Geschichten, die das Leben erzählt

Sie sind Orte der Erinnerung, damit Wissen nicht verloren geht. Gleichzeitig wirken Erzählcafés verbindend und gesundheitsfördernd. Eine kompetente Moderation ist wichtig an einem solchen Treffen.

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Besuch im Erzählcafé: An diesem Montag sind Heimweh- und Fernwehgeschichten Thema. Es fallen Sätze wie «Ich habe gelitten wie ein Hund» oder «Erst jetzt im Alter weiss ich, wie sich Heimweh anfühlt». Das andere Weh nach der Ferne kennen hingegen alle. Einer erzählt, wie er aus Fernweh mit 23 Jahren auf einem Hochseefrachter anheuerte.

«Wenn wir draussen waren, hatten wir Heimweh nach dem Hafen und den Frauen – nach zwei Wochen auf dem Festland trieb uns die Sehnsucht nach Weite wieder hinaus.» – «Längi Zyt» treffe besser, wonach man sich sehne, sagt eine Frau und schildert, wie sie mit 25 nach Kanada auswanderte. Es sind bewegende, komische und tiefsinnige Geschichten, die an diesem Nachmittag erzählt und gehört werden.

Erinnerungen verbinden

Ursprünglich kam die Idee für Erzählcafés aus England, der Trend erreichte die Schweiz 2004. Heute gibt es Dutzende von Angeboten: in der Quartierarbeit, im Gesundheitsbereich, als Kulturveranstaltung. Am häufigsten werden Erzählcafés in der Altersarbeit eingesetzt – von Seniorengruppen selber, von Gemeinden oder von Kirchen.

In Bern bietet das «Collegium 60plus», eine Dienstleistung für Senioren und Seniorinnen der Region Bern/Solothurn, seit zwei Jahren ein Erzählcafé an. Leiterin Susanna Schöni sagt, dass die Themen meist von den Teilnehmenden selber vorgeschlagen würden: Im letzten Erzählcafé von Ende März ging es um «Farben».

Die Gerontologin begleitet seit gut zehn Jahren Erzählcafés, unter anderem auch an einer Volkshochschule. «Ein wichtiger Aspekt ist die Erinnerungspflege, doch mit möglichst vielen Blickwinkeln auf das Thema, damit ein breiter Erzählbogen entsteht», erklärt die 76-jährige Fachfrau.

«Erlebtes mit anderen zu teilen, stärkt das Selbstbewusstsein und vermittelt ein Gemeinschaftsgefühl.»Susanna Schöni, Gerontologin

Sie ist überzeugt: «Erlebtes mit anderen zu teilen, stärkt das Selbstbewusstsein und vermittelt ein Gemeinschaftsgefühl.» Das machen sich heute auch Gemeinden zunutze, so lädt zum Beispiel Belp ältere Mitbewohner zum Erzählen ins Schloss ein.

Im Erzählcafé gelten klare Regeln: Erzählen ist freiwillig; wer erzählt, wird nicht unterbrochen, ausser man schweift vom Thema ab; es werden keine Bewertungen oder Kommentare abgegeben; alle Geschichten sind vertraulich. Mit der Unterstützung von Migros-Kulturprozent entstand vor drei Jahren das Netzwerk Erzählcafé Schweiz.

Es stellte eine «Charta für sorgsam moderierte Erzählcafés» zusammen. Johanna Kohn, die zu den Gründerinnen des Netzwerks gehört, erklärt: «Es geht um die Gestaltung der Gegenwart und der nahen ­Zukunft aus der Vergangenheit ­heraus.»

Weil Lebensgeschichten oft auch sehr persönlich sind, braucht es eine einfühlsame und fördernde Moderation. Die Universität Freiburg bietet den Nachdiplomstudiengang «Lebenserzählungen und Lebensgeschichten» an. «Im Zentrum des Lehrgangs steht die Lebenserzählung als Weg der Erkenntnis, des Erschaffens von Sinn, Wissen und Möglichkeiten auf individueller und gesellschaftlicher Ebene», heisst es in der Ausschreibung.

