Für diese Jobs brauchts ein Asperger-Syndrom

Die meisten Angestellten von Specialisterne sind Autisten oder haben ein Asperger-Syndrom. Das Unternehmen in Bern ist nicht das einzige, das gezielt Personen mit Dia­gnosen aus dem Autismus-Spektrum anstellt.

Gerhard Gaudard bezeichnet seine Stelle beim Unternehmen Specialisterne als Glücksfall.

Gerhard Gaudard bezeichnet seine Stelle beim Unternehmen Specialisterne als Glücksfall.

(Bild: Tanja Buchser)

Im Büro von Gerhard Gaudard fehlt eine Lampe. «Ich benötige kein Licht», sagt er. Licht störe ihn sogar. Der 40-Jährige arbeitet als IT-Supporter und Projekt­koordinator bei Specialisterne in Bern.

Das Unternehmen bietet Dienstleistungen in Informatik und im Backoffice an. Von den 20 Mitarbeitenden haben 15 eine Störung aus dem Autismus-Spek­trum. Gerhard Gaudard hat die Diagnose Asperger-Syndrom im Jahr 2011 erhalten. Noch im gleichen Jahr begann er bei Specia­listerne zu arbeiten.

Specialisterne sucht gezielt Fachleute mit Asperger oder ­Autismus. Der Firmenname ist dänisch und bedeutet Spezialisten. Das Unternehmen will anspruchsvolle Dienstleistungen in hoher Qualität anbieten und gleichzeitig begabte Menschen aus dem Autismus-Spektrum in die Gesellschaft eingliedern.

Die Mitarbeitenden erledigen die Aufträge entweder bei den ­Kunden vor Ort oder in den ei­genen Specialisterne-Räumlich­keiten in Bern.

«Normal» gelebt

Für Gerhard Gaudard ist der Job ein Glücksfall, er habe so wieder ins Leben zurückgefunden, sagt er. Vor der Diagnose lebte er 35 Jahre lang «als Normaler» – «obwohl ich nicht normal war», wie er sagt. Beim jetzigen Arbeitgeber kann der gelernte Chemielaborant, der die höhere Fachschule Informatik absolviert hat, in seinem Tempo arbeiten.

Das ist manchmal schneller und manchmal langsamer als jenes gewöhnlicher Angestellter. Gaudard weiss: «Hier ­sage ich nicht die falschen Wörter, hier muss ich mich nicht anpassen, hier muss man nicht mit zum Mittagessen.» Und es ist normal, dass es in seinem Büro dunkler ist als an anderen Arbeitsplätzen.

Gerhard Gaudard versteht Computer und generell Maschinen gut, ihre Funktionsweise ist für ihn manchmal einfacher zu durchschauen als jene von Menschen. Dass Asperger-Betroffene vor allem technische Berufe wählen, ist kein Zufall.

In der Regel macht ihnen nicht die Fach-, ­sondern die Sozialkompetenz zu schaffen. Die soziale Interaktion bereite Personen mit Asperger Probleme, sagt Specialisterne-Geschäftsführer Thomas van der Stad.

Keine einzig richtige Lösung

Specialisterne ist nicht die ein­zige Firma, die gezielt Personen aus dem Autismus-Spektrum anstellt. Es gibt zahlreiche Unternehmen in der Schweiz und weltweit, die fast ausschliesslich Autismus- oder Asperger-Betroffene beschäftigen. In der Regel sind sie im IT-Bereich angesiedelt.

Dem Geschäftskonzept zum Trotz: Wenn an einem Ort nur Personen mit Autismus arbeiten, so erscheint das auf den ersten Blick als das pure Gegenteil von Integration. Wären für eine ­gelungene Eingliederung nicht stattdessen mehr Arbeitsstellen bei sogenannt gewöhnlichen ­Firmen nötig, wo Betroffene und Nichtbetroffene zusammen arbeiten?

Bei der beruflichen Integration gebe es nicht eine einzig richtige Lösung, sagt dazu Er­nesto Kobelt vom Kompetenzzentrum für berufliche Integration Appisberg in Männedorf. Das Zentrum bildet auch Menschen aus dem Autismus-Spek­trum aus.

Die Integration in den Arbeitsmarkt müsse individuell gestaltet werden, so Kobelt, der am Appisberg den Bereich Abklärung leitet. Deshalb seien auch verschiedene Formen und Wege nötig. Die medizinische Diagnose allein tauge nicht als Anleitung, wie der berufliche Weg zu verlaufen habe.

Es gebe Menschen, die sich nie in einem Arbeitsteam eines Unternehmens zurechtfinden könnten, so Kobelt. Für sie seien auf Asperger ausgerichtete Betriebe wie Specialisterne definitiv die bessere Lösung. So könnten sie im ersten Arbeitsmarkt bestehen und ihre Fachkompetenz einbringen, die in einem ­anderen Arbeitsteam gar nicht zum Zuge käme.

Anderen Personen aus dem Autismus-Spektrum sei es durchaus möglich, in einem gewöhnlichen Betrieb zu arbeiten und sich in ein Team einzufügen. Damit dies gelinge, sei ein Coaching für Vorgesetzte und Mitarbeitende aber hilfreich.

Das Team müsse die Eigenheiten der Betroffenen verstehen und akzeptieren lernen, und allenfalls müsse es ihnen einen Einzelarbeitsplatz oder spezielle Arbeitsweisen zugestehen. Kobelt erzählt, wie er selbst gelernt habe, sich gegenüber ­Asperger-Betroffenen möglichst klar und unmissverständlich auszudrücken, als er realisierte, wie wörtlich sie auffassten, was er sagte.

Appisberg-Geschäftsleiter Markus Krämer kennt das. Ein Betrieb müsse sich auf eine ein­fache und klare Kommunikation besinnen, womit im Übrigen letztlich allen Angestellten gedient sei.

«Es gelten die Kundenregeln»

Specialisterne wird selbst zwar nicht von der IV unterstützt, arbeitet aber räumlich, inhaltlich und personell mit der Stiftung Autismuslink zusammen, die IV-Beiträge erhält. Das Unternehmen beansