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«Ich wäre auch erfolgreich, wenn ich hässlich wäre»

Die ehemalige Miss-Schweiz-Finalistin Xenia Tchoumi hat sich als Meinungsführerin in den sozialen Medien etabliert. Dort vermarktet sie äusserst erfolgreich Modeprodukte. «Schönheit hat nichts mit Erfolg zu tun», behauptet sie.

Xenia Tchoumi spricht im Falconeri-Laden in Bern über Schönheit, Erfolg und Feminismus.
Xenia Tchoumi spricht im Falconeri-Laden in Bern über Schönheit, Erfolg und Feminismus.
Andreas Blatter

Frau Tchoumi, Sie sind Onlineunternehmerin. Heute Abend ist es Ihre Aufgabe, bei der Er­öffnung der Modeboutique Falconeri in Bern gut auszu­sehen. Das ist doch langweilig? Von aussen sieht das, was ich mache, vielleicht einfach und glamourös aus. Aber es ist harte Arbeit. Damit sich Auftraggeber für mich interessieren, muss ich die Beziehung zu meinen Fans auf Facebook und Instagram intensiv pflegen. Mittlerweile habe ich fast acht Millionen Follower. Das schafft man nicht nur, indem man einfach gut aussieht. Es braucht noch andere Talente.

Welche? Das Wichtigste ist, dass man ein inneres Feuer verspürt für das, was man tut. Ich liebe Mode und Technologie. Mode ist für mich Kunst. Und technische Geräte ­sowie neue Medien haben mich schon immer fasziniert. Deshalb gefällt es mir, jeden Tag damit zu arbeiten – von dem Augenblick an, in dem ich aufwache, bis spät in die Nacht. Um sich als Markenbotschafterin in den sozialen ­Medien zu etablieren, muss man aber auch gern kommunizieren und auf andere Menschen zu­gehen können.

Sie haben Betriebswirtschaft studiert. Vermissen Sie das Intellektuelle in Ihrem Job? Glauben Sie denn, ich brauche meinen Kopf nie? Ich benötige ihn, wenn ich Verträge aushandle oder grosse Firmen bei ihrer Strategie in den sozialen Medien berate. Ich spreche auch regelmässig an Konferenzen. Was ich mache, ist ein richtiger Job, zu dem auch Kopfarbeit gehört.

Sind Sie Feministin? Ich weiss nicht, ob das der richtige Begriff ist. Aber ich verstehe mich als unabhängige, starke Frau. Gleichzeitig finde ich, ­Frauen sollten sich nicht wie ein Mann benehmen müssen, um respektiert zu werden. Und wenn Leute über eine Frau sagen, sie sei nur erfolgreich wegen eines Mannes an ihrer Seite, dann stört mich das sehr. Das ist Sexismus.

Ärgert es Sie, wenn man über Sie denkt, dass Sie Ihren Erfolg nur Ihrer Schönheit verdanken? Es ärgert mich nicht. Aber ich korrigiere dies sofort, wenn jemand so denkt. Auch ich musste kämpfen. Nichts fällt einem einfach so in den Schoss.

Ohne Ihre Schönheit könnten Sie diesen Job nicht machen. Das ist so nett von Ihnen, dass Sie meine Schönheit so betonen. Ich glaube: Ich wäre auch erfolgreich, wenn ich hässlich wäre. Einfach auf einem anderen Gebiet.

Welchem? Ich weiss es nicht. Vielleicht in der Wissenschaft, in der Medizin oder in der Politik. Ich wäre ein anderer Mensch. Trotzdem bin ich überzeugt: Schönheit ist zwar etwas Fantastisches, für das man dankbar sein muss, aber es ist nur ein Aspekt im Leben eines Menschen. Schönheit hat nichts mit Erfolg zu tun. Abgesehen davon ist es gar nicht ideal für meinen Job, zu gut auszusehen.

Jetzt übertreiben Sie. Weshalb denn? Weil es in den sozialen Medien wichtig ist, dass sich die Leute einem verbunden fühlen. Zu perfekte Menschen kommen weniger gut an. Ab und zu muss ich deshalb darauf achten, dass ich einen natürlicheren Look zeige.

Was für ein Privileg, wenn man sich bemühen muss, damit man nicht zu perfekt aussieht! Spüren Sie manchmal Neid? Ich bin gar nicht perfekt. Neid kommt vor. Aber ich bedaure es sehr. Frauen sollten andere Frauen unterstützen. Ich gebe meinen Freundinnen und Businesskolleginnen offen die Kontakte zu anderen Marken oder Agenturen weiter. Wenn eine einen Job bekommt, den ich wollte, versuche ich zu denken: «Okay, das nächste Mal klappt es bei mir.» Ich sage mir dann auch, dass sie eine Türe öffnet für alle anderen Frauen.

