Zum Hauptinhalt springen

«Kontakte bleiben oft oberflächlich»

Jan Holder, Psychiater und Stadtarzt, sieht Erkrankungen aufgrund von Einsamkeit als urbanes Problem.

Mit Jan Holder sprach Alexandra Kedves

Sie sind Arzt an der Psychiatrischen Poliklinik der Stadt Zürich. Ist in Ihrer Praxis Einsamkeit ein Faktor?

Absolut! Einsamkeit ist sicher einer der Faktoren mit massgeblichem Einfluss auf die psychische Gesundheit und trägt zur Entwicklung von Störungen wie Depression bei – die laut WHO weltweit ansteigen. Auch wir haben jedes Jahr mehr Fälle zu betreuen. Typisch ist der Sozialhilfeempfänger, dem die IV-Rente ­gekürzt wurde und der sich aus Scham und Verzweiflung in die Einsamkeit zurückzieht – und dadurch erst recht psychische Probleme bekommt. Es gibt aber auch den voll integrierten Leistungsträger, der plötzlich realisiert, wie allein er im Grunde dasteht, und in eine schwere psychische Krise rutscht.

Wie schätzen die Menschen selbst ihre Situation ein?

Nicht jeder, der wenig Sozialkontakte hat, leidet darunter; es gibt ­gewünschtes Alleinsein. Aber es leiden eben doch die meisten, selbst wenn sie es nicht zugeben. Tragisch ist, wenn Menschen Beziehungen suchen, aber nicht in der Lage sind, sie auszuhalten. Zwei Fälle machten mir das Leid besonders deutlich: Eine schwer traumatisierte junge Frau, die immer wieder den Arbeitsplatz verlor, entschied sich gegen unseren ärztlichen Rat, in einem Bordell zu arbeiten. Weil sie sich wenigstens da in einer Gemeinschaft wertgeschätzt fühle, nicht so elend allein wie daheim. Und da war der junge Mann mit der Impulskontroll­störung. Er lebte, nachdem er den unterstützten Arbeitsplatz verloren hatte, ­allein in einer 1-Zimmer-Wohnung. Langsam entwickelte er die wahnhafte Idee, die Wände würden ihm das Wort «Hass» zuflüstern. Medikamentös und therapeutisch behandelt, konnte er das frühere Verhalten reflektieren – und sagte, im Betrieb habe er sich wenigstens streiten können. Das Alleinsein danach sei das eigentlich Unerträgliche gewesen.

Wieso ist das Einsamkeitsproblem schlimmer geworden?

Die Grossstädte schenken Autonomie und Freiheit, man kontrolliert einander weniger. Oft bleiben die Kontakte aber oberflächlich, soziale Strukturen sind schwächer ausgeprägt als auf dem Land. Statistisch halten feste Beziehungen in der Stadt weniger. Und wen eine finanzielle Krise trifft, der kann das tolle urbane Angebot nicht nutzen. Solidarität und Loyalität scheinen abgenommen zu haben. Kann einer nicht mittun, weil er krank wurde oder arbeitslos, zieht man mit anderen los. Die Begleitung ist austauschbar und der Druck zur Selbstoptimierung immens. Das anspruchsvolle Schulsystem trägt seinen Teil zum ungesunden Einzelkämpfertum bei. Noch ein Faktor ist die Digitalisierung.

Inwiefern die Digitalisierung?

Einerseits sind Menschen ­abgeschnitten, die zu ihr keinen Zugang haben. Anderseits verhindern die digitalen Netzwerke womöglich echte Beziehungen – auch wenn meine eigenen beiden Teenager das vehement bestreiten würden. Der Händedruck, das In-die-Augen-Schauen: So etwas ist wichtig fürs gesamtheitliche Wohlergehen. Daher ermuntern wir in der Therapie zu sozialen Kontakten, vom Brief an die Mutter bis zum Besuch von Singletreffs. Schon das Gespräch bei uns kann helfen: Es gibt Patienten, die sich wochenlang darauf freuen, sich hier aussprechen zu können.

Wie gelingt die Therapie?

Je mehr Menschlichkeit und Authentizität vom Helferteam spürbar ist, desto mehr kann sich ein Mensch in Not auf dem ­langen Weg zurück in die Gesellschaft motivieren. Wir wollen massgeschneiderte Hilfsangebote machen, die nicht primär auf die Psychopathologie des Menschen zielen, sondern auf seine konkreten Wünsche und Ideen. In der psychiatrischen Versorgungsforschung hat sich die Kombination von sozialer, pflegerischer und medizinisch-sozialer Hilfe zu Hause bei den Menschen als gut erwiesen. Zusammen mit der Spitex Zürich haben wir – im Rahmen des ­mobilen Kompass-Teams und des Modellprojekts «Mind the Gap» – diese Ideen umgesetzt, um Hilfe von verschiedenen Seiten direkt vor Ort anbieten zu können, speziell für Menschen, die durch das reguläre Versorgungsnetz gefallen sind. Es gibt auch niederschwellige Gruppen für Achtsamkeit und Freizeitaktivitäten. Die Finanzierung solcher Leistungen ist aber schwierig. Allgemein ist ein grundsätzliches Interesse am Leben der Welt und an anderen ein Schutzfaktor vor Einsamkeit.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch