«Letztes Aufzucken der weissen USA»

Präsident Trump sei der Krebs der Nation, urteilt die amerikanische Autorin Rebecca Solnit. Man werde sich aber nicht unterwerfen lassen.

Rebecca Solnit hat auch einen irischen Pass, aber Auswandern, das sei etwas für Egoisten, meint sie. Foto: Reto Oeschger

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Frau Solnit, man feiert Sie als Streiterin für Emanzipation und Stimme des Widerstands gegen Donald Trump. Er nominierte einen zweiten höchsten Richter, der Frauenrechte abwickeln soll. Wie gehts Ihnen?
Schon einen Monat vor der Präsidentenwahl war mein Magen total verknotet vor Angst, dass Trump gewählt werden könnte. Tatsächlich berichten Psychiater, dass viele mittlerweile an Albträumen, Schlaflosigkeit, Angstzuständen leiden und dies mit der Politik in Verbindung bringen – was ein neues Phänomen ist. Die Vorstellung ist schrecklich, dass Trump jetzt nach Finnland reist, um Putin – wie formuliert man höflich? – «den Arsch zu küssen». Wie ein Lakai. Aber ich habe auch Hoffnung.

Was macht Ihnen Hoffnung?
Die Offenheit: «Die Zukunft ist dunkel, und das ist das Beste, was sie sein kann», sagt Virginia Woolf. Wer hätte im Sommer 1989 gedacht, dass die Berliner Mauer fällt? Dass Nelson Mandela Präsident eines Post-Apartheid-Südafrika würde? Dass homosexuelle Ehen möglich würden? Und was sich allein seit meiner Geburt in der Frauenfrage getan hat! Lang verfügten Frauen weder über ihren Besitz noch über ihren Körper, durften nicht wählen, nicht über ihren Wohnsitz entscheiden, waren abhängig wie Kinder von ihren Eltern. Zudem: Trump ist fett, lebt ungesund, regt sich leicht auf – ob er bis 2020 durchhält? Vor allem aber ist seit Trumps Amtsantritt der Idealismus aufgeblüht. Stinknormale Leute, die sich sonst lieber ins Privatleben verdrücken, sind aktiv. Schon der Frauenmarsch brach Rekorde; jetzt warten Millionen nur noch auf ein Zeichen. Bald, bald gehts los.

Was geht los?
Der Massenwiderstand. Details kann ich noch nicht sagen.

Würde Vizepräsident Mike Pence ohne Trump nicht genau gleich weitermachen?
Gerald Ford, der Vize Richard ­Nixons, war nach dessen Rücktritt ein ungewählter, sehr schwacher Präsident. Und wenn die Leute jammern, oje, werde ich vom Krebs geheilt, könnte ich einen Schnupfen kriegen, dann sage ich, lasst uns erst einmal den Krebs besiegen. Die Wahl war korrumpiert, und Trump und sein Clan haben unendlich viel Dreck am Stecken. Auch die schöne Maske Ivanka ist die verkörperte Lüge und Konsumsucht, Selbstbereicherung und Profitgier. Ich hoffe, dass sie allesamt im Gefängnis landen. Es ist, als habe eine feindliche Macht uns besetzt. Betsy DeVos kam, um die Bildung, Scott Pruitt, um den Umweltschutz zu zerstören . . .

Heute haben die jungen Frauen mehr Selbstbewusstsein und wissen: Sie sind nicht schuld am Fehlverhalten von Männern.

Wieso ist Trumps Basis so treu?
Für viele sind Menschenrechte, die Verfassung und das Los der Minderheiten wichtig. Auch innerhalb der Kirche gibts Progressive, Menschenrechtsaktivisten. Aber es existiert eine Gruppe evangelikaler Christen, die trainiert werden, blind zu glauben: Das ist politische Gehirnwäsche, mit Spiritualität oder Ethik hat das nichts zu tun; der Chef-Ehebrecher trat ja all ihre Werte mit Füssen. Ironischerweise sind gerade diese Islamhasser mit ihrer Kontrollobsession gegenüber dem Frauenkörper nah an der Sharia und den Taliban. Und: Trumps Wahl ist ein letztes Aufzucken der weissen USA. Die ­Republikaner haben einen strategischen Fehler gemacht.

