Leben in Utopia

Das indische Auroville ist gebaut von Menschen, die von einer besseren Welt träumen. Eigentum, Religion und Geschlecht spielen hier keine Rolle. Ein Besuch.

Die Bevölkerung besteht aus Menschen aus über 50 Nationen – 43 Prozent sind Inder: Zwei Frauen Hand in Hand in Auroville. Foto: Getty Images

Die Bevölkerung besteht aus Menschen aus über 50 Nationen – 43 Prozent sind Inder: Zwei Frauen Hand in Hand in Auroville. Foto: Getty Images

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Wer einmal ein Gewitter mit Monsterblitzen erlebt hat, mannshohen Königkobras im Dschungel begegnet ist, von Moskitos gepeinigt wurde und wem die feuchtheisse Schwüle durch jede Pore des Körpers gekrochen ist, hat erst einmal aufrichtigen Respekt vor den Menschen, die ausgerechnet in dieser klimatischen Hölle Südostindiens ein Paradies auf Erden erschaffen wollten.

Sitzt Louis Cohen in seiner Dreizimmerwohnung, dann blickt er von einem Lounge-Sofa durch bodentiefe Schiebefenster auf dichte Baumkronen und von der Espressomaschine auf der Küchentheke auf eine Art riesigen vergoldeten Golfball, das Matrimandir, das Meditationszentrum Aurovilles: knapp dreissig Meter hoch, vor zehn Jahren nach vierzig Jahren Bauzeit vollendet. Der dichte Wald vor dem Balkon, der Sakralbau und das schicke Mehrfamilienhaus, in dem er lebt – alles ist ein Teil seines Lebenswerks.

Mit dem Segen der Unesco und Geld vom indischen Staat trafen sich am 28. Februar 1968, also ziemlich genau vor fünfzig Jahren, hier ein paar tausend Menschen aus 124 Nationen, Hippies, Sinnsucher und Schüler des Sri-Aurobindo-Ashrams in Puducherry, um die universelle Stadt Auroville aus dem Boden zu stampfen – dort, wo zu jenem Zeitpunkt nur eine rote Sandwüste war. Auroville, so proklamiert die Charta im Besucherzentrum, versteht sich als Besitz der gesamten Menschheit, die hier friedlich und solidarisch dem göttlichen Bewusstsein dient. Eigentum, Geschlecht, Herkunft, Religion, Geld sollten keine Rolle spielen. «Vieles haben wir erreicht, aber noch lange nicht alles», sagt Louis Cohen. «Doch ich bleibe pathologischer Optimist.»

Louis Cohen ist siebzig Jahre alt. Vor ihm liegt ein Buch, die fotografische Diplomarbeit seiner Tochter Chloé für die Kunsthochschule Ecal, die École Cantonale d’Art de Lausanne. Dafür hat sie historische und eigene Fotos zusammengetragen. «Auroville war für mich lange nur die Geschichte meines Vaters», sagt die 31-Jährige. «Erst mit dieser Arbeit habe ich versucht, meinen Vater und Auroville tiefer zu verstehen. Und damit auch einen Teil meiner eigenen Lebensgeschichte.» Im Buch sieht man den Vater auf alten Schwarzweissfotos. Sie zeigen ihn schwitzend in Badehose und mit Siebzigerjahre-Schnauzer für die Fundamente des Matrimandir Kies sieben.

Eine Stadt, in der man beschaulich von der Arbeit zum Yoga nach Hause schlendert, ist Auroville nicht.

Hinter ihm Hunderte von indischen und europäischen Arbeitern – Szenen wie aus dem altägyptischen Pyramidenbau. Auf einem anderen Foto sieht man ihn Baumsetzlinge in die Erde buddeln. Und was sieht Cohen? «Mich selbst, als wäre es gestern», lacht er. «Ein junger, rebellischer Mann jüdischer Herkunft, der mit Religion und Spiritualität nichts am Hut hatte und Jimi Hendrix hörte, nach Spass und Freiheit suchte. Hier fand ich meine Bestimmung.» Er war auf dem Weg nach Goa und sollte nur Autoersatzteile bei Kumpels in der Kommune von Auroville abliefern – und blieb, mit Unterbrechungen, bis heute.

