Miesepeter am Armgelenk

Wer sich dick und unsportlich fühlen will, besorge sich am besten einen Fitness-Tracker.

Sollten einen motivieren, bewirken aber gerne genau das Gegenteil: Fitness-Gadgets.

Sollten einen motivieren, bewirken aber gerne genau das Gegenteil: Fitness-Gadgets.

(Bild: Keystone)

Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Ich wollte doch nur einen Wecker. Aus Eigenschutz. Weil seit Jahren das Handy der Wecker ist, das jeden Abend vor dem Schlafengehen auf Flugmodus gestellt und mit dem Strom verbunden werden muss. Aber davor muss ich jeweils noch rasch die Mails checken oder die News oder das Wetter oder so. Und dann fällt mir meist noch etwas ein, das ich ganz dringend noch googeln wollte.

Und schon sind wieder 45 Minuten Schlaf verloren, die spürbar fehlen, wenn in 5 Stunden und 50 Minuten der Handyalarm losgeht. Dazu noch die Strahlen. Man weiss ja nie, ob sie nicht vielleicht doch die Hirnzellen negativ beeinflussen. Das Handy muss also dringend möglichst weit weg vom Bett.

Der Fitnesstracker ist anderer Meinung

Weil ein analoger Wecker zu fies tutet und der alte Radiowecker durchgehend leise surrt, bestellte ich neulich im Bett einen Fitness-Tracker fürs Armgelenk, weil die einen angeblich sanft vibrierend wecken. Das Bändeli kann aber noch viel mehr. Zum Beispiel meinen Ruhepuls messen und via App meinen«Cardio-Fitnessindex» bestimmen. Die Skala reicht von links aussen (pink) bis rechts aussen (hellgrün). Pink ist schlecht, hellgrün ist «exzellent». Dazwischen ist das Cardio-Fitnesslevel «in Ordnung», «Durchschnitt», «gut» oder «sehr gut».

In der App klickte ich völlig entspannt auf den Button «Finde heraus, wie fit du bist». Ich kannte die Antwort ja schon, mein Fitnesslevel würde sicher «sehr gut», wenn nicht sogar «exzellent» sein, das liegt in der Familie, auch ohne Anstrengung. Aber nein, das Band meint, ich sei fitnessmässig bloss zwischen «Durchschnitt» und «gut» für meine Altersklasse. Seither bin ich ein bisschen beleidigt.

Sechs Kilogramm abnehmen für das nächste Level

Immerhin: Die App versprach mir nach einem Wisch nach links, dass ich mein Fitness-Level steigern könne, und zwar mit Ausdauertraining. Von aktuell 40,7 auf 45 Punkte, wobei unklar ist, wo die Skala beginnt, und – vor allem – wo sie endet. Ein weiterer Wisch nach links, ein weiterer Vorschlag, um mein Fitness-Level zu verbessern: Ich solle sechs Kilogramm abnehmen, fand das Smartband. Sechs Kilogramm! Nun fühle ich mich nicht nur zum ersten Mal im Leben so richtig unfit, sondern auch noch leicht dicklich. Und irritiert. Von meinen 64 Kilogramm müssten also 6 Kilogramm weg. Macht 58 Kilogramm. Verteilt auf 175 Zentimeter. Das dünkt mich spontan unverschämt wenig.

Das Band nicht, es bleibt dabei. Nach einem weiteren Wisch stellte mir die App eine gewisse Sara Hall vor, eine Läuferin. An ihr soll ich mir offenbar ein Vorbild nehmen. Sie scheint in derselben Altersklasse zu sein wie ich, aber das wars dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Ihr Fitnesslevel ist ganz, ganz weit rechts aussen. Auf den Google-Fotos sieht Sara Hall so aus, als hätte sie nicht nur sechs überzählige Kilogramm abgespeckt, sondern eher sieben oder acht.

«Fühle dich nicht schlecht»

Kurz zusammengefasst müsste ich laut meinem Fitness-Bändeli alias Wecker-Ersatz also Ausdauersport treiben, und das mehrmals pro Woche, dazu sechs Kilogramm herunterhungern, und trotzdem könnte ich es im allerbesten Fall nur auf 45 Punkte schaffen. Sara Hall ist bei 63 Punkten. Im Begleittext steht: «Fühle dich nicht schlecht, wenn deine Punktzahl nicht so hoch ist. Arbeite einfach daran, die beste Person zu sein, die du sein kannst.» Ja merci.

Da soll sich noch einer wundern, warum Fitnesstracker doch nicht so viel für die Gesundung der Menschheit beigetragen haben und doch nicht so stark genutzt werden wie erwartet. Vorgestern im Bett hab ich von einer Studie gelesen, in der abnehmwillige Menschen ohne Fitnesstracker deutlich mehr Kilos verloren haben als solche mit Fitnesstracker. Die Forscher meinen, es liege entweder an den zu hoch gesteckten Zielen der Armbänder oder man treibe dank den Trackern zwar mehr Sport, belohne sich danach aber mit umso mehr kalorienhaltigem Essen, nehme also wieder zu.

Ich wollte aber gar nicht abnehmen und auch nicht fit werden, sondern nur einen Wecker-Ersatz für mein Smartphone. Noch nie im Leben habe ich mich so ungesund gefühlt wie jetzt. Schlafen tue ich übrigens auch viel schlechter, seitdem das Bändeli mir sagt, wie häufig ich pro Nacht aufgewacht bin und wie gering der Anteil an Tiefschlafphasen war. Ich bin nur froh, habe ich nicht das Modell, das den Stresszustand messen kann, bestellt.

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