Mit Superstar Marx durch die Gegenwart

Der Philosoph und grosse Schriftsteller Karl Marx war selten so populär. Ein Rundgang an seiner Seite durch den Kapitalismus.

Jetzt ist die Weltgesellschaft da angekommen, wo er schon 1848 war: Karl Marx. Foto: Getty Images

Jetzt ist die Weltgesellschaft da angekommen, wo er schon 1848 war: Karl Marx. Foto: Getty Images

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Wenn irgendwo Bücher rumliegen, erkennt man ja schon am Grad der Speckigkeit des Einbands, ob diese Bücher Deko sind oder im Gebrauch. Faustregel: je abgegriffener ein Buch, desto ergriffener von seinem Inhalt sein Besitzer.

So gesehen sind die Wälzer, die der lesende Mensch Joachim Barloschky mitgebracht hat ins Bremer Café Übersee, Belege eines gemeinsam mit Büchern verbrachten aufregenden Lebens. Im «Kommunistischen Manifest» von Marx und Engels zum Beispiel ist jeder dritte Satz angestrichen, das schmale Exemplar aus dem Dietz-Verlag stammt aus dem Jahr 1966. «Ich lese das Manifest in jedem Sommer», sagt Barloschky, «da kann passieren was will: In jeden Urlaub nehme ich das mit.»

Literarisch sei es wertvoll, inhaltlich erneuere sich das Manifest von Jahr zu Jahr. Es steht zwar Jahr für Jahr dasselbe drin, aber man liest es anders, vor einem sich ständig verändernden Hintergrund. «Das finde ich das Geniale daran», sagt Barloschky, den in Bremen keiner Barloschky nennt, jeder sagt Barlo, das klingt nach dem fussballsprachlichen Capo und dem jugendsprachlichen Babo und auf jeden Fall nach jemandem, der weiss, wann man die Fahne den Mast hochziehen muss.

Barloschky blättert im Manifest, man könnte mit Recht erweiterte und überarbeitete Ausgabe draufschreiben, so viel hat er an den Rand gekritzelt. Da ist das Zitat, er liest. Barloschky ist ein dünner Mann, geboren 1952. Auch wenn er normal spricht, klingt es, als schepperte seine Stimme aus einem Megafon. Barloschky ist ein Demonstrant, ein Mann der Bewegung. Und jemand, der den erstklassigen Strassenkämpfernamen Barlo trägt, bleibt immer Kämpfer, auch im Café.

Das «Manifest» zählt überhaupt zu den leichter konsumierbaren Texten von Marx.

Das Zitat: «An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.»

«Globalisierung», sagt Barloschky. «Alles vorhergesagt.» Dass das, was man heute Globalisierung nennt, ein weltumspannendes System werden würde, hätte man vor dreissig Jahren noch nicht verstehen können. Man kann es also so sehen: Erst jetzt ist die Weltgesellschaft da angekommen, wo der Theoretiker und Philosoph Karl Marx gedanklich schon 1848 war. Man liest das «Manifest» im Jahr 2017 anders als 1988, es zählt überhaupt zu den leichter konsumierbaren Texten von Marx. Dessen Überlegungen zum Verhältnis von Basis zu Überbau dagegen waren für Generationen von Studenten immer schon eingestandenermassen schwerere Kost. Die Ratlosigkeit im Angesicht von Marxens Schriften brachte Robert Gernhardt in einem Kurzgedicht unter:

Die Basis sprach zum Überbau:

Du bist ja heut' schon wieder blau!

Da sprach der Überbau zur Basis:

Was is' ?

Schon für die Kapitalismuskritiker und Friedensbewegten von 1968 galt nicht nur in Bezug auf Marx, dass es leichter ist, jemanden zu zitieren, als ihn zu verstehen. Umso erstaunlicher, dass in der flatterhaften Gegenwart sich die videoclipgeprägten und reizüberfluteten Zeitgenossen nun ausgerechnet dem schwergängigen Marx zuwenden.

2018 ist sein zweihundertster Geburtstag, in den Buchhandlungen liegen Biografien bereit, kiloschwere Manifeste, die es in die Bestsellerlisten schaffen. In seiner Geburtsstadt Trier wird eine Statue aufgestellt, made in China, vom Künstler Wu Weishan. Die Deutsche Bahn wird 2018 einen ihrer neuen ICE-4-Züge «Karl Marx» nennen, er setzte sich beim aufwendigen Vergabeprozess unter anderem gegen «Helmut Kohl» und «Helmut Schmidt» durch, (der Vorschlag «Trainy McTrainface» war kein echter Konkurrent). Die Sparkasse Chemnitz – früher Karl-Marx-Stadt – hatte schon 2012 den Kopf von Marx auf eine Mastercard gedruckt. Wenn der Begriff «Ironie der Geschichte» mal angebracht war, dann hier.