Eine Stadt, in der man beschaulich von der Arbeit zum Yoga nach Hause schlendert, ist Auroville nicht. Die vom französischen Architekten Roger Anger auf dem Reissbrett entworfene Modellstadt in Form einer Spiralgalaxie rund um das Matrimandir bleibt ein verwirrendes Stückwerk. Auf einer Fläche von zwanzig Quadratkilometern verteilt wurden teils anbetungswürdig schöne Bauten in den Sand gesetzt. Die ersten Schulen und Siedlungen namens Gewissheit, Aspiration oder Disziplin, historisch einmalige Beispiele einer von Paragrafen befreiten Architektur, verstecken sich weit voneinander entfernt im dichten Grün des Dschungels und sind auf den labyrinthischen, unbeschilderten Sandpisten, die oft im Nirgendwo enden, schwer zu finden.

Dazwischen dehnen sich die Dörfer der Tamilen aus, die am boomenden Wochenendtourismus, wenn die Grossstädter Landfrische suchen, mitverdienen wollen und die als externe Arbeitskräfte in der Stadt arbeiten. Ohne Moped und göttlichen Orientierungssinn ist man in der Stadt der Morgenröte ziemlich aufgeschmissen.

1975 lernte Louis Cohen seine erste Frau Marianne kennen, eine Schweizerin, die damals den Waadtländer Comickünstler Derib, Zeichner der Schlümpfe und des Indianerjungen Yakari, in Auroville besuchte. Da war die Anfangseuphorie der Gründungsjahre in der Stadt schon verflogen. Es gab heftige Konflikte zwischen dem Ashram in Puducherry und den Stadtbewohnern, die beide die Führung Aurovilles für sich beanspruchten. Louis und Marianne beschlossen, nach Nizza zu gehen, Cohens Heimatstadt. Dort bekamen sie einen Sohn, Ami, heute 35. Als Marianne vier Jahre später mit dem zweiten Kind schwanger war, trennte sich Louis von ihr. Sie ging zurück in die Schweiz. Chloé, heute 31, wurde in Lausanne geboren – seit dem Abschluss ihres Fotografiestudiums lebt sie in Paris.

Auch Chloé zog es in die Ferne, aber aus anderen Gründen: «Als prinzipiell bequemer Typ musste ich raus aus dem Komfort der Schweiz, der auf meine persönliche Entwicklung wie ein Narkotikum gewirkt hätte.» Indien stand nie zur Debatte. Nach Auroville kam sie das erste Mal mit sieben Jahren. «Woran ich mich erinnere? Mir war immer heiss, ich vertrug das Essen nicht und war ständig krank.»

Der Aufbau der Stadt ist einer Galaxie nachempfunden: Blick auf Auroville. Foto: Getty Images

In Nizza wurde der Vater Immobilienentwickler und versuchte, ein normales, bürgerliches Leben zu führen. Doch Auroville liess ihn nie mehr los. «Irgendetwas trieb mich zurück», sagt er. «Ich wollte diesen Traum weiterleben und aufbauen.» Das Leben in Europa diente für ihn nur noch zwei Zielen: dem Geldverdienen und um seinen Kindern näher zu sein.

Ein südfranzösischer Bonvivant ist Cohen geblieben. Für besondere Anlässe hat er immer eine Flasche Ricard im Schrank, auch wenn Alkohol in Auroville verpönt ist. Heute trinkt er gefiltertes Wasser, das mit Beethoven-Klangwellen dynamisiert ist. Auf jedem der vier Stockwerke des Wohnhauses steht ein Trinkwassertank zur freien Verfügung. Einwegflaschen sind tabu. «Diese Technologie der Wasseraufbereitung wird von Auroville entwickelt und verkauft», erzählt er. «Theoretisch könnte ich das Wasser mittels USB-Stick auch mit Hendrix aufladen – aber ich bin ja älter geworden.» Seine Lebensmaxime hat ihm sein Freund Roger Anger geschenkt: «Ein Leben ohne Humor ist mangelnde Demut, die den hereinlegt, der glaubt, dass man im Streben nach Spiritualität ernsthaft sein muss.»

