In der dunklen Welt der Falschmedien

Sie lügen Millionen Menschen an: Immer mehr News­portale fälschen bewusst Nachrichten und verbreiten sie über soziale Netzwerke. Ihr Ziel: Geld oder Hetze.

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Die Horrormeldung begegnet mir an einem lauen Abend Mitte April. Während ich durch die Nachrichten auf Facebook scrolle, bleibt mein Blick an einem blutigen Bild hängen. Ein Mann mit zerschlagenem Gesicht. Dazu die Schlagzeile: «Polizei von Oslo gibt bekannt: Wir haben die Stadt verloren. Islam hat übernommen.» Ich klicke auf den Link.

Die Seite Jewsnews.co.il berichtet über die Zustände im Osloer Distrikt Grønland. Dort sehe es aus wie «in Karachi, Basra und Mogadiscio zusammen». Drogen würden öffentlich verkauft, Frauen in der Nacht vergewaltigt und Männer ausgeraubt. «Grønland ist muslimischer als Marokko», heisst es im Artikel. «Es ist nicht mehr Norwegen oder Europa. Ausser wenn es ums Einkassieren der Sozialhilfe geht.» Das Fazit von «Jews News»: Die norwegische Polizei hat Oslo aufgegeben.

Die Meldung wurde von einer Facebook-Bekannten ohne Kommentar geteilt. Innert Kürze reagieren andere auf den Post. Ich frage mich: Kann das wirklich stimmen? Was, wenn die alle einer Lüge aufsitzen?

Als ich den Fragen nachgehe, lerne ich etwas über Grønland – und sehr viel mehr über die dunkle Welt der Falschmedien.

Millionenfache Hetze

Erste Erkenntnis: Die israelische Website Jews News ist nicht das Newsportal, als das sie sich ausgibt. Schon mehrmals wurden der Seite schwerwiegende Falschmeldungen nachgewiesen, nicht selten ging es dabei um Hetze gegen Muslime.

Zweite Erkenntnis: Die nachgewiesenen Lügen tun der Popularität der Seite keinen Abbruch. Allein auf Facebook folgen «Jews News» 1,5 Millionen Menschen. Offensichtlich reicht ihr Einfluss bis in die Schweiz.

Ich antworte auf den Post meiner Facebook-Bekannten: «Liebe XY, die Seite Jews News ist dafür bekannt, dass sie (…) nachweislich falsche Nachrichten ver­breitet.» Zwei Stunden später schreibt sie: «Möglich! Allerdings gibt es ähnliche Artikel von ‹seriöseren› Blättern. Siehe unten!» Tatsächlich hat eine ihrer Facebook-Bekannten einen weiteren Artikel geteilt, der dieselbe Horrormeldung enthält. Die ältere Frau schreibt: «In Grönland, wie überall in Oslo, werden 100% der Vergewaltigungen von Muslimen begangen.» Sie verlinkt weitere Portale, die alle dieselbe Nachricht verbreiten: «Oslo ist verloren». Ich schlucke leer.

Dritte Erkenntnis: «Jews News» ist nicht allein. Bei weitem nicht. Vielleicht stimmt die Meldung doch?

Die Frage lässt mich nicht los. Entweder herrschen in Oslo skandalöse Zustände, über welche die traditionellen Medien nicht berichten, oder hier verbreitet jemand Angst machende Falschmeldungen im grossen Stil. Ich mache mich auf die Suche nach dem Ursprung der Nachricht.

Fakten spielen keine Rolle

«Jews News» hat die Meldung von der Seite www.siotw.org übernommen, was für «Stop Islamization of the World» steht. Dieses Portal bezieht sich auf einen Bericht des amerikanischen Nachrichtennetzwerks Breitbart, das als Sprachrohr der amerikanischen Rechten gilt. «Breitbart» bezieht sich auf einen Artikel, der im November 2011 in der norwegischen Zeitung «Aftenposten» erschienen ist.

Dort taucht der blutüberströmte Mann erstmals auf. Er wurde im Distrikt Grønland ausgeraubt und zusammengeschlagen. Im Text steht, dass es in der Innenstadt von Oslo viertausend Überfälle gegeben habe, allerdings in den letzten zehn Jahren. Zudem überprüfe die Polizei seit Anfang Jahr fünfzig Fälle von angezeigten Vergewaltigungen. Der Journalist schreibt, dass das Opfer ihm gesagt habe, dass die Polizei ihm gesagt habe, dass sie die Stadt verloren habe. Kein Wort von Islam oder Muslimen.

Bei «Breitbart» wird daraus die Schlagzeile: «Wir haben die Stadt verloren: Gesetzlosigkeit durchdringt islamischen Bezirk in Oslo». Das Portal erreicht 17 Millionen Nutzer pro Monat.

So entsteht eine Nachricht, die während fünf Jahren von Menschen weltweit geteilt wird, die zeigen wollen, welche Gefahr der Islam für uns darstelle. So wie meine Bekannte auf Facebook.

Ich antworte ihr, dass die Fakten im Artikel falsch seien und sich alle anderen Quellen auf denselben falschen Ursprung zurückführen liessen. Sie reagiert pikiert, fühlt sich be­leidigt. Als ich meine nächste Antwort posten will, erscheint eine Fehlermeldung. Meine Bekannte hat den Ursprungs-Post gelöscht.