Was bedeutet diese Renaissance? Mode oder Tieferes? Die Frage geht an einen, für den Marx nie tot war. Barloschky, in Bremen geboren, Lehrerhaushalt. Abitur, in der Bremer Schülerbewegung, in der DKP, in der Friedensbewegung. Ein typischer Vertreter des alten roten Bremen; ein Gutmensch schon zu Zeiten, als es den Begriff noch nicht gab. Umzug ins Bremer Problemviertel Tenever, dort Quartiermanager, bald so bekannt wie Henning Scherf im ganzen Bremen. Beteiligt am Umbau des Problemviertels, Lehrbeauftragter an der Hochschule Bremen.

Marx wusste, was man wissen muss zum Verhältnis von Pöbel und Dekadenz.

Barloschky ist nicht mehr in einer Partei organisiert, aber Marx nach wie vor verbunden, weil der die Idee einer Gesellschaft entwirft, in der «die freie Entfaltung eines jeden die Bedingung für die freie Entfaltung aller ist». Das ist auch die Idee von Barloschky, der sich die aktuelle Popularität von Marx tastend dadurch erklärt, dass «etwas gärt. Und zwar übergreifend. Nicht nur die Prekarisierten fühlen sich scheisse, auch Gutverdienende jammern dauernd über den Turbokapitalismus. Und irgendwie einigen die sich gerade alle auf Marx.» Er will jetzt raus, eine rauchen.

Das, was man glaubt, hängt oft mit dem zusammen, was man schon erlebt hat. Wenn man Barloschky zuhört, fällt einem erstaunlicherweise der verstorbene ZDF-Sportreporter Harry Valérien ein, der früh Waise gewesen war, dann kam der Krieg, aber als der Krieg aus war, konnte er schnell in den Beruf einsteigen, 1952 schon durfte er als Reporter zu den Olympischen Spielen. Alles kam ihm vor wie ein Traum. Als er viele Jahre später gefragt wurde: «Herr Valérien, glauben Sie an Wunder?» – da hat Valérien den grossartigen Satz gesagt: «Ja, denn ich habe sie erlebt.» So ist es auch bei Barloschky. Ein Mensch glaubt an Revolutionen eher, wenn er schon eine hinter sich hat.

Karl Marx hat über Profitmaximierung einer kapitalistischen Gesellschaft nachgedacht, über die Obszönität des Gewinnstrebens, über Ungerechtigkeit in jeder Form: «Die wesentliche Bedingung für die Existenz und für die Herrschaft der Bourgeoisklasse ist die Anhäufung des Reichtums in den Händen von Privaten.» Die Analyse trägt nach wie vor, und erst recht die Erkenntnis, dass ständiges Wachstum ein System nicht vor Krisen bewahren kann. Hochaktuelle Gedanken stehen im Manifest, manchmal schlummert das ganze Elend der postindustriellen Gegenwart in einem einzigen Satz. Denn Marx wusste, was man wissen muss zum Verhältnis von Pöbel und Dekadenz.

Wer zum Beispiel je darüber nachgedacht hat, warum junge Menschen von einem Geldsack wie Dieter Bohlen live im Billigfernsehen kujoniert werden, warum sich junge Frauen von reichen Pornoproduzenten auf links drehen lassen und junge Kicker aus Afrika und Südamerika über Mittelsmänner von einem reichen Fussballverein in Europa zum nächsten verscherbelt werden – der ist mit Marx, dem grossartigen Literaten, bestens bedient. Hier, nur dieser eine Satz: «Die Bourgeoisie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst.»

Am Ende des Tages hat der Kapitalismus immer noch was im Köcher, was den Laden am Laufen hält.