Seine komfortable Wohnung ist frei von esoterischem Hokuspokus: Nur ein grosses Foto der «Mutter» hängt in seinem Wohnzimmer – wie übrigens in allen Behörden und Behausungen von Auroville. Es zeigt eine ältere Frau mit streng zurückgekämmtem Haar, dunklen Augenringen, tiefem Blick und etwas verkniffenem Lächeln: Mirra Alfassa. «Mutter hat mein Leben verändert», sagt Louis Cohen mit einer Ernsthaftigkeit, die keinen Humor duldet. Die 1973 verstorbene Französin und Bankierstochter war die erste und einzige europäische Frau, die in Indien als Guru verehrt wurde.

Die Idee zu Auroville entstammt ihrer Freundschaft zu Sri Aurobindo, im Wohnzimmer auf dem Foto neben ihr zu sehen: ein indischer Unabhängigkeitskämpfer, der von den Briten verfolgt wurde und sich in der französischen Kolonie Puducherry 1910 zum spirituellen Guru wandelte. 1926 zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück und übergab die Leitung des Ashrams an Alfassa, die ihn zu einem der einflussreichsten Indiens aufbaute.

«Die Anbetung der Mutter, diese Fotos überall, das ist für mich bis heute das grösste Rätsel.»Chloé, Tochter eines Bewohners von Auroville

Was ihre Lehre und Faszination ausmachte? Schwer zu sagen. Es ging ihr um nichts weniger als um einen neuen, «supramentalen» Menschen, der seine Selbstverwirklichung in Arbeit wie Vergnügen als bewussten Gottesdienst begreift. All Life Is Yoga. Im Savitri Bhavan, dem spirituellen Lehrzentrum Aurovilles, werden Vorträge gehalten und Ausstellungen gezeigt, die das tiefer vermitteln sollen. Auf einer Tafel steht: «1958 begann Mutters Yoga der Transformation im materiellsten Sinne, das heisst der Arbeit an den Zellen des Körpers, deren Reinigung, deren Befreiung nicht nur von Suggestionen des physischen Mentals, sondern auch von dem, was sie Körper-Mental nannte, die Grundlage des zellulären Bewusstseins.» Uff. Da rutscht selbst dem geneigtesten Besucher das Hirn ins Nirwana.

Doch die Erleuchtete hatte auch andere, handfestere Einsichten. Den indischen Frauen im Ashram trug sie auf, Boxen zu lernen und auch als Vegetarierinnen hin und wieder Fleisch zu essen, gerade in der Schwangerschaft. Auf einer anderen Tafel sieht man sie noch im hohen Alter Tennis spielen: «Ein reifes Bewusstsein will spielen, nicht siegen. Ich habe mich immer mit den Besten auf den Platz gestellt, nie gewonnen, aber viel gelernt», wird sie zitiert. Die Schüler ihres Ashrams castete sie per Foto oder Blick in die Augen. Und so stand der junge Louis Cohen einst vor ihr, in ihren Privatgemächern in Puducherry, und fühlte, dass diese alte Dame bis in sein tiefstes Inneres schauen konnte und dass er sein Leben Auroville widmen musste.

«Die Anbetung der Mutter, diese Fotos überall, das ist für mich bis heute das grösste Rätsel von Auroville», sagt Chloé später im neuen In-Café Bread & Chocolate, wo Schoggi-Gipfeli oder Avocado-Roggentoasts mit pochierten Eiern serviert werden. Nebenan sitzt eine Gruppe junger Inderinnen in westlicher Kleidung und trinkt Latte macchiato. Draussen auf der Strasse läuft eine Kuh zum Hindutempel hinüber und sorgt fast für eine Massenkarambolage. Keinem scheint diese Szene, diese surreale Gleichzeitigkeit Hunderter Existenzmöglichkeiten, aufzufallen.

Auch nicht Chloé: «Mein Unbehagen mit Auroville war lange ein anderes. Auch hier gibt es Arm und Reich, und natürlich spielt Geld noch eine Rolle. Mich hat gestört, dass die Tamilen meist die niedrigen Arbeiten verrichten, während die Weissen an den Tischen sitzen. Dann habe ich verstanden, dass Auroville nie materielle Gleichheit im kommunistischen Sinne, sondern so etwas wie gleiche Menschenwürde meinte, im indischen Kastendenken ein geradezu revolutionäres Konzept. Und dass die meisten Tamilen dankbar sind, in Auroville Arbeit zu haben, unter freundlicheren Bedingungen als in der indischen Arbeitswelt üblich.»

