Immer zur falschen Zeit müde

Wer chronisch schlecht schläft, kann unter Folgekrankheiten leiden. Zwei davon sind die Narkolepsie und die Schlafapnoe. Ein gleich doppelt Betroffener erzählt von seiner Pein mit dem Schlaf.

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Peter Spycher aus Moosseedorf erinnert sich noch gut, als es das erste Mal passierte. «Es begann in der siebten Klasse. Weil ich in der Schule einschlief, warf der Lehrer den Schlüsselbund nach mir. Ich erschrak – und brach zusammen.» Ihm seien regelrecht die Beine weggeknickt, sagt der heute 75-jährige Mann.

Diese Zusammenbrüche werden in der Fachsprache Kataplexien genannt und sind Symptome eines gestörten Schlafs. Der Körper tritt, bei vollem Bewusstsein, teilweise in die REM-Phase ein, also in die Traum-Schlaf-Phase, die normalerweise nur mitten im Nachtschlaf eintritt.

Im REM-Schlaf sind die Muskeln gelähmt, weshalb der Schlafende die Bewegungen, die er träumt, gar nicht ausführen kann. Ausgelöst wird eine Kataplexie durch spontane Empfindungen wie Lachen, Schreck, Freude, Scham oder Angst. In der Rekrutenschule sei es ganz schlimm gewesen, erinnert sich Spycher.

«Ich bin auf der Wache oft stehend eingenickt.» Auch später sei er immer müde gewesen, mehrmals täglich eingeschlafen und habe sich mit Liegestützen und geöffneten Fenstern durchs Berufsleben «gehangelt», berichtet der Schriftsetzer, der lange Jahre in Bern eine Offsetdruckerei führte.

Erst mit 38 Jahren hat er abklären lassen, weshalb er immer so müde war und oft zusammenbrach. Dabei wurde eine Narkolepsie, im Volksmund auch «Schlafkrankheit» genannt, und gleichzeitig auch noch eine Schlafapnoe festgestellt, bei der es zu Atemstillständen kommt.

In der Folge hat er gelernt, mit den Kataplexien umzugehen. Gleichwohl sei es vorgekommen, dass ihm beim Essen einfach der Kopf auf den Teller gefallen sei.

Nickerchen vorm Autofahren

Ihm hilft, wenn Bekannte ihn zu stützen versuchen, sobald sie merken, dass er zusammen­zubrechen droht. So können schlimmere Stürze vermieden werden. Manchmal dauert eine Kataplexie nur Sekunden, manchmal könne sie aber Minuten anhalten. Das Wichtigste sei, so Spycher, sich nicht von der Angst leiten zu lassen.

Schliesslich würden die anderen Hirnfunktionen davon nicht beeinträchtigt. «Allerdings muss ich mich alle paar Stunden hinlegen, speziell vor jeder Autofahrt.»

Tatsächlich lässt sich eine Narkolepsie mit regelmässigen Nickerchen am Tag, mit Medikamenten und einem gut geplanten Tagesablauf weitgehend unter Kontrolle bringen. Deshalb ist es wichtig, sich regelmässig ärztlich untersuchen zu lassen.

Problem Tagesschläfrigkeit

«Die Tagesschläfrigkeit ist neben dem gestörten Nachtschlaf das häufigste Symptom bei sehr vielen Schlafstörungen», sagt denn auch Johannes Mathis, neurologischer Leiter am Zentrum für Schlafmedizin des Berner Inselspitals. «Betroffene leiden tagsüber an einer beeinträchtigenden Müdigkeit – selbst wenn sie, ihrer Meinung nach, nachts genügend geschlafen haben.»

Ihre Ratlosigkeit führt sie früher oder später ins Schlaflabor. Mathis: «Eine saubere Abklärung ist sehr wichtig.» Ab und zu stelle sich nach den Untersuchungen heraus, dass doch das banale Schlafmanko an der Müdigkeit schuld sei, obwohl die Patienten glaubten, sie schliefen genug.

Die benötigte Schlafdauer sei individuell. Bei anderen werde aber eine der Schlafkrankheiten erkannt und könne behandelt werden. Manche leiden gleichzeitig unter verschiedenen Krankheiten, so wie Peter Spycher an Schlafapnoe und Narkolepsie. «Es ist wichtig, dass alle Ursachen diagnostiziert werden, weil ein nicht behandeltes Problem schwerwiegende Gesundheitsschäden zur Folge haben kann», erklärt Mathis.

So könne eine nicht erkannte Schlafapnoe langfristig lebens­bedrohlich werden. «Eine Apnoe kann bis zu einer Minute dauern. Dadurch entsteht ein Sauerstoffmangel, der zu häufigen Weck­reaktionen, Blutdrucksteigerungen und langfristig zu einem Schlaganfall oder Herzinfarkt führen kann.»

Gefährliche Atemaussetzer

Rund 30 Prozent der Männer und 10 bis 20 Prozent der Frauen schnarchen. Mit zunehmendem Alter steigt die Anzahl der Betroffenen. In den meisten Fällen stellt das Schnarchen keine gesundheitliche Gefahr dar.

Nur wenn es zu laut und unregelmässig wird und zu Atemaussetzern kommt, könnte eine sogenannte obstruktive Schlafapnoe vorliegen. Diese Erkrankung betrifft rund 5 Prozent der Bevölkerung, vor allem übergewichtige Männer im mittleren Alter. Auch Alkoholkonsum kann dazu bei­tragen.

Im Handel werden verschiedenen Methoden gegen das Schnarchen angeboten, darunter etwa Schnarchspangen und Nasenpflaster. Für Schlafmediziner Mathis ist jedoch klar: «All diese Mittel können vielleicht gegen das Schnarchen helfen – die Gefahr einer Apnoe bannen sie aber nicht.»

Wirkliche Abhilfe schaffen kann hier nur eine Atemmaske. Über diese presst ein sogenanntes CPAP-Gerät (Continuous Positive Airway Pressure) Luft in die oberen Atemwege und kompensiert so allfällige Atemaussetzer. Die Wirkung dauert allerdings nur so lange an, wie das Gerät getragen wird. Als Alternative kommt in speziellen Fällen auch eine Operation infrage.

Das Leben geniessen

Peter Spycher indes hilft die Atemmaske, die er in der Nacht trägt. Seit er pensioniert ist, geht es ihm damit bestens. Er treibt Sport, geniesst das Leben. Und wenn er nachts aufwacht, steht er auf und checkt seine Mails oder löst morgens um vier Sudoku.

Dennoch schlafe er genug, ist Spycher überzeugt. Nun verteile er den Schlaf regelmässig. «Statt acht Stunden am Stück schlafe ich halt mehrmals einige wenige Stunden.»

Berner Zeitung

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