Ich verachte meine Freundin – was soll ich tun?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Beziehungsführung.

Wie weiter, wenn man sich liebt, aber auch verabscheut? Foto: Keystone

Wie weiter, wenn man sich liebt, aber auch verabscheut? Foto: Keystone

Peter Schneider@PSPresseschau

Ich bin 57 und habe eine Freundin (52). Ich habe studiert und einen anspruchsvollen Beruf. Sie war Hausfrau und ist nun Verkäuferin. Sie war das Leben lang intellektuell anspruchslos und faul – und nun profitiert sie von mir. Ich empfinde oft eine tiefe Verachtung für sie. Trotzdem mag ich sie. Raten Sie mir, die Freundschaft aufzulösen? (Dann wäre ich aber sehr allein.)
D.B.

Lieber Herr B.

Verachtung ist ein Gefühl, das eine Freundschaft am tiefgreifendsten vergiftet und zerstört. Man kann für Verachtung nicht einmal um Entschuldigung bitten, ohne die Verachtung dadurch nicht noch einmal zu bestätigen. Mir scheint aber, Sie verachten auch sich selbst für Ihre Abhängigkeit, dafür, dass Sie so viel geben, nur um nicht allein zu sein. Und empfinden es dann als ungeheure Ungerechtigkeit, dass Sie so viel geleistet haben – und am Ende auf die Zuwendung von jemandem angewiesen sind, der nichts dergleichen getan hat. Der – überpointiert formuliert – nicht nur von Ihren Stärken, sondern auch von Ihrer Schwäche (der drohenden Einsamkeit) profitiert.

Wenn Sie weiter befreundet und nicht allein sein wollen, können Sie es mit dem Gedankenexperiment einer Perspektivenänderung versuchen. Stellen Sie sich vor, Ihrer Freundin geht der ganze Kulturkram vielleicht sogar am Arsch vorbei. Sie bedauert es zwar, im Materiallager unterfordert zu sein, aber so unterfordert, dass sie stattdessen Stammgast der Volkshochschule werden möchte, nun doch auch wieder nicht. Sie hat einfach Freude an Ihren Ideen, Ihrem Wissen, weil es Ihres ist.

Kurz: Sie geniesst Ihre Aktivität einerseits und ihre eigene Passivität andererseits. Vielleicht macht ihr sogar ihre Anhänglichkeit Mühe, so wie Ihnen Ihre Abhängigkeit. Stellen Sie sich vor, Sie beide würden sich damit abfinden, dass Sie der intellektuelle Sugar-Daddy sind und Ihre Freundin – eben Ihre Freundin, die es mag, hinter Ihnen herlaufen zu können. Warum sie nicht Ihrerseits dafür mögen, dass sie es tut?


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

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