Im Reich der Emojis geht die Sonne nie mehr unter

Noch nie hat sich eine Sprachform schneller ausgebreitet als die Zeichenverständigung mit Emojis. Als Weltsprache ist sie heute schon bedeutender als Englisch.

Sprachbarriere? Etwas falsch verstanden? Mit den Emojis nähern sich digitale Chats der Gestik und Tonalität von Livegesprächen an.

Sprachbarriere? Etwas falsch verstanden? Mit den Emojis nähern sich digitale Chats der Gestik und Tonalität von Livegesprächen an. Bild: Fotolia

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Seit rund einem Monat fühlt man sich als Anwender von Whatsapp, SMS oder Instagram etwas vollständiger auf die Herausforderungen des modernen Lebens vorbereitet: Endlich kann man nämlich seine Nachrichten oder Posts nach Bedarf mit dem Emoji des gestreckten Mittelfingers befeuern – und das erst noch in sechs Hautfarben, als Schwarzafrikaner, Latino, Chinese, Inder, Araber oder Weisser.

Im Oktober hat Apple das Betriebssystem iOS 9.1 veröffentlicht und iPhone-Besitzerinnen und -Besitzer nicht nur mit dem Stinkefinger, sondern mit einem Satz von 150 weiteren neuen Emoji-Bildern beglückt. Dem Nerd mit Brille etwa. Oder der Rock-’n’-Roll-Hand.

So cool!

Wer glaubt, Emojis seien bloss ein lustiger Nebeneffekt des mobilen Kommunikationszeitalters, täuscht sich. Emojis sind gerade daran, die Mitte der Gesellschaft zu erobern, und sie verbreiten sich global in einem Tempo, wie es noch nie ein sprachliches Ausdrucksmittel gemacht hat. Deshalb gebietet die Beschäftigung mit Emojis wissenschaftlichen Ernst – glücklicherweise gepaart mit britischem Humor.

«Das naseschnäuzende Gesicht! Emojis sind so cool», textete Vyvyan Evans (47) jüngst auf Twitter, in heller Vorfreude auf die nächste Emoji-Erweiterung, die für Sommer 2016 vorgesehen ist. An sich ist er ein topseriöser Professor für Linguistik an der walisischen Universität von Bangor. Er befasst sich mit der staubtrockenen Frage, wie wir Menschen Meinungen entwickeln, während wir kommunizieren.

Pretty amazing!

Doch Evans, dessen dreitagebartumrandetes Gesicht ein schönes Emoji ergäbe, hat auch ein Flair für coole Auftritte ausserhalb des Elfenbeinturms: Bedeutet die rasante Ausbreitung der hieroglyphenähnlichen Emojis das Ende unserer Sprachentwicklung, die uns zurückkatapultiert in den finsteren Analphabetismus des linguistischen Mittelalters? Das fragte er sich tiefgründig in einem Forschungsprojekt. «Nein, im Gegenteil. Emojis werden von ihren Anwendern als Erweiterung der Sprache verstanden. Und das ist doch ziemlich erstaunlich», bilanziert Essayist Evans seine Erkenntnisse in renommierten Publikationen wie «Economist» oder «Guardian».

Quelle: Youtube.com/Bangor University

Kein Zeichen für Faulheit

Evans, der seine wissenschaftliche Sicht auf die Emojisierung in einem smarten 3-Minuten-Youtube-Video zusammenfasst, arbeitet an einem Buch mit dem Titel «Der Emoji-Code: Sprache und Zukunft der Kommunikation». Seine Untersuchungen bei britischen Smartphone-Usern zeigten, dass die Anwender den Emoticons eine präzise Funktion zuweisen – und zwar so: Wenn man face to face miteinander spreche, so Evans, verstärke oder verändere man die Bedeutung seiner Worte mit Gesten und der Modulation der Stimme.

In der digitalen Kommunikation fehlten diese Möglichkeiten – bis die Emojis kamen: Sie fügen den getexteten Pingpongunterhaltungen quasi eine Ton- und eine Gestenspur bei und machen sie einem Direktgespräch ähnlicher. Emojis hätten «gar nichts mit sprachlicher Bequemlichkeit zu tun», sagt Evans, sondern sie seien ein respektabler Effort, die Kommunikation effizienter zu machen.