Das klappt? Ja. Ich glaube, es hat Platz für alle. Es ist kein Nullsummenspiel. Man muss einfach sein Bestes geben. Dann kommt automatisch das, was am besten zu dir passt.

Welche Rolle spielte Neid, als Sie vor elf Jahren nicht zur Miss Schweiz gewählt wurden, sondern die herzlicher wirkende Christa Rigozzi? Warum immer diese alte Frage?! Was damals in der Schweiz passiert ist, hat überhaupt keine Relevanz für mein heutiges Leben.

Doch, es hat einen gewissen Zusammenhang. Sie würden heute wahrscheinlich ein anderes Leben führen. Vielleicht. Ich bin froh, dass ich nicht gewonnen habe, obwohl mir das niemand glaubt.

Warum sind Sie froh? Weil ich mein Studium in Betriebswirtschaft beginnen wollte. Als Miss Schweiz hätte ich ein Jahr meines Lebens in diesen Job investieren müssen. Das realisierte ich erst, nachdem ich mich zum Wettbewerb angemeldet hatte. Bei den ersten Trainings wurde mir klar, wie gross die Aufgabe und Verantwortung einer Miss Schweiz ist. Der zweite Platz war super für mich – ich bekam Jobangebote, konnte aber gleichzeitig mein Studium ohne Zeitverlust beenden.

Nach Ihrem Studium arbeiteten Sie kurz in der Finanzindustrie. Weshalb haben Sie aufgehört? Die Arbeit in einem grossen Unternehmen war mir zu strukturiert, und ich konnte zu wenig selbstständig handeln und entscheiden.

Haben Sie in der männer­dominierten Finanzwelt Sexismus erlebt? Ja, aber vor allem indirekt. Bereits bevor ich mein Praktikum bei der Bank JP Morgan Chase in London angetreten habe, hatten alle gewusst, dass jetzt ein Model kommt. Das war das Gesprächsthema Nummer eins.

Und dann wollten alle mit Ihnen ausgehen? Nein, gar nicht. Die hatten alle Angst vor mir.

Wie bitte? Weil alle von mir sprachen. In der dortigen Unternehmenskultur verlieh mir dies einen hohen Status. Das stresste mich. Ich wusste, dass ich viel lernen musste, und jetzt schauten mir alle dabei zu. Medien weltweit – sogar CNBC in den USA – berichteten über das Model, das jetzt bei JP Morgan Chase ein Praktikum macht.

Die Medien fanden das so aussergewöhnlich? Ja, die dachten, das sei gar nicht möglich.

Und Ihre Kollegen bei JP Morgan Chase? Die waren sehr fair und nahmen mich ernst.

Dann waren erschreckenderweise vor allem die Medien sexistisch. Sie haben dieses Jahr vor der UNO in Genf zur Er­mächtigung von Frauen geredet. Wie kam es dazu? Ich bin eine Selfmade-Woman und wurde deshalb angefragt. Es ging darum, zu zeigen, wie eine Frau im Internet ein Geschäft aufziehen kann. Ich bin in der Folge auch Botschafterin der Plattform Shetrades.com geworden. Die Plattform richtet sich an Geschäftsfrauen vorwiegend in Entwicklungsländern, die ihre Dienstleistungen und Produkte grossen Firmen anbieten möchten. Mein Job ist es, der Plattform Aufmerksamkeit zu verschaffen. Bisher haben 800'000 Frauen einen Kauf abschliessen können, das Ziel wäre eine Million bis 2020. So wie es aussieht, werden wir dieses sogar übertreffen.

Was raten Sie jungen Frauen, die von einer ähnlichen Karriere träumen, wie Sie sie haben? Es braucht in erster Linie Hartnäckigkeit und gute Inhalte in den sozialen Medien. Wichtig ist auch, dass man sich für ein Thema entscheidet: Mode, Küchen, Fitness. Was ist deine Leidenschaft? Dann sollte man sich eine Zusammenarbeit suchen mit einer Marke, damit man lernt, wie die Beziehung zur Marke und zu den Fans im Internet funktioniert. Wichtig ist auch, zu ver­stehen, wer einem in den sozialen Medien folgt und warum.

Machen Sie dazu Analysen? Aber sicher. Hier in Bern werbe ich ja für die Falconeri-Boutique. Über die sozialen Medien kann ich genau herausfinden, wer sich besonders für diese Marke interessiert. Das bringt dem Auftraggeber viel mehr als ein Inserat in einer Modezeitschrift. Es gehört zu meinem Job, solche Informationen zu sammeln.

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