Mit der Body-Cam auf Verbrecherjagd

Immer mehr Polizeibeamte tragen eine Kamera an der Brille oder an der Uniform. Dies auch, weil Privatpersonen immer häufiger ihre Handy-Kameras mitlaufen lassen. Doch nun stellen sich heikle Fragen.

Von Brille auf sein Smartphone: Ein Polizist demonstriert in Los Angeles vor den Medien die neue Technik.

Von Brille auf sein Smartphone: Ein Polizist demonstriert in Los Angeles vor den Medien die neue Technik.

(Bild: Keystone)

In Kalifornien patrouillieren Polizisten mit Kameras an der Uniform. Inzwischen tragen Beamte von jeder sechsten Dienststelle die sogenannten Body-Cams. Der kleine Zeuge am Revers: In den USA haben immer mehr Polizeibeamte im Einsatz winzige Kameras an der Uniform. Ziel ist es, mit den sogenannten Body-Cams Beweismaterial zu sichern und gleichzeitig korrektes Handeln im Dienst zu belegen, zumal auch Bürger immer häufiger ihre Handy-Kameras mitlaufen lassen. Allerdings hat die Technik ihre Tücken. Und die Privatsphäre gerät weiter in Bedrängnis.

«Das ist eine schöne neue Welt, die wir hier betreten: eine in der Bürger und Polizisten sich gegenseitig filmen», sagt Chuck Wexler, Leiter des Forschungsinstituts Police Executive Research Forum. Er soll das US-Justizministerium bei der Entwicklung von Richtlinien für den Einsatz der Body-Cams unterstützen. Die wichtigsten Fragen: Wann sollten die Geräte eingeschaltet werden? Und wie können die Behörden die Privatsphäre von Menschen schützen, die versehentlich gefilmt worden sind?

Die Polizei mit Kameras auszustatten ist kein neues Konzept. Auf den Armaturenbrettern der Streifenwagen in den USA sind sie schon seit Jahrzehnten angebracht. Zunächst waren die Polizisten argwöhnisch, doch stellten sie bald fest, dass sie das Filmmaterial in den meisten Fällen entlastet. Mit den Body-Cams geht die Entwicklung nun noch einen Schritt weiter: Sie verfolgen den Beamten auf Schritt und Tritt - wenn sie Häuser betreten oder einen Verdächtigen jagen. Das Material könnte in Strafverfahren als Beweismittel eingesetzt werden.

Durchgesetzt hat sich der Einsatz der tragbaren Kameras seit etwa fünf Jahren. Denn Kameratechnik und Datenspeicherung werden immer billiger und zuverlässiger. Inzwischen gingen Polizisten jeder sechsten Dienststelle mit Kameras auf der Brust, am Kragen oder an der Sonnenbrille auf Streife, sagt Scott Greenwood, Berater der amerikanischen Bürgerrechtsvereinigung ACLU.

Greenwood ist Experte für Body-Cams und berät das Justizministerium. Die geplante Richtlinie sei ziemlich gut, räume den Beamten allerdings zu viel Ermessen ein, findet er: «Es ist besser die Aufzeichnung der Begegnung vorzuschreiben und sich anschliessend mit dem unerwünschte Filmmaterial zu befassen.» Wenn eine Situation ausser Kontrolle gerate und es keine Aufnahme gebe, sei der Polizist in Schwierigkeiten.

Die Polizei von Los Angeles testet Body-Cams gerade im Alltag, mit dem Ziel, sie flächendeckend einzuführen. Richtlinien zum Einsatz sollen dort zusammen mit den Beamten und deren Gewerkschaft erarbeitet werden. Besonders heikel könne das Filmen während der Befragung von Opfern sexueller Übergriffe oder in einem vertraulichen Gespräch mit Informanten, erläutert der Anwalt Mike Rains. Eins müsse klar sein: Die Kameras dürften nicht nur von Fall zu Fall angeschaltet werden, wenn es den Polizisten gerade nützt.

Ein Probelauf der Polizei in Rialto in Kalifornien vergangenes Jahr zeigt, dass Beamte von der Technik profitieren können: Im Vergleich zum Vorjahr gingen die Beschwerden gegen Polizisten um 89 Prozent zurück. Polizist Richard Royce zum Beispiel konnte sich durch Filmmaterial von Vorwürfen entlasten. «Damit habe ich meine Version des Geschehens - aufgenommen als hochauflösendes Video, in Gänze und aus meiner Sicht», sagt er. Zufällig aufgenommene Handyvideos von Zeugen könnten dagegen nachträglich manipuliert werden.

In einigen Fällen wirkt das eigene Material aber auch zu Lasten der Beamten, wie ein Beispiel aus Oakland zeigt: Ein Polizist, der einen Verdächtigen mit drei Schüssen tödlich verletzte, gab an, dass der Verdächtige eine Waffe in der Hand gehabt habe. Bilder der Kamera auf der Brust des Polizisten belegten dies nicht - wohl wegen des Blickwinkels. Doch wurde die Waffe später auf dem Rasen gefunden.

Der Beamte hätte ursprünglich entlassen werden sollen, sagt Barry Donelan, Chef der Polizeigewerkschaft in Oakland. Er sei aber schliesslich freigesprochen worden. Donelan warnt davor, sich ausschliesslich auf das Videomaterial zu stützen. Die Darstellung der Beteiligten müsse ebenfalls berücksichtigt werden.

Noch gebe es wenig Forschung dazu, wie sich die Kameras konkret auf die Polizeiarbeit und die Strafverfolgung auswirken, sagt Justin Ready, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Kriminologie und Strafrecht der Arizona State University. Mehrere Studien seien aber gerade in Arbeit.

sda

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