Mann gegen Frau

Immer mehr Missbrauchsfälle werden bekannt. Wo bleibt eigentlich die Solidarität der Männer?

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Guido Kalberer@tagesanzeiger

Es will einfach nicht mehr aufhören: Tagtäglich erreichen uns Meldungen über sexuellen Missbrauch. In der katholischen Kirche. An den Unis. In den Kinderkrippen. Im Filmbusiness. Nun haben die Enthüllungen auch die gefühlsbetonte Indie-Musikszene entzaubert. Ryan Adams, dem romantischen «Heartbreaker», wird von mehreren Frauen vorgeworfen, ihre Biografien gebrochen zu haben.

Zu 99 Prozent sind es Männer jeglichen Alters und aus allen sozialen Schichten, die ihre Machtposition ausnutzen, um ihrem frei flottierenden Triebleben Befriedigung zu verschaffen. Sie sehen in ihren Mitmenschen vor allen Dingen Sexualobjekte, die sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit und gegen deren Willen auch so behandeln. Dass Männer nur Sex im Kopf haben, scheint mehr zu sein als ein vorgestriges Vorurteil.

Was für eine Vorstellung: Hinter den gesitteten Fassaden vieler Männer, die sich allmorgendlich im Tram einfinden, stecken gut getarnte Triebtäter, die auf der Fahrt zur Arbeit ihre nächste Attacke gegen Mädchen und Frauen – und Buben – planen. Und was für eine Perversion: Will ein junger Mensch in einem Beichtstuhl seine von Verfehlungen verschattete Seele durch Verbalisierung reinigen, muss er damit rechnen, dass sich ein pädophiler Pfarrer daran ergötzt. Sublimation, von Freud als kulturelle Errungenschaft gelobt, scheint völlig zu versagen. Alles nur schöner Schein, hinter dem das Dunkle funkelt.

Auf welcher Seite stehen die Männer?

Es ist zum Moralischwerden. Wo bleiben genauso hehre wie banale Werte wie Anstand und Empathie mit sozial oder körperlich schwächeren Mitmenschen? Und wieso schweigt das Gewissen, wenn das Unrecht sich Bahn bricht? Es ist ja nicht so, dass es früher weniger Missbrauch gegeben hat; es ist bloss so, dass heute mehr publik wird. Angesichts dieser medialen Negativspirale verwundert es, dass sich nicht mehr aufrichtige und anständige Männer, die hoffentlich noch in der Mehrheit sind, sich mit den geschlagenen und misshandelten Frauen solidarisch zeigen. Oder sind sie durch die Dauerinformation so abgestumpft, dass ihnen alles egal ist?

Nach den terroristischen Anschlägen, mit denen Islamisten das Gesicht des jungen 21. Jahrhunderts vernarbten, hat die westliche Welt mit Recht die ausbleibende Verurteilung durch die Arabischen Staaten kritisiert. Schweigen wurde als Zeichen der Zustimmung gedeutet. Und was tun die meisten Männer angesichts der massiven Übergriffe auf Frauen? Ihr beredtes Schweigen führt zur Frage: Auf welcher Seite stehen sie eigentlich?

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