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«Hier macht sich einer unterhaltsam zum Affen»

4,52 Millionen Menschen verfolgten am TV, wie ein deutscher Journalist zum Alkoholiker wird und im Dauerrausch versinkt. Nun fragt sich die Öffentlichkeit: Ist das Aufklärung oder Sensationsjournalismus?

«Alkohol ist echt eine heimtückische Droge»: Das Fazit von Jenke von Wilmsdorff nach seinem dreiwöchigen Selbstversuch. (Bild: RTL)
«Alkohol ist echt eine heimtückische Droge»: Das Fazit von Jenke von Wilmsdorff nach seinem dreiwöchigen Selbstversuch. (Bild: RTL)

Statt mit Milch isst er die Cornflakes mit Rotwein, statt Omelette gibts Eierlikör, statt eines Kaffees am Morgen ein paar Bier: Vier Wochen lang wollte der deutsche Journalist Jenke von Wilmsdorff das Leben als Alkoholiker testen. Während 28 Tagen wollte er seinen Körper dazu in einen dauerbetrunkenen Zustand versetzen, begleitet von TV-Kameras und unter ärztlicher Aufsicht. Er wolle herausfinden, ob und wie exzessiver Alkoholkonsum seine Gesundheit beeinträchtige, so von Wilmsdorff. Ausgestrahlt wurde der Selbstversuch am Montagabend auf RTL – «um vor den Folgen des Alkohols zu warnen», so der deutsche TV-Sender.

Vor den Augen der TV-Zuschauer verwandelt sich von Wilmsdorff vom normalen 47-Jährigen in einen körperlich und psychisch angeschlagenen Alkoholiker, deprimiert und verkatert. Nach drei Wochen schliesslich bricht sein Arzt das Experiment ab – weil sich beim Journalisten eine Geschwulst im Enddarm bildete. «Jetzt ist ein Endpunkt erreicht», so der Mediziner.

«Vollkommen unangemessen»

Das Zuschauerinteresse am Jenke-Experiment war riesig: 4,52 Millionen Menschen schauten zu, wie von Wilmsdorff zum Suchtkranken wurde, das Medienecho war gross. Doch die Show rief auch Kritiker auf den Plan: Journalisten und Expertenstellen kritisieren die Darstellung von Alkoholismus in der Sendung. «Es ist aus meiner Sicht vollkommen unangemessen, auf diese Art und Weise mit dem Schicksal Alkoholsucht umzugehen», sagte der deutsche Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr bereits vor Ausstrahlung der Sendung.

Auch die deutsche Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) kann dieser Art der Aufklärung nicht viel abgewinnen. Es sei falsch, das Rauschtrinken im Fernsehen zu popularisieren und so zum Nachahmen zu animieren, so eine Pressesprecherin gegenüber der «Westdeutschen Zeitung». «Das ist populistischer Unsinn», sagt ein Neurologe und Wissenschaftsjournalist.

Der TV-Sender RTL verteidigt sich: Im Beitrag kämen schliesslich auch ehemals alkoholkranke Menschen zu Wort sowie Kinder, deren Mütter alkoholabhängig seien. Doch es gehe bei der Sendung nicht darum, sich in die Probleme suchtkranker Menschen einzufühlen, schreibt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ), sondern darum, «dass sich einer unterhaltsam zum Affen macht». Von Wilmsdorff spiele den Suchtkranken schliesslich nur. Sich «in einer Transvestitenbar an den Rand des Komas zu saufen, halb entblösst auf der Bühne herumzuflippen und umzukippen», das sei keine Aufklärung, das sei nichts anderes als eine «grelle Selbstdarstellungsshow».

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