Selbstverständlich, sagt Evans, könne man Emojis nicht als richtige Sprache bezeichnen: Englisch etwa habe über eine Million Ausdrücke, eine erwachsene englischsprachige Person verwende im Schnitt zwischen 30000 und 60000 Wörter – da könnten die gut 800 Emojis bei weitem nicht mithalten. Und selbst wenn geübtere Anwender heute mehrere Emojis hintereinander virtuos zu einer Aussage verketten, könne von einer Grammatik – unersetzbarer Bestandteil einer richtigen Sprache – nicht die Rede sein. Was die Emojis einer Sprache aber voraushaben, ist das Tempo ihrer Verbreitung: 2011 wurden von Apple erstmals im grossen Stil Emojis aufgelegt, ein erster Satz von etwa 700 Symbolen, die Android-Plattformen folgten 2013.

Heute haben die Emojis Englisch als globale Verständigungsform überholt.Weltweit besitzen derzeit allein gut zwei Milliarden Menschen ein Emoji-taugliches Smartphone. Gemäss den Untersuchungen von Evans benutzen 80 Prozent der Smartphone-User regelmässig Emojis – also mindestens 1,6 Milliarden Personen. Englisch sprechen weltweit bloss etwa eine Milliarde Menschen. Sechs Milliarden Emojis werden gemäss einer Schätzung von Evans pro Tag weltweit versandt oder gepostet, und man weiss, dass es kulturelle Unterschiede bei der Anwendung gibt: Franzosen posten am meisten Herzen, die Australier sind amtierende Weltmeister beim Verschicken von Emojis in alkoholischem Kontext – Sektflaschen, Bierhumpen oder Weingläser. Sprachbarrieren allerdings vermögen Emojis nicht zu bremsen: Während Englisch in 101 Ländern als offizielle Sprache gilt, «kann man die Emojis als erste wirklich globale Kommunikationsform bezeichnen», sagt Evans. Anders gesagt: Im Reich der Emojis geht die Sonne nie mehr unter.

Im Januar dieses Jahres haben die digitalen Ikonen ihre Unschuld verloren: Im New Yorker Stadtteil Brooklyn wurde ein Teenager wegen Terrorverdachts verhaftet. Zur Last gelegt wurde ihm ein Update seines Facebook-Profils, auf dem er Emoji-Pistolen auf einen Emoji-Polizisten gerichtet hatte. «Wir sind so weit, dass Emojis als Beweismittel vor Gericht zugelassen werden», kommentiert Evans mit einem Anflug von Ironie.

Das zeigt, dass es keine Banalität ist, die Emoji-Palette weiterzuentwickeln. Es waren japanische Ingenieure, die in den 1990er-Jahre erste Emojis entwickelten. Der Höhenflug der Ikonensprache begann aber erst 2010, als das kalifornische Unicode-Konsortium die Emojis unter seine Fittiche nahm . Das Unicode-Konsortium ist eine Non-Profit-Organisation, die den weltweit gültigen Kodierungsstandard für alle Schriftzeichen und Symbole festlegt. Unicode schafft damit die Grundlage, dass eine Kommunikation von Computer zu Computer oder von Smartphone zu Smartphone überhaupt möglich ist.

Kulturkampf um Kebab

In der Emoji-Welt ist Unicode damit so etwas wie eine globale Sprachpolizei. Jedes Jahr entscheidet das Gremium, welche Symbole aufgenommen werden – und längst ist die Debatte aufgeflammt, wie anmassend es sei, dass ein paar amerikanische Softwareingenieure den digitalen Ausdrucksvorrat diktierten. Das Konsortium hat sich ausführliche Guidelines zur Ernennung neuer Emojis gegeben – und mit der Einführung verschiedener Hautfarben Goodwill geschaffen. Trotzdem verstehen Türken nicht, warum es den Döner-Kebab im Gegensatz zu Taco und Burrito nicht als Emoji gibt. Tröstlich für sie, dass der Kebab ein heisser Favorit für die nur 38 Emojis umfassende Edition 2016 ist. Mit scharf.

Linguistikprofessor Evans ist überzeugt, dass die Emojis rasch in nicht private, berufliche Kommunikationsfelder vordringen werden – besonders, da mittlerweile Keyboards mit Emoji-Tasten auf den Markt kommen.

Bei Krankheit wird man sich künftig also nicht per Telefon oder Textnachricht beim Chef abmelden. Sondern mit dem naseschnäuzenden Gesicht, dem bandagierten Kopf oder dem Fiebermesser im Mund. So cool!

juerg.steiner@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.11.2015, 09:29 Uhr

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