Erzählen erhält gesund

Heute zeigen Forschungsergebnisse, dass das Erzählen auch einen Gesundheitseffekt hat: Zum einen bilden es ein soziales Gruppenbewusstsein, zum andern bietet es die Gelegenheit, sich über das persönliche Erlebnis zu zeigen und wahrgenommen zu werden.

In einem Altersheim stellte eine Pflegerin fest, dass nach einer Erzählrunde der Bedarf an Beruhigungs- und Schlafmitteln zurückging. Das Netzwerk Erzählcafé Schweiz organisiert jährlich ein Werkstattgespräch. Im Februar 2017 fand es zum Thema «Macht Erzählen gesund?» statt.

Über 100 Personen nahmen teil, viele mit dem Interesse, selber ein Erzählcafé zu gründen. «Die Erfahrungen zeigen, dass das biografische Erzählen gesundheitsfördernd wirken kann, es hängt allerdings auch stark davon ab, ob die Erzählcafés kompetent moderiert werden», so Johanna Kohn vom Netzwerk.

«Erzählen befreit und kann glücklich und zufrieden machen.»Teilnehmerin an einem Werkstattgespräch im Café Mondial Zollikofen

Einer, der die Wirkung auf die Gesundheit erprobt hat, ist der Berner Hausarzt Michael Deppeler. Er führte vor zwölf Jahren in Zollikofen das Erzählforum für Patienten ein. Es bietet die Möglichkeit, Erlebnisse und Erfahrungen auszutauschen. Nach und nach begannen sich Fachpersonen aus Medizin und Politik für die Erzählrunden zu interessieren.

«Erlebte Geschichten wirken wie ein Band, das Zuhörende einbindet und verpflichtet», weiss der Arzt. «Immer wieder stiessen die Erzählungen von Patienten Veränderungen an, und das Misstrauen gegenüber der Medizin nahm ab.» Später war Deppeler Mitinitiant beim Café Mondial – einen Ort, wo Einheimische und Fremde ihre Lebensgeschichten austauschen können.

Nach dem Werkstattgespräch hielt eine Teilnehmerin fest: «Für mich war es eine Bestätigung meiner ‹Felderfahrung›: Erzählen befreit und kann glücklich und zufrieden machen.»

Berührende Geschichten

Erzählen ist nicht zuletzt eine Kulturtechnik. Im 18. Jahrhundert gaben zahlreiche private Kultursalons den Anstoss, das eigene Leben als erzählenswert zu betrachten. Der Austausch von Lebensereignissen wirkt verbindend. Dieser Aspekt macht sich in Bern der Verein Quartier 3012 zunutze.

Den Einstieg in das Erzählcafé machen immer Menschen von nebenan: der Schuhmacher, der in dritter Generation an der Länggasse Schuhe flickt; die Betreiber des Hallerladens, eines der ersten Biomärkte der Schweiz; eine Gruppe junger Menschen, die ein Gebäude in Zwischennutzung bewohnen.

Im Anschluss können die Teilnehmenden Eigenes erzählen, 15 und mehr Personen, junge und ­ältere, kommen jeweils an die abendliche Quartierveranstaltung. Leiterin Susanne Gerber: «Der Bezug zum Quartier ist eine Motivation, wir fragen für den Einstieg bewusst keine berühmten Leute, sondern stellen Orte und Tätigkeiten ins Zentrum.»

Woher kommt die Faszination für Lebensgeschichten? Das fragte ich am Ende meines Besuchs im Erzählcafé einige Teilnehmer. Eine Antwort: «Die Geschichten berühren uns, weil sie wahr sind. Und sie wecken Erinnerungen an Orte oder Ereignisse, die es nicht mehr gibt.» Als grosse Bereicherung beschreibt eine Frau auch das Zuhören: «Denn alle Geschichten runden sich mit der Zeit zu Lebensbildern, in die man immer mehr eintaucht.»

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