1968–2018: Nächstes Jahr wird im Garten des Meditationszentrums Matrimandir der 50. Geburtstag der Stadt gefeiert. Foto: Getty Images

Die Erkenntnis, dass die Welt in ihrer heutigen Form dem Kollaps entgegenläuft, sei in ihrer Generation ja schon längst eine Binsenweisheit. An grosse Utopien glaube keiner mehr, endeten sie doch meist in Unheil. Mit zwölf Jahren suchte Chloé Antworten auf die Fragen des Lebens bei den alten Religionen: nahm erst Katechismus-Stunden, dann Thora-Unterricht. Auch keine Lösung, fand sie. «Wir wurschteln uns durch. Wir versuchen, unser privates Leben ein klein bisschen rücksichtsvoller und bewusster zu gestalten. Für eine Work-Life-Balance zu sorgen, hier ein bisschen Bio, da ein bisschen Fairtrade und alternative Energien. Im Grunde war das auch die Idee von Auroville – das Private ist politisch. Wir müssen bei uns selbst anfangen, wollen wir etwas verändern. Zuerst das Individuum, dann das Kollektiv, danach die Welt.»

Erst als junge Erwachsene begann es Chloé zu dämmern, was ihren Vater so an dieser Utopie faszinierte. «Als Kind habe ich meinen Vater hier mit derselben Selbstverständlichkeit besucht wie in Nizza. Auroville war für mich nichts Besonderes, ein Ort wie jeder andere. Einfach nur der, an dem mein Vater lebte. Meine Diplomarbeit war der Auslöser, meinen Vater, meine Familie und auch mich selbst tiefer zu hinterfragen.» Ihr Fazit: Ideologisches Patchwork sei das Vermächtnis der gescheiterten Utopien, das Aushalten des täglichen Widerspruchs zwischen Wunsch und Wirklichkeit ein ethischer Spagat. «Ich glaube, wir sind die widersprüchlichste Generation überhaupt. Ich liebe Shopping, will Geld verdienen und um den Globus fliegen, glaube gleichzeitig an Ökologie und Nachhaltigkeit und verurteile zu viel Materialismus.»

Sie fragt: «Wie viele erklärte Veganer und Bio-Freunde kenne ich, die auf Parties Drogen schnupfen, deren Handel in Lateinamerika jedes Jahr Tausende von Menschenleben kostet?» Manchmal beneidet Chloé ihren Vater und seine Ersatzfamilie hier: «Jeder versicherte mir, dass er in dem Moment, wo er hierher kam, wusste, wozu er auf der Welt ist. Auf eine der existentiellsten Fragen des Lebens haben sie hier eine Antwort gefunden. Sie wissen, dass sie noch nicht die perfekte Lösung haben, aber sie arbeiten unbeirrt, friedlich und gelassen daran. Allein das ist schon einmal bewundernswert.»

Auroville wollte längst eine autarke Stadt sein, die ohne Geld funktioniert. Dennoch, viel Erstaunliches ist bereits geschafft: Die ganze Stadt lebt von Wind- und Solarenergie. Mitten im Dschungel stehen Solartankstellen, wo man gratis seinen Elektroroller aufladen kann. Jeder Aurovillianer bezieht ein Grundeinkommen, egal für welche Tätigkeit. Die umgerechnet 225 Franken reichen zum Leben. Mindestens fünf Stunden pro Tag, so wird erwartet, sollte der Aurovillianer für das Kollektiv arbeiten. Nach dem Mittagessen in der Solar Kitchen, darf man sich seiner inneren Arbeit widmen. Es lebt sich recht lässig in Auroville.

Von den geplanten 50'000 Einwohnern leben bisher nur knapp 3000 Menschen dauerhaft in Auroville.

Es gibt Schulen, Gästehäuser, ein Spital, eine Bank, ein Rathaus, alternative Heilzentren, ein Spa, Sportplätze, eine Surfschule, Yoga-Angebote, Kino, Bio-Farmen, Manufakturen, die Naturkosmetik, Schokolade oder Mode herstellen, und vegetarische Restaurants. In der Pizzeria Tanto stehen sogar Fisch und Huhn auf der Karte. Aurovillianer gehen in den Supermarkt Pour Tous und holen, was sie brauchen, ohne zu bezahlen. Touristen zahlen bar oder mit Aurocard.