Sein brillanter Biograf Gareth Stedman Jones warnt davor, Marx als eine Art Nostradamus misszuverstehen, er beschreibt ihn bewusst im Kontext seiner Zeit. Als Mann also, der das Glück hatte, von Bohlen und Trump nicht behelligt zu werden. Der aber schon 1852 über Trump alles sagte, indem er über den Despoten Louis Bonaparte schrieb, und es ist atemberaubend: «Von den widersprechenden Forderungen seiner Situation gejagt, zugleich wie ein Taschenspieler in der Notwendigkeit, durch beständige Überraschung die Augen des Publikums auf sich als den Ersatzmann Napoleons gerichtet zu halten, also jeden Tag einen Staatsstreich en miniature zu verrichten, bringt Bonaparte die ganze bürgerliche Wirtschaft in Wirrwarr, tastet alles an, was der Revolution von 1848 unantastbar schien, macht die einen revolutionsgeduldig, die anderen revolutionslustig und erzeugt die Anarchie selbst im Namen der Ordnung, während er zugleich der ganzen Staatsmaschine den Heiligenschein abstreift, sie profaniert, sie zugleich ekelhaft und lächerlich macht.»

Andererseits wirkt der Prognostiker Marx recht wagemutig. Dass nämlich, wie von ihm angekündigt, die Bourgeoisie untergehen und das Proletariat gewinnen wird – Stand jetzt, wie man heute gern sagt, sieht es nicht danach aus. Am Ende des Tages, wie der kapitalistische Uhrenkenner Kalle Rummenigge formulieren würde, hat der Kapitalismus immer noch was im Köcher, was den Laden schön am Laufen hält. Ein Paket von Zalando, eine neue Serie auf Sky. Natürlich auch die über 150 Jahre gewachsene Erkenntnis, dass der Kapitalismus dann doch nicht nur die Kapitalisten wohlhabender gemacht hat, auch Arbeiter, allerdings nur die mit anständigen Arbeitsverträgen, und hier dann auch wieder nur die in den westlichen Industrieländern. Und: dass es weltgeschichtlich oft nicht gut ausgegangen ist, wenn die falschen Leute, sich auf Marx berufend, Macht bekommen haben.

«Proletarier aller Länder, vereinigt euch!», steht am Ende des Kommunistischen Manifests und in verschiedenen Sprachen auch auf Motto-T-Shirts. Zugunsten der Klamottenläden, die sie anbieten, sei mal angenommen, diese T-Shirts wären nicht in Billiglohnländern hergestellt, wo Minderjährige für ein paar Cent nachhaltige Weisheiten auf dünne Hemden bügeln, während das Fabrikdach über ihnen zusammenstürzt.

Was verbindet die Arbeiterklasse?

Aber wie sollen sich die vereinigen, die weltweit unter der Arbeiterflagge segeln, also die Näherinnen in den Fabriken von Bangladesh und die Prostituierten in Thailand und die Gärtner und Putzfrauen aus Polen, die in Haidhausen alles sauber halten und gerade über Neujahr zu Hause sind, nach Dreikönig kommen sie wieder. Autokar Polska bringt sie per Reisebus für fünfzig Euro in nur zwanzig Stunden von Warszawa Zachodnia nach München ZOB. Und die Geflüchteten. Die Leiharbeiter. Die Fischer mit ihren blauen Booten im Hafen von Essaouira. Die Arbeiter in der Gerberei in Marrakesch, wo es so kadaversüsslich stinkt, dass der Tourist sich ein Bündel Minze unter die Nase pressen muss, sonst fällt er um. Und natürlich auch die Hartz-IV-Bezieher aus Deutschland, alle sind sie Mitglieder der Arbeiterklasse oder des Proletariats oder der Unterschicht oder des Prekariats. Was verbindet diese Menschen? Und wenn sie sich vereinigen und revoltieren wollten, wie sollten sie es rein praktisch denn tun?

Das sogenannte Proletariat in Deutschland, oder das, was von ihm übrig geblieben ist und nach dessen Resten die Sozialdemokraten verzweifelt fahnden: Wie soll es sich wehren gegen Internetkonzerne, die seine Daten verkaufen. Nicht mehr ins Netz gehen? Und aus Protest gegen 222 Millionen Euro Ablöse für den Fussballer Neymar: nicht mehr ins Stadion? Oder, weil ein kapitalistischer Irrer den Dortmunder Mannschaftsbus in die Luft jagen will, um aus fallenden Kursen Börsengewinne zu schlagen: solidarisch BVB-Fan werden? Oder, wenn der Kapitalistenchef von ProSieben Sat 1 sein eigenes Publikum als «ein bisschen fettleibig, ein bisschen arm» bezeichnet: das mal nicht so persönlich nehmen. Oder nur noch RTL anschalten? Den Zumutungen des Kapitalismus entkommt man nur schwer, wenn man sich an sein Angebot erst mal gewöhnt hat.

