: «Was Krankheit ist, ist eine philosophische Frage, die sich auch in anderen Bereichen stellt.» Gefährlich findet der Fachmann allerdings die Aussage in Bezug auf die Medikamente. «Es gibt Betroffene, denen es mit Medikamenten klar besser geht.» Auch ihnen müsse man gerecht werden. Eine Verallgemeinerung sei immer gefährlich. Dadurch würden wiederum andere Betroffene stigmatisiert. «Es ist immer heikel, von sich auf andere zu schliessen.»

Am Dienstag, 10. Oktober, ist der internationale Tag der seelischen Gesundheit. Aus diesem ­Anlass finden in der Region Bern unter dem Titel «Wie gehts Dir?» verschiedene Veranstaltungen statt. Weitere Infos: www.psychische-gesundheit-bern.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.10.2017, 14:37 Uhr

Recovery-Modell: Eigenes Genesungspotenzial nutzen

Das Recovery-Modell ist bei psychischen Störungen und Suchtkrankheiten ein Konzept, welches das eigene Genesungspotenzial der Betroffenen hervorhebt und unterstützt. Der Begriff stammt aus dem Englischen und bedeutet in diesem Zusammenhang Wiedergesundung.

Diese kann als persönlicher Prozess gesehen werden. Ein Prozess, der Hoffnung erfordert, aber auch eine sichere Basis, zwischenmenschliche Beziehungen, Selbstbestimmung (Empowerment), soziale Inte­gration und Problemlösungskompetenz. Daraus ergibt sich schliesslich im Idealfall ein neuer Lebenssinn.

Wegen der vorhandenen Defizite bei der Integration psychisch Kranker und aufgrund von Studien, die zeigen, dass viele Betroffene eine Integration in ihre Umgebung erreichen können, erhielt Recovery raschen Auftrieb. Das Recovery-Modell ist bereits in einigen Ländern zur Leitvorstellung für die staatliche Gesundheitspolitik in der psy­chiatrischen Versorgung ge­worden.

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