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Hat es einen tieferen Sinn, dass wir träumen?

Die Neurowissenschaften haben wieder einmal herausgefunden, dass unsere Träume nur ein zufälliges Neuronengewitter sind. Kann die Psychoanalyse daran festhalten, dass Träume eine tiefere Bedeutung haben?

Eines haben Neurowissenschaften und Psychoanalyse immerhin gemein. Sie teilen eine Rhetorik der Desillusionierung: Immer dachten wir, dass X Y sei, in Wahrheit ist X aber Z. Freud argumentiert – u. a. mit Autoren der Antike und mit Bezug auf den Volks(aber)glauben –, dass Träume sinnhafte Gebilde sind. Sie werden verständlich, wenn man sie in ein Modell des Unbewussten einfügt. Einige der heutigen Neurowissenschaftler drehen den Spiess nun wieder um, indem sie das Träumen in den Rahmen eines anderen Modells setzen. In das Modell im Lauf der Evolution entwickelter Hirnfunktionen nämlich, wo der Traum eine Leistung höher entwickelter Säugetiere ist, welche der Anpassung an komplexe Umweltbedingungen dienlich zu sein scheint. Aus dieser Perspektive verliert der Begriff des «unbewussten Sinns» seine Erklärungsfunktion.

Möglicherweise ergeben sich ja Analogien zu Freuds allgemeiner Bestimmung des Traums als «Hüter des Schlafs» (der Traum wandelt störende Eindrücke und Wünsche zu entstellten, bewusstseinskompatiblen Wunscherfüllungen um), aber ansonsten scheint der Streit um Sinn oder Nichtsinn des Traums so ergiebig zu sein wie eine Debatte, ob Michelangelos David «in Wirklichkeit» aus der Renaissance oder aus den Marmorsteinbrüchen von Carrara stammt.

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