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«Mangos im Winter, Wahnsinn!»

Res ist Mülltaucher. Er isst, was er in kalten Nächten aus den Abfallcontainern der grossen Detailhändler in der Berner Agglo zieht. «Containern» ist für ihn auch eine Frage des Gewissens.

Aus der Tonne: Ist das Verkaufsdatum von Lebensmitteln überschritten, landen sie im Container der Grosshändler (Symbolbild/Beat Mathys).
Aus der Tonne: Ist das Verkaufsdatum von Lebensmitteln überschritten, landen sie im Container der Grosshändler (Symbolbild/Beat Mathys).

Bevor Res einkaufen geht, wartet er, bis das Auto weg ist. Es ist kurz vor 23 Uhr und eine klirrend kalte Nacht in der Berner Agglo. «Einkaufen», Res geht die Sache etwas anders an als der Rest von uns – mit Stirnlampe und einer fixen Idee.

Zwei- bis dreimal die Woche schleicht er sich auf das Areal eines grossen Detailhändlers, um dort im Container mit den Abfällen nach Lebensmitteln zu suchen. Irgendwann sind die Rücklichter des Autos zwei rote Punkte in der Ferne. Res sagt: «De gömer mau ga luege.»

Viel von dem, was Res kocht und isst, findet er in solchen Nächten: Äpfel, Salate und Tomaten, alle eigentlich einwandfrei. Es sind Waren, die Aldi, Migros und Konsorten wegwerfen, weil das Verkaufsdatum überschritten ist.

Res nennt das einen «Wahnsinn» und geht deshalb seit vier Jahren «containern». Er ist Mitte 20, trägt Bart und würde auch als Bergführer durchgehen. Er hat darum gebeten, seinen richtigen Namen aus dem Spiel zu lassen und den Ort, an dem er containert.

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Denn was er da tut, spielt sich in einem juristischen Graubereich ab. Klar ist: Wer über Zäune steigt, um auf ein Grundstück eines anderen zu kommen, begeht Hausfriedensbruch. Was aber, wenn das Gelände offen ist und der Container für jedermann sichtbar?

Die Migros schreibt dazu: «Leute, die sich Zutritt zu unserem Gelände verschaffen, tun dies illegal.» Wen es erwischt, wird angezeigt. Pro Jahr komme das aber nur sehr selten vor. Konkurrent Coop erklärt, man kommuniziere keine Details zu «sicherheitsrelevanten» Aspekten, aber man habe «keine Probleme» mit Mülltauchern.

Das «Containern» erreichte die Schweiz schon vor einer Weile, seither haben sich die Detailhändler darauf eingestellt. Der Zugang zum abgelaufenen Gemüse wurde nicht etwa erleichtert, im Gegenteil. Die Detailriesen schliessen ihre Abfälle heute konsequenter weg. Auch weil sie einen Teil davon selbst weiterverwenden, in der Biogasproduktion etwa.

Die Unternehmen sehen es generell nicht gerne, wenn bei ihnen im Müll gewühlt wird. Wieder die Migros: «Auch deshalb nicht, weil wir letztendlich die Verantwortung tragen müssten, wenn sich dabei jemand verletzen oder eine Krankheit einhandeln würde.» Res möchte den Detailhändler, bei dem er heute containert, nicht aufschrecken. Er will hier auch künftig unbehelligt «Abfälle» sammeln können.

Zürich–Madrid

Res hält geradewegs auf die Container zu und zieht die Stirnlampe über seine Mütze, noch knipst er sie nicht an. Das einzige Licht stammt von ein paar Laternen in der Ferne. Er kennt jeden Sensor der automatischen Lichtanlage auf dem Platz – keiner reagiert.

Jetzt verschluckt ihn die Dunkelheit. Man hört, wie sich Eisen an Eisen reibt. Plastik raschelt. Es knipst. Ein kleines Licht brennt auf der Stirn des Mülltauchers, der sich nach vorne beugt und den Kopf in einen Sack steckt. Die Stirnlampe schimmert durch das Plastik, wie ein Glühwürmchen in der Winternacht.

«De gömer mau ga luege.»

Res, Mülltaucher

In der Schweiz landen jährlich rund 2,3 Millionen Tonnen Lebensmittel in der Tonne. Gemäss dem Verein Foodwaste.ch ist das ein Drittel unseres gesamten Essens. Würde man eine Kolonne aus LKW beladen, dann würde sie von Zürich nach Madrid reichen.

Der Löwenanteil dieses «Mülls» fällt nicht bei den Verkäufern an, sondern in unseren Haushalten: nämlich rund die Hälfte. Das Bundesamt für Umwelt arbeitete sich 2012 durch den Schweizer Siedlungsabfall. Herausgekommen ist die Kehrichtstudie und folgendes Fazit: Im Schnitt ist ein Sechstel des Inhalts jedes Abfallsacks noch essbar – oder wäre es gewesen, wenn man es im richtigen Zeitraum verwertet hätte.

Am Küchentisch

Karin Spori ist Geschäftsführerin von Foodwaste.ch. Unsere Wegwerfroutine sei eine Folge unseres Wohlstandes, sagt sie. «Ist eine Nation reich genug, schätzen die Konsumenten ihre Lebensmittel generell weniger.» Frei nach dem Motto: «Ich kann mir ja etwas Neues kaufen.»

Eine andere Studie hat gezeigt, dass ein Grossteil der Menschen gemerkt hat, dass die Verschwendung ein Problem ist. Sich selbst erachten sie aber nicht als Teil dieses Problems. Hinzu kommt Verunsicherung: Viele verlassen sich stärker auf das abgedruckte Haltbarkeitsdatum als auf die eigenen Sinne.

Res schliesst den Deckel des Containers. Er war auch schon voller, sein Rucksack ist trotzdem schwer. Es geht nach Hause. Res lebt in einer WG, auch die meisten seiner Mitbewohnerinnen und Mitbewohner gehen regelmässig containern. «Wir sind keine Hardcore-Ökos», sagt einer von ihnen. Res ergänzt: «Klar kaufen auch wir ab und zu ein – ganz normal.»

Er schaue dann einfach darauf, lange haltbare Produkte zu kaufen. Ihm gehe es nicht um eine radikale Abkehr vom Konsum, sondern um das eigene Bewusstsein. Er verfolgt ein konkretes Ziel: Wann immer möglich kommt sein Essen aus lokaler Produktion, und es ist vegan. «Wenn man die eigene Verschwendung so tief wie möglich halten will, kann man nicht guten Gewissens tierische Produkte konsumieren.»

Res packt seinen Rucksack am Küchentisch aus. Ein süsslicher Duft breitet sich aus. Zwei Fruchtsäfte, vier Packungen Chicorée (Res: «Diesen Winter ein Dauerbrenner!»), drei Kuchenteige, Hirsen, Spätzli, sechs Salate, acht Äpfel, Trauben, zwei Bananen sind die Ausbeute der nächtlichen Tour – und sechs Mangos. Res wischt alles in der Spüle ab, schüttelt den Kopf und sagt: «Mangos im Winter, Wahnsinn!» Immerhin werden sie gegessen.

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