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Kein Bierchen in Ehren

Wer betrunken auf dem Velo erwischt wird, riskiert Busse und Fahrverbot – Tipps für den sicheren Nachhauseweg.

Null Toleranz: Für Berufschauffeure, Fahrlehrer, Fahrschüler, Begleitpersonen bei Lernfahrten und Neulenker ist ab dem 1. Januar Alkohol am Steuer tabu.
Null Toleranz: Für Berufschauffeure, Fahrlehrer, Fahrschüler, Begleitpersonen bei Lernfahrten und Neulenker ist ab dem 1. Januar Alkohol am Steuer tabu.
Martial Trezzini, Keystone

Heute Nacht haben die Promille-Jäger Hochkonjunktur. Unverhofft tauchen sie am Strassenrand auf, die Damen und Herren Polizisten, halten selektiv Automobilisten an – und lassen selbige bei Verdacht, arg tief ins Glas geguckt zu haben, in ein seltsam anmutendes Röhrchen blasen. Der Kluge lässt deshalb das Auto stehen – und kurvt, mehr oder weniger gerade, mit dem Velo von der Silvesterparty nach Hause.

Doch: Ist er wirklich sicher? Oder ist der Führerausweis auch auf dem Velo in latenter Gefahr? Und wie viele Stangen darf ein Junglenker ab dem 1. Januar noch trinken, wenn das zweite Massnahmenpaket von «Via sicura» in Kraft ist? Die BaZ liefert die wichtigsten Antworten rund um Promille und Co.

Ich traue meinen Ohren nicht: Ist mein Führerausweis wirklich weg, wenn ich betrunken Velo fahre und dabei erwischt werde?

Die Ohren können beruhigt sein: Der Führerausweis ist nur dann in Gefahr, wenn der (Velo-)Fahrer alkoholabhängig ist. Eine Alkoholsucht wird vermutet, wenn jemand mehr als 2,5 Promille intus hat (und noch velofahren kann). Dann muss er in eine Abklärung. Ab Mitte Jahr zieht der Bund die Schraube weiter an: Ab dem 1. Juli muss jeder, der mit mehr als 1,6 Promille erwischt wird, seine Fahreignung bei einem Verkehrsmediziner abklären lassen.

Dann kann mir auf dem Velo also nichts passieren?

Aber sicher doch. Sie können sich zum einen gehörig den Kopf anschlagen, da die Um- und Unfallgefahr mit jedem Promille ansteigt. Zum anderen droht Ihnen eine saftige Busse von mehreren Hundert Franken, wenn Sie mit mehr als 0,5 Promille erwischt werden.

Aber zumindest kein Fahrverbot.

Darauf würde ich mich nicht verlassen. Laut Strassenverkehrsgesetz kann einem Radfahrer, der angetrunken er­wischt wird, das Radfahren untersagt werden. Die Mindestdauer eines solchen Fahrverbots beträgt einen Monat.

Ich bin Neulenker und werde mich heute Nacht zurückhalten. Zwei, drei Bierchen – mehr nicht. Darf ich am Morgen mit dem Auto nach Hause fahren?

Das ist nicht zu empfehlen, denn morgen Mittwoch tritt das zweite Massnahmenpaket von «Via sicura» in Kraft. Dieses sieht für bestimmte Personengruppen – Berufschauffeure, Fahrlehrer, Fahrschüler, Begleitpersonen bei Lernfahrten und eben auch Neulenker – einen Alkoholgrenzwert von 0,1 Promille vor.

Das ist ja faktisch ein Alkoholverbot. Weshalb hat man nicht gleich 0,0 Promille genommen?

Weil Sie sonst das Billett selbst nach dem Genuss von gewissen Früchten abgeben müssten – sie setzen beim Gärprozess Alkohol frei. Ansonsten lautet für Neulenkende ab morgen die Devise: «Null Promille. Null Probleme.»

Aber bis am Morgen habe ich doch die drei Bierchen längst abgebaut.

Nicht unbedingt. Wie stark die drei Bierchen einfahren, hängt von verschiedenen Parametern ab – dem Geschlecht, der Körpergrösse, dem Gewicht, der Trinkgewohnheit, der Trinkgeschwindigkeit. Drei Stangen, zwischen 21 und 23 Uhr getrunken, können gut und gerne für 0,8 bis 1,0 Promille sorgen. Davon haben Sie bis am Morgen um sechs Uhr erst rund 0,7 Promille abgebaut; zu wenig, um sich (als Neulenker) hinters Steuer zu setzen.

Dann warte ich eben bis zehn Uhr – dann brauche ich zumindest kein Licht mehr.

Das war einmal. Ab 1. Januar muss jeder auch tagsüber mit Licht – Abblendlicht oder Tagfahrlicht – herumfahren.

Wirklich jeder?

Mofas, E-Bikes, Velos und Fahrzeuge, die vor 1970 in Verkehr gesetzt wurden, sind tagsüber von der Lichtpflicht ausgenommen.

Was passiert, wenn ich ohne Licht erwischt werde?

Dann wird Ihr Portemonnaie etwas lichter – die Busse beträgt 40 Franken.

Sofern mir die Polizei das Vergehen nachweisen kann. Da gibt es aber doch einen Trick: Nehmen wir an, ich werde von einer stationären Anlage geblitzt; und nehmen wir an, mein Konterfei ist auf dem hübsch-­teuren Foto nicht erkennbar – dann kann ich als Halter doch sagen: Ich bin nicht selber gefahren, mache aber keine Angaben zum Lenker. Hält die ganze Familie dicht, muss ich die Busse nicht bezahlen.

Das sind Blitzgedanken von gestern. Neu müssen Ordnungsbussen vom Halter berappt werden, wenn der «Täter» nicht ermittelt werden kann. Einzige Ausnahme: Das Fahrzeug wurde Ihnen entwendet.

Als Neulenker habe ich den Führerausweis die ersten drei Jahre auf Probe. Was passiert, wenn ich ihn verliere?

Ist es der erste Entzug, wird die Probezeit um ein Jahr verlängert; beim zweiten ist der Ausweis futsch. Einen neuen Lernfahrausweis kann man frühestens ein Jahr nach der Missetat beantragen – ein positives verkehrspsychologisches Gutachten vorausgesetzt.

Das ist doch ungerecht. Bei den Neulenkern wird die Schraube angezogen, bei den Senioren dagegen gelockert.

So weit ist es (noch) nicht. Die spätsommerliche Ankündigung des Bundesamtes für Strassen, für Senioren eine «differenzierte Beschränkung des Führerausweises» einführen zu wollen, hat für ein viel- bis missstimmiges Hupkonzert gesorgt. Die Massnahme ist zwar nicht vom Tisch, kommt aber frühestens 2015.

Was soll differenziert werden?

Die Behörden können den Führerausweis bereits heute zeitlich oder örtlich beschränken; davon machen bislang allerdings nur wenige Kantone Gebrauch. Das will der Bund ändern, um die motorisierte Mobilität der Senioren so lange wie möglich zu erhalten. Senioren, welche die medizinischen Anforderungen nicht mehr zu 100 Prozent erfüllen, sollen mit Auflagen weiterhin Auto fahren. Möglich sind örtliche Einschränkungen (erlaubt ist beispielsweise nur die Strecke vom Haus zum Dorfladen), zeitliche Fahrverbote wie ein Nachtfahrverbot oder die Auflage, nur bestimmte Stras­sentypen zu benutzen.

Das setzt die (Haus-)Ärzte, welche die Fahreignung ihrer «70+»-Patienten alle zwei Jahre bestätigen müssen, unter noch grösseren ­Druck.

Würde es wohl – würde der Bund nicht vorkehren: Ab 2015 brauchen Ärzte, welche die Fahrtauglichkeit prüfen wollen, eine Bewilligung und müssen einen eintägigen Kurs absolviert haben.

Apropos Kurse: War da nicht auch von Nachschulungen die Rede?

Ist es immer noch. Ebenfalls ab 2015 muss einen Nachschulungskurs besuchen, wer den Führerausweis wegen Alkohol am Steuer abgeben musste. Als «Tatbeweis» genügt künftig im Übrigen auch bei Werten über 0,8 Promille ein Atem-­Alkoholtest. Heute muss, wer es auf höhere Promillewerte bringt, noch an die Blutzapfsäule.

Eine Blackbox, was da bei manch einem in und aus den Adern fliesst.