Schlägereien mit der Polizei, Druck und Gegendruck. «Bild» bellte: «Chaos in Bremen».

«Wofür ist Ware da? Zum Profitmachen. Sonst hört sie auf zu sein.» So sagt es Joachim Barloschky im Café Übersee, es ist bei ihm nicht immer sofort klar, ob er Marx wörtlich zitiert oder ob er ihn sich so sehr zu eigen gemacht hat, dass er auch freihändig wie Marx sprechen kann. Barloschky glaubt an Marx, weil er, Barlo, an die Revolution glaubt, er spricht aus Erfahrung.

Kleine Weltrevolution in Bremen, eine Erinnerung fast passgenau zum 50. Jahrestag. Im Januar 1968 wurde in Bremen die Strassenbahn teurer. Einzelfahrschein rauf von 60 auf 70 Pfennig, Schülermonatskarte von 17 auf 18 Mark. Alarm, Kapitalismus im Personennahverkehr. Bremer Schüler und ein paar Strategen und Gewerkschafter besprachen in der «Lila Eule», einem Musikkeller in der Bernhardstrasse, was man machen könnte. Transparente und Sitzblockaden. Auf den Transparenten stand: «Siebzig Pfennig – lieber renn ich», das war vom Reim her ausbaufähig. Aber die Sitzblockaden legten alles lahm. Auf der Domsheide setzten sich Schüler auf die Strassenbahngleise. Es gibt Bilder davon, Barloschky ganz vorn, auf einem Foto hat er eine Kapuze überm Kopf, gegen das nasse Bremer Schlackerwetter, auf dem anderen schaut er in die Kamera. Ein Junge von 15 Jahren. Aber er sieht sich immer noch sehr ähnlich.

Sie protestierten tagelang. Schlägereien mit der Polizei, Druck und Gegendruck. «Bild» bellte: «Chaos in Bremen», verglichen mit heute wirkt das wie mit Schalldämpfer getippt. Der Bremer Polizeipräsident gab den Befehl: «Draufhauen, draufhauen, nachsetzen!» Es hätte aus dem Ruder laufen können. Aber es kamen mehr Schüler, auch das Proletariat erhob sich, beinahe im Marx'schen Sinn: Der Betriebsrat der Klöckner-Werke, Stahlwerk Bremen, hängte sich an den Protest, die subventionierten Busfahrscheine der Arbeiter sollten ja auch teurer werden. Sogar der Einzelhandel solidarisierte sich. Aushang in einem Schaufenster in der Innenstadt «So ist's recht, macht Revolution, gegen die Strassenbahn-Korruption.» Auch das war vom Reim her ausbaufähig, hatte damals aber Wucht und Flow. Die Fahrpreiserhöhungen wurden zurückgenommen.

Wer damals dabei war, ist politisiert worden, die Strassenbahndemos waren eine Art Erweckungserlebnis für Bremen, das danach mit dem Programm von Radio Bremen eine Zeit lang das Unterhaltungs- und Lokalfernsehen des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks revolutioniert hat. Und mit Werder eine Zeit lang die Übermacht der Festgeldkonto-Vereine in der Bundesliga brach. Und dessen Schüler noch eine Zeit lang getragen wurden vom Geist der Revolution. Überliefert ist ein Aufsatz der Bremer Achtklässlerin Johanna Köhler von 1970: «Da ich gegen den Kapitalismus bin, kann ich nicht das Zensurensystem befürworten.» Anderswo wäre man mit so was durchgefallen, aber das Bremer Bildungswesen ist gnädig. Note: «Gerade noch Vier.»

Statt offener Debatte bis heute Geschwätz und Rechthaberei, die Stunde der Vereinfacher.

Was Marx schreibt, beruht auf der Vorstellung, dass der Mensch, auch der proletarische Mensch, ein politisches Bewusstsein entwickeln kann, und diese Bedingung war vor fünfzig Jahre eher erfüllt als heute. Vom G-20-Gipfel in Hamburg dagegen wird nicht viel mehr bleiben als die Debatte darüber, wie es zu den sogenannten Riots kommen konnte, den Strassenschlachten zwischen idiotischen Gewalttätern und überforderten Polizisten, die vom Boulevard zum Bürgerkrieg hochgeschrieben worden sind. (Wer Bürgerkriege erlebt hat, weiss, wie anmassend dieser Begriff ist.)

Statt offener Debatte bis heute Geschwätz und Rechthaberei, die Stunde der Vereinfacher in den Talkshows und im Netz; der ganz groben Trennung in Gut und Böse, in Polizeihelden und Krawallbarbies. Wie Marx gesagt hat, mit Gruss an die Steinewerfer genauso wie an die Schlagzeilendichter: Alles wird ertränkt «im eiskalten Wasser egoistischer Berechnung».

Warum Marx wieder ein Thema ist? Auch darüber wollten die vielen friedlichen Demonstranten in Hamburg ernsthaft reden, wer über die Unwucht der Gesellschaft spricht, kommt schwer an Marx vorbei. Aber das hat sich dann im Rauch der Krawalleure alles verloren, kein Wort davon in all den Jahresrückblicken. Stattdessen Bilder von Protagonisten, die mit Sturmhaube vermummt oder vom Einsatzhelm geschützt sich nichts mehr zu sagen haben. Momentaufnahmen einer Gesellschaft, die lernen müsste, mit sich wieder ins Gespräch zu kommen.

Die rechtspopulistischen Parteien sind die neuen Arbeiterparteien.

Mit Joachim Barloschky aber quatschen alle, von jeder Rauchpause kommt er ungeküsst, aber nie ungegrüsst zurück. Mensch, Barlo! Er ist Zeuge einer anderen Zeit, als die Fronten klarer waren. Wenn er vom Rauchen zurückkommt, riecht er wie damals die Raucher rochen, nachdem sie auf dem WG-Balkon eine weggesteckt hatten. Allerdings rauchte man damals auch noch zusätzlich drinnen vorm Balkon.

Er hat die Marx-Bücher gestapelt vor sich, ein winziges Taschenbüchlein, «Marx für alle», versorgt ihn zusätzlich mit Zitaten. Er hat aber auch das Programmheft eines Theaterstücks dabei, «Rückkehr nach Reims» von Didier Eribon. Barloschky hat es gerade in der Schaubühne in Berlin gesehen, jetzt wird das Programmheft von ihm ausgewertet und überarbeitet. Ein Revolutionär liest nicht nur, was er in die Finger kriegt, er durchmisst, streicht, markiert. Barloschky sagt: «Ich bin noch dabei, das Stück gedanklich zu verarbeiten.»

Rückkehr nach Reims: Ein Mann wird erwachsen in der Provinz. Arbeiterfamilie, man wählt die Kommunisten. Der Mann geht nach Paris, wächst heran zu einem Intellektuellen. Als er Jahrzehnte später nach Hause zurückkommt, nach Reims, ist alles nicht mehr wie früher. (Der Satz «Zu Hause ist immer noch alles so wie früher» klingt inzwischen grundsätzlich wie eine sentimentale Erinnerung an eine Zeit, die es nicht mehr gibt.) Nein, in Reims und nicht nur in Reims ist alles anders, die Familie hat sich von den Kommunisten verabschiedet, gewählt wird der Front National.

So kann man Marx auch lesen: als Revolutionstheoretiker, der angekündigt hat, dass das Establishment von den Proletariern verjagt wird. Nur dass die Proletarier der Gegenwart nicht mehr allein kämpfende Linke sind, sondern auch verführbare Rechte. Und die rechtspopulistischen Parteien sind die neuen Arbeiterparteien. Das wäre, nicht nur für den linken Kämpfer Barlo, das Ende aller Utopien, zugleich wäre es der tiefere Grund, warum Marx so präsent ist. Ihn zu lesen heisst: begreifen, wie viel gerade tatsächlich ins Rutschen gerät.

Über all das sollte man reden, auch auf grosser Bühne. Noch hat das kapitalistische System allerdings auf jede Irritation eine routinierte Antwort. Zerstreuung, und das Historienrührstück als Sedativum. Im Marx-Jahr 2018 wird es im ZDF eines dieser sehr berüchtigten Dokudramen geben. Der Film wird Marx «auch als Privatmann und Familienvater zeigen». Konsumierbarkeit offenbar gewährleistet, erste Bilder zeigen: Mario Adorf wird dem historischen Gewicht der von ihm dargestellten Figur vielleicht nicht gerecht, sieht als Marx allerdings mal wieder fantastisch aus.

Um einen draufzusetzen, meldete gerade im Netz dasselbe ZDF gegen den Trend der Zeit: «Weihnachtspredigt – Marx wünscht sich Zusammenhalt.» Gemeint war aber Reinhard Marx, der Kardinal. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 10.01.2018, 12:40 Uhr

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