Meine gekaufte indische Hochzeit

Wollten Sie schon immer mal an eine indische Hochzeit, in Indien? Kein Problem. Kostenpunkt: 250 Dollar. Wie geht das?

Auseinandersetzung mit einer fremden Kultur: Szene aus dem Film «Bend It Like Beckham». (Bild: Getty Images)

Auseinandersetzung mit einer fremden Kultur: Szene aus dem Film «Bend It Like Beckham». (Bild: Getty Images)

Tina Huber@tina__huber

Das wird «awesome», bestimmt. Nächsten Dienstag beginnt die Party, Ayush und Parnavi wollen Ja zueinander sagen. Seit zehn Jahren sind sie ein Paar, letztes Jahr fanden ihre Eltern, es sei Zeit zu heiraten. Drei Tage lang werden sie in Delhi feiern, es gibt Cocktails und Tanzeinlagen, Dresscode traditionell indisch, Vegetarier willkommen. Interessiert? Wer an der Big Fat Indian Wedding dabei sein möchte, muss keine Einladung mitbringen, nur etwas Kleingeld. 250 Dollar pro Person kostet das Fest mit Ayush und Parnavi, günstig ist das nicht, aber dafür gibts ja auch drei Tage Live-Bollywood, das Brautpaar verspricht «eine Wahnsinnsnacht».

Über die Website JoinMyWedding.com können sich Touristen seit kurzem als Gäste auf indische Hochzeiten einladen. «The coolest thing I did in India», schreibt ein zufriedener Gast. Für das Brautpaar (nicht wenige wurden nach verbreiteter indischer Sitte von ihren Eltern verkuppelt) sei das Geld der ausländischen Besucher ein willkommener Zustupf an die Kosten, heisst es auf der Website, Hochzeiten mit bis zu 1000 Gästen sind in Indien keine Seltenheit.

Hinter der Idee steckt ein ungarisches Paar, das sein eigenes Erlebnis einer indischen Trauung anderen Reisenden zugänglich machen will. Damit dürften sie ein Bedürfnis treffen. Nicht nur sind indische Hochzeiten zu so etwas wie einer eigenen Kulturdisziplin geworden, der die Realität mitunter eine noch aufregendere Kulisse bietet als der Film. Letzten Dezember vermählte sich die Tochter des reichsten Inders mit dem Sohn eines Immobilienmoguls, 100 Millionen Dollar soll das mehrtägige Fest in einem ehemaligen Maharadscha-Palast gekostet haben; die Gästeliste war eine einzige Angeberei, auch Hillary Clinton tanzte auf der Party, Popstar Beyoncé sang.

Alles, nur nicht durchschnittlich sein

Vor allem aber passt der Hochzeitstourismus in eine Gesellschaft, die alles sein will, nur eines nicht: durchschnittlich. Was die Masse anzieht, verliert seinen Wert. Heute wollen sich nur noch die wenigsten für Postkartensujets in die Schlange stellen, sondern möglichst individuell reisen. Angebote wie «Airbnb», «Spotted By Locals», «Eat With», bei denen Einheimische Fremden ihre Wohnungen, Esszimmer, Geheimtipps zugänglich machen, zielen alle darauf ab, dem Reisenden zu vermitteln: Das ist das echte Leben, und du bist Teil davon. Fremdes erleben, ohne fremd zu sein.

Vergessen geht dabei gern, dass solche sogenannt authentischen Erlebnisse Aussenstehenden erst zugänglich werden, indem sie massentauglich gemacht werden. Heiratswillige Paare bei «JoinMyWedding» werden auf ihre Englischkenntnisse geprüft, bezahlt wird per Paypal-Überweisung. Die Teilnahme an einem wichtigen gesellschaftlichen Anlass könnte zudem eine Gelegenheit sein, sich mit einer fremden Kultur auseinanderzusetzen. In Indien herrscht eine patriarchalische Gesellschaftsordnung, Töchter sind in vielen Familien weniger wert als Söhne und Kinderehen, obwohl gesetzlich verboten, weit verbreitet. Auf «JoinMyWedding» werden solche Dinge mit keinem Wort erwähnt.

Dafür eine andere Frage: Was geschieht eigentlich, wenn die Hochzeit abgesagt wird? Eine Vermählung in Indien sei ein so bedeutendes gesellschaftliches Ereignis, dass es kaum je abgesagt werde, beruhigen die Veranstalter. Und wenn doch? Dann gibts das Geld zurück. Man solls ja nicht übertreiben mit der Authentizität.

Video: Milliardärs-Hochzeit in Indien

Im Dezember 2018 wurde in Indien eine Hochzeit der Extraklasse gefeiert. Video: Reuters

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