Vierte Erkenntnis: In der Welt der Falschmedien geht es um Glauben statt Fakten. Das Weltbild ist wichtiger als die Wirklichkeit. Doch wer profitiert von diesem Geschäft?

Neue Wahrheit

Gibt man «Oslo Stadt verloren» bei Google ein, erscheinen Dutzende selbst ernannter Nachrichtenportale, welche die hetzerische Meldung im Internet verbreiten. Die meisten mögen kleine Reichweiten haben, doch in der Gesamtheit erreichen sie ein grosses Publikum. Fast alle sind einem rechten und islamkritischen Spektrum zuzuordnen.

Die Seite www.pi-news.net etwa verbreitete die Falschnachricht im November 2013. «Politically Incorrect» nennt sich selbst den «grössten deutschsprachigen po­litischen Internetblog», gibt sich offen islamophobisch und gibt an, täglich bis zu hunderttausend ­Leser zu erreichen. Die «Verfälschung alltäglicher Geschehnisse» durch etablierte Medien komme einer Einflussnahme auf die Urteilsbildung gleich, schreibt das Portal. «So entsteht eine grosse Informationslücke, die PI täglich zu füllen trachtet. Wir sehen uns ausschliesslich der Wahrheit verpflichtet.» Die Ironie dahinter: «Politically Incorrect» füllt die Lücke mit teils falschen, oft hetzerischen Nachrichten – und nimmt so Einfluss auf die Urteilsbildung.

Seiten wie «PI-News» gibt es zuhauf. Die einen verdienen Geld mit Werbeeinnahmen, andere geben sich mit Einfluss zufrieden.

Pamela Geller etwa, eine der einflussreichsten Anti-Islam-Aktivisten der USA, verbreitet auf ihrer Seite «Nachrichten, welche die Medien nicht behandeln». ­Allein auf Facebook folgen ihr eine halbe Million Menschen. Als sie Anfang 2016, kurz nach den Übergriffen in Köln, über die vermeintlichen Zustände in Oslo berichtete, war das wie eine Wiedergeburt für die Falschnachricht. Gellers Message: Schaut her! Das passiert, wenn wir dem Islam nicht Einhalt gebieten.

Zwar reagierte die Polizei von Oslo schnell und widersprach per Twitter – doch die Nachricht hatte ihren Lauf durch die Welt der Falschmedien längst angetreten.

Die Lüge hat System

Existiert also so etwas wie eine Parallelnachrichtenwelt? Eine Ansammlung von Newsportalen mit grosser Reichweite, die auf Ideologie statt Fakten setzen?

«Diese These können wir bestätigen», sagt Ralf Nowotny. «Bestimmte Falschmeldungen verbreiten sich innerhalb weniger Stunden Wort für Wort auf verschiedensten Portalen. Dahinter steckt ein System.»

Nowotny ist Autor im Team von Mimikama und damit Kämpfer an vorderster Front. Der österreichische Verein hat sich der Aufklärung über Internetmissbrauch verschrieben und deckt seit sechs Jahren Falschmeldungen im Internet auf. Dazu zählen lustige News, Satirenachrichten, aber auch hetzerische Meldungen wie jene aus Oslo. «Das Tü­ckische ist, dass die Nachrichten oft einen wahren Kern haben», so Nowotny. Das gebe dem Leser das Gefühl, er kenne das Thema. Die Nachricht aber sei verdreht oder mit Fehlern ergänzt.

Dass diese Falschmeldungen orchestriert würden, zeige etwa eine Stellenaus­schreibung, die ein Onlineportal veröffentlicht habe. Die Jobbeschreibung: Website aufbauen, Meldungen kopieren und weiterverbreiten. «Für den Nutzer sieht das so aus, als ob viele Portale unabhängig über dasselbe Ereignis berichteten», sagt Nowotny. «Es entsteht ein echtes Netzwerk falscher Nachrichten.»

Drohungen statt Hilfe

Bis zur Flüchtlingskrise 2015 haben viele falsche Nachrichten­portale laut Nowotny ein Nischendasein gefristet. «Seither bekommen sie mehr und mehr Zulauf.» Die hetzerischen News stammen erfahrungsgemäss meist aus der rechten Ecke. «Das sind oft komplett erfundene Geschichten, wie etwa der nächtliche Flugtransport von Flüchtlingen nach Deutschland», sagt Nowotny. «Die Fakes von Links sind eher satirisch, damit die Rechten etwas zum Sich-Aufregen haben.»

Das Mimikama-Team ist besorgt, weil es den Kampf gegen die Falschnews verliert. Man fühlt sich im Stich gelassen, weil trotz Drohungen gegen Mitglieder kaum etwas passiert. Von Facebook gebe es keine Unterstützung, das Netzwerk sei selbst überfordert. Auch die Politik habe kaum Anstrengungen unternommen dazu, hetzerischer Meldungen Herr zu werden. Bleibt die ­Zivilgesellschaft. «Wir wünschen uns einen kritischeren Umgang mit der Informationsflut», sagt Ralf Nowotny. Man müsse sich überlegen, Medienkompetenz bereits in der Schule zu fördern. «Nur so können wir den Hetzern das Wasser abgraben.»

Denn diese ruhen nicht. Am 11. August, fünf Jahre nach dem «Aftenposten»-Artikel, nimmt eine Website die Nachricht auf. «Oslo ist verloren», titel das ­Newsportal. Sein Name: «Deutsche Reichsnachrichten». (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.09.2016, 11:10 Uhr

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