Ja – und deshalb gilt für all jene, denen der Führerausweis wegen Alkohol am Steuer auf unbestimmte Zeit entzogen wurde: Blasen vor dem Fahren. Das Billett gibt es – nach erfolgreicher Therapie und günstiger Prognose – nur unter der Auflage zurück, während mindestens fünf Jahren nur Autos zu lenken, die mit einer Atemalkohol-Wegfahrsperre ausgerüstet sind.

Eine Raser-Wegfahrsperre gibt es leider nicht.

Nein, aber ab kommendem Jahr dürfen Autofahrer, denen der Ausweis für mindestens ein Jahr davongerast ist, fünf Jahre lang nur noch Autos fahren, in denen eine Blackbox, also ein Datenaufzeichnungsgerät, eingebaut ist.

Seit einem Jahr werden Raser härter angefasst. Wie sieht die Bilanz aus?

Negativ – für die Raser. Die neuen Richtlinien, wonach beispielsweise als Raser gilt, wer innerorts mit 100 statt 50 Kilometern pro Stunde unterwegs ist, hat bereits weit über hundert Autofahrer das Billett gekostet. Und dies nicht zu knapp: Ein «Erst-Raser» muss das Billett für mindestens zwei Jahre abgeben (im Wiederholungsfall für immer) und bekommt eine (bedingte) Freiheitsstrafe von einem bis vier Jahre aufgebrummt. Bei besonders krassen Verstössen kann das Gericht das Fahrzeug einziehen und verwerten lassen.

Wo fiel das erste Raser-Urteil?

Im Kanton Aargau. Hier musste ein 23-Jähriger, der mit 143 statt 80 Kilometern pro Stunde über den Bözberg blochte, seinen Ausweis für zwei Jahre abgeben. Zudem garnierte er eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten sowie eine Busse von 4000 Franken.

Die Aargauer wieder...

Die Basler können es auch. Ein 25-jähriger Italiener aus dem Baselbiet beispielsweise raste Mitte Februar mit 164 Kilometern pro Stunde durch den Schänzlitunnel. Erlaubt sind 80 km/h.

Da werde ich doch lieber im Ausland geblitzt. Hier bin ich vor führerscheinlosen Zeiten sicher.

Darauf sollten Sie besser nicht bauen. Zum einen können Ihnen die Schweizer Behörden den Ausweis entziehen, wenn Sie im Ausland mit einem Fahrverbot belegt wurden. Zum anderen kann der Bund – ein entsprechendes Abkommen vorausgesetzt – Geldstrafen oder Bussen für andere Länder eintreiben.

Nicht einmal mehr warnen darf man sich vor Kontrollen.

So absolut stimmt dies nicht. Nicht erlaubt sind jegwelche Radarwarngeräte im Auto. Verboten ist auch, Zeichen mit der Warnvorrichtung (also mit der Lichthupe oder der Hupe) zu geben. Verboten sind drittens entgeltliche und öffentliche Warnungen vor Polizeikontrollen; deshalb hört man auch keine «Es wird geblitzt»-­­Durchsagen im Radio mehr. Hingegen fallen «Radarwarnungen durch die Polizei und unter Verkehrsteilnehmern nicht unter das Verbot», schreibt der Bund in seinem Faktenblatt zu «Via sicura». Eine Benachrichtigung von Freunden per SMS beispielsweise ist also grundsätzlich legitim – vorausgesetzt, die SMS wird nicht während dem Fahren getippt.

Wer brachte «Via sicura» eigentlich auf den Weg?

Moritz Leuenberger, vor 13 Jahren. Der damalige Verkehrsminister nannte es noch «Vision Zero», wobei «Zero» für null Todesopfer auf der Strasse stand. Leuenberger musste für seine Vision – nicht wenige nannten es eine Illusion – viel Kritik und Häme einstecken. Besonders von den Töfffahrern, deren Boliden er bei 80 km/h abriegeln wollte. Daraus wurde zwar nichts. Insgesamt werden aber mit «Via sicura» mehr als 50 Massnahmen umgesetzt. Ziel ist es, die Zahl der Verkehrsopfer nochmals deutlich zu senken. 2012 starben 339 Personen auf Schweizer Strassen, 4202 Menschen wurden schwer verletzt.

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