Mesut Özil, das doppelte Symbol

Im Fall Özil lässt sich die Opfer-Geschichte nicht mehr aufrechterhalten, die als Vorlage für Alltagsrassismus-Berichte dient.

Die von Özil ausgelöste #MeTwo-Initiative richtet sich gegen Alltagsrassismus. (Reuters)

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Mesut Özil hat mit einem lauten Knall die Tür zugeschlagen, aber zugleich hat er ein Fenster geöffnet. Nicht für sich selbst, sondern für viele andere, die mit ausländisch klingendem Namen oder etwas dunklerer Hautfarbe in Deutschland leben. Der Fussballer, aufgewachsen in Gelsenkirchen als Sohn türkischer Einwanderer, ist aus der deutschen Nationalelf zurückgetreten, weil er sich nicht mehr willkommen fühlt: Für den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel «und seine Helfer bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren», schrieb er. Özil beklagte den Rassismus, der ihm zuletzt entgegenschlug, und warf dem Deutschen Fussball-Bund vor, ihn damit alleingelassen zu haben. Özil hat mit seinem Rücktritt viel mehr ausgelöst als bloss gewaltige Aufregung beim DFB.

Unter dem Hashtag #MeTwo twittern seither Menschen mit Migrationshintergrund über Rassismus-Erfahrungen im Alltag. Ständig kommen neue kleine Geschichten hinzu. Da sind junge Frauen, die von ihren Lehrern trotz bester Noten auf die Hauptschule gelotst wurden, weil sie dort «unter Gleichgesinnten» seien – oder eh bald verheiratet würden. Da sind Erfahrungen mit Vermietern, die erst gar nicht reagieren, wenn Shahak, Düzen oder Hatice eine Wohnung suchen. Da ist ein Bundestagsabgeordneter mit türkischem Namen, der am Flughafen gefragt wird, wo er den deutschen Diplomatenpass herhabe. Oder ein russisch-deutscher Pianist, bei dem sich das Publikum über seinen «natürlichen Zugang» zu Johann Sebastian Bach wundert. Und da ist immer wieder dies: ein Dank an Özil, der die #MeTwo-Bewegung ausgelöst hat.

Das Kuriose ist allerdings: Je mehr Konturen der Fall Özil annimmt, je mehr Hintergründe bekannt werden über sein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vor der WM und über das desolate Krisenmanagement danach, desto weniger lässt sich jene Opfer-Geschichte aufrechterhalten, die nun die Vorlage bildet für #MeTwo.

Ja, der DFB hat Özil alleingelassen, aber ebenso wahr ist, dass Özil den DFB alleingelassen hat. Dass er sich jeder konstruktiven Lösung der Foto-Affäre verweigert hat, dass er von seinem Agenten Erkut Sögüt sogar gezielt hineingetrieben wurde in die Konfrontation mit seinem Team und seinem Land. Das rechtfertigt keinen einzigen dumpfen Kommentar. Aber es erklärt, warum so wenige Kollegen bisher für ihn Partei ergriffen haben, kein Manuel Neuer, kein Mats Hummels, kein Toni Kroos, obwohl man doch 2014 gemeinsam Weltmeister wurde.

Auch in der Türkei gibt es gerade eine Bewegung in den sozialen Netzwerken: eine gigantische Solidarisierungs-Aktion mit Özil – gegen den Rassismus, der ihm in Deutschland entgegenschlägt. Viele der Tweets stammen von Accounts der Erdogan-Partei AKP. Man kann sie auch als Mahnung an die in Deutschland lebenden Türken verstehen, sich gar nicht zu sehr einzulassen auf die deutsche Gesellschaft – weil man ja am Fall Özil schön sehen könne, was man am Ende davon habe.

All das entwertet nicht die Alltagserfahrungen all jener, die über #MeTwo nun ein Bewusstsein schaffen wollen für ein vorurteilsärmeres Miteinander. Aber Mesut Özil ist inzwischen leider beides: eine Projektionsfläche für diejenigen, die sich nach einer Überwindung der alltäglichen Spaltung sehnen. Und für diejenigen, die genau diese Spaltung betreiben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2018, 21:36 Uhr

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