Was für einen Fehler?
Noch machen die Weissen 65 Prozent der Bevölkerung aus. Aber 50 Prozent aller Unter-18-Jährigen sind nicht weiss. Die Parteien können also ent­weder auf deren Bedürfnisse eingehen oder versuchen, die Nicht-Weissen am Wählen zu hindern. Die Republikaner haben mehr und mehr Menschen ihr Wahlrecht geklaut, Restriktionen eingeführt, raffiniert Wahl­bezirke eingeteilt. Sie haben die Nicht-Weissen dämonisiert und weisse Ressentiments befeuert. Diese «Southern Strategy» startete mit Nixon. Um im zunehmend nicht weissen Amerika die Macht zu halten, müssen sie immer undemokratischer, autokratischer werden. Am Ende suspendieren sie die Demokratie. Oder die Demokratie suspendiert sie: Wir Amerikaner lassen uns nicht so leicht unterwerfen.

Wie sehen Sie die 28-jährige Alexandria Ocasio-Cortez, den neuen Star der Demokraten?
Sie ist goldrichtig für ihr New York. Es ist faszinierend zu sehen, wie antikapitalistische ­Ansätze, die Idee einer universalen Krankenversicherung und Immigrationsreform, von den Rändern ins Zentrum wandern – und neue Kandidaten hervorbringen.

Und die alten Demokraten?
Da gibts eine Gruppe scheinbar Linker wie Mark Lilla, die meinen, alles, was nicht auf weiss, männlich und hetero fokussiert, sei «special interest». Fuck that! Weisse Männer stellen unter 40 Prozent der Bevölkerung, inklusive der Schwulen. So progressiv Lilla erscheint, da steckt Rassismus drin. Und so wundervoll ich manche Idee von Bernie Sanders finde: Auch er nennt die Identitätspolitik optional. Noch ist nicht überall durchgedrungen, dass der Kampf für Frauenrechte, gegen Rassismus, für die Bürgerrechte der Schwarzen und der LGBT-Gemeinde sich für die Rechte aller starkmacht. Dass Sanders nicht erkennt, dass Identitätspolitik zwingend zu einem egalitären Land gehört, ist ein Problem für mich.

Ihr Essay über eheliche Gleichstellung in dem Band «Wenn Männer mir die Welt erklären» machte den Zusammenhang richtig klar.
Diese Einsicht war für mich selbst ein Heureka-Moment. Eheliche Gleichstellung meint das Recht zur gleichgeschlechtlichen Ehe –liest man hier aber «Ehe zwischen Gleichberechtigten», begreift man, wieso die Konservativen Sturm dagegen laufen. Zwischen zwei Männern oder zwei Frauen steht die Hierarchie erst einmal nicht fest: So etwas ist nicht im Sinn von Traditionsverfechtern. Der Feminismus wiederum rief nach Gleich­berechtigung in der Ehe und befreite auch gleichgeschlechtliche Paare. Er fand zudem Wörter für Verbrechen wie «Vergewaltigung in der Ehe». Und ist der Geist erst einmal aus der Flasche, gibts kein Zurück; auch wenn einzelne Länder wie Polen oder Teile der US-Gesellschaft ihn einfangen wollen. Heute haben die jungen Frauen mehr Selbstbewusstsein und wissen: Sie sind nicht schuld an übergriffigem Fehlverhalten von Männern.

Auch die #MeToo-Bewegung hat vielen Mut gemacht.
Die Fallzahlen von häuslicher Gewalt und Vergewaltigung sind seit den Achtzigern gesunken. Doch erst seit die Hollywoodstars ihr Schweigen brachen, sprechen auch Putzfrauen, Farmarbeiterinnen, Assistentinnen, und man hört ihnen zu. Die Stars haben die Tür geöffnet, vorher herrschte eine Kultur des Zum-Schweigen-Bringens. Die Stimme der Frau zählte nicht. In Gesprächen schnitt man ihr das Wort ab, ihr «Nein» überhörte man. Mich interessiert, wie so eine Kultur sich durchsetzt. Da empfiehlt mir an einer Party ein eitler Gockel ausführlich ein «sensationelles Buch» zu einem meiner Fachgebiete. Und ist dann fassungslos, als er kapiert, dass das mein Buch ist.