Von den geplanten 50'000 Einwohnern leben bisher nur knapp 3000 Menschen dauerhaft in Auroville. 43 Prozent davon sind Inder, 14 Prozent Franzosen, 9 Prozent Deutsche, 1.4 Prozent Schweizer – der Rest kommt aus fünfzig anderen Nationen. Dass es nicht mehr sind, liegt weniger an mangelnder Nachfrage als am fehlenden Wohnraum. Daran zu arbeiten, hat Louis Cohen zu seinem «Karma-Yoga» erklärt. Hundert Wohnungen hat er bisher geschaffen, zweitausend sollen es werden. Gerade entsteht sein neues «Baby», der Wohnkomplex Sunship mit vierzig Apartments. Cohen verdient daran nichts, auch er bezieht nur das Grundeinkommen. Die Hälfte der Wohnungen wird lang gedienten und vermögenslosen Aurovillianern geschenkt, der Kaufpreis der anderen geht an die Stadt. Wer eine Wohnung kauft oder ein Haus baut, dem gehört es nicht. Verlässt man es, gibt es das Kollektiv an andere weiter, die noch mal in den Gemeinschaftstopf zahlen, damit neue Bauten entstehen können. Man erwirbt nur ein lebenslanges Wohnrecht. Mieten sind nicht vorgesehen.

Was human klingt, ist ein Problem für die Entwicklung der Stadt: Die Bevölkerung überaltert. Es gibt kaum junge Menschen, die sich Auroville leisten können. Rund 12 000 Franken kostet das erste Jahr als Newcomer, in dem man ohne Grundeinkommen arbeitet, bei Gastfamilien wohnt und seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten muss. Und dann muss ein Neu-Aurovillianer noch einmal etwa 40'000 Franken auf den Tisch legen, um eine dauerhafte Bleibe beziehen zu können. Doch auch hierfür hat Louis Cohen eine kleine Lösung auf die Beine gestellt – die Häuser der Jugend. In den zwölf Einzelbungalows in preiswerter, mobiler Fertigbauweise finden junge Leute Platz, die als freiwillige Helfer Auroville kennen lernen wollen.

Wie Chloés Cousine Thalia. Die 18-jährige Marketingstudentin ist für einen Monat in Auroville, um ehrenamtlich an der Schule zu arbeiten – und lebt dort für umgerechnet fünfzehn Franken monatlich. Wi-Fi inklusive. Sie liebt das Leben hier: «Es tut mir gut, ein paar Wochen runter zu kommen und junge Menschen aus aller Welt zu treffen, die andere Träume haben und andere Werte teilen als die Menschen an meiner Uni.» In der Siedlung Certitude lebt die 17-jährige Deutsche Marissa. Sie ist hier geboren und aufgewachsen. Sobald sie ihren Highschool-Abschluss hat, will sie nur eines: raus in den europäischen Grossstadtdschungel. «Auroville ist toll, wenn man Kind ist – ich konnte mit dem Pony zur Schule reiten! Aber wo soll ich hier Jungs treffen? Die fünfzig Typen in meiner Altersklasse kenne ich alle von klein auf – sie sind wie Brüder für mich.»

Chloés Smartphone-Alarm klingelt. Sie ist wie jeden Tag um 16 Uhr mit ihrem Vater zum Tennis verabredet. Die einzige, dafür heilige Pflicht des Tages. Es braucht nicht gleich den supramentalen Übermenschen, den Mirra Alfassas Lehre anstrebt, eine Nummer kleiner geht auch. Wenn das Konsummonster nur ein bisschen weniger gefrässig ist, macht es den Menschen freier für Freunde, Sport oder auch nur eine Siesta. Allein das ändert das Bewusstsein und hebt das Lebensglück. Ganz ohne Yoga, Meditation, Channeling oder Rebirthing – regelmässig Tennisspielen reicht völlig. Hat doch schon Mutter gesagt.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 20. Dezember 2017 in der Annabelle. (Annabelle)

Erstellt: 11.07.2018, 18:12 Uhr

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