Von dieser entlarvenden Begegnung berichten Sie in einem Essay von 2008. Schaden sich die Frauen aber nicht auch durch teils überzogene Vorwürfe?
Gesellschaftlicher Fortschritt mag ja vielleicht auch durch Phasen der Übertreibung gehen. Doch der Reflex, sofort nach falschen Opfern und lügenden Frauen zu suchen, spricht Bände. Klar, Vergewaltigung ist etwas anderes als verbale Grobheit. Aber relevant ist doch die Masse entsetzlich misshandelter, lang zum Schweigen ver­dammter Opfer, an Schule, Arbeitsplatz, Universität und Grenze. Wenn das alles aufgearbeitet ist, kümmern wir uns um den Rest. Überhaupt verrät die mikro­aggressive Rüpelhaftigkeit häufig eine ganze Kultur des Zum-Schweigen-Bringens.

In einem Kapitel Ihres neuen Buchs «Die Mutter aller Fragen» stellen Sie einen Zusammenhang zwischen dieser Kultur und Amokläufen her.
Die feministische Debatte über Gewalt und Frauenfeindlichkeit ist intensiv und noch lang nicht abgeschlossen.

Haben Autoren eine besondere Verantwortung in der Gesellschaft?
Jeder hat die! Ich als weisse Mittelschichtsfrau mit meinen Möglichkeiten noch mehr. Und weil Essay-Schreiben meine Form ist, nutze ich sie. Aber jeder kann auf seine Weise die Wehrlosen verteidigen, die Gegenwart kritisch anschauen und eine bessere Zukunft für alle visionieren.

Dachten Sie je ans Auswandern?
Ich habe ja auch einen irischen Pass durch meine Mutter. Und ich würde gehen, wenn ich das Gefühl hätte, dem Land von aussen mehr nützen zu können. Doch all jene, die von Kanada plappern wie von einem Hotel, in dem man es sich gut gehen lässt, wenn es zuhause ungemütlich wird, respektiere ich nicht. Das ist reine Selbstsucht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2018, 19:33 Uhr

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Popstar Beyoncé nannte ihr erstes Kind Blue Ivy nach einem Text dieser Ikone des US-Feminismus, einer Hymne auf die Farbe Blau; sogar in tibetischen Dörfern erkennt man sie sofort und begrüsst sie begeistert: Rebecca Solnit. Seit den Achtzigerjahren kämpft sie in Schriften und Polit-Aktionen für Minderheiten, Frauenrechte und die Umwelt. So organisierte die 57-Jährige im Juni in ihrer Heimat San Francisco eine grosse Demo gegen die Trennung der Kinder illegaler Einwanderer von ihren Eltern. Diese Politik von Präsident Donald Trump erschütterte die Autorin eines legendären empörten Essays über die oft hemmungslos gestellte Frage nach ihrer Kinderlosigkeit.

Jener Essay gab ihrem neuen Buch, in dem sie über Vergewaltigungs­witze, die erste Entbindung eines Transmanns, Amokläufe oder das Mansplaining-Phänomen reflektiert, den Titel: «Die Mutter aller Fragen». Jüngst kam Rebecca Solnit damit in die Schweiz: Die begeisterte Tante und Patin erzählt, dass sie ihrem deutschen Verlag Hoffmann und Campe nur darum zwei Lesungen zugestanden hat, weil sie ohnehin mit ihrer Grossnichte für eine Woche in ­Paris war – um deren Welt zu erweitern. Rebecca Solnit selber, einzige Tochter einer irisch-katholischen Mutter und eines jüdischen Vaters, wuchs als drittes von vier Kindern in einer schwer dysfunktionalen Familie zum schüchternen Nerd heran. 17-jährig studierte sie in Paris. Ihre heute ­privilegierte Position sieht sie als Verpflichtung, sich für Schwächere, Verwundbare einzusetzen. (ked)

Rebecca Solnit: Die Mutter aller Fragen. Hoffmann und Campe, Hamburg 2017. 320 S., ca. 30 Fr.
- Wenn Männer mir die Welt erklären. Essays. Erweiterte Neuausgabe mit 2 neuen Essays. Hoffmann und Campe, Hamburg 2017. 224 S., ca. 25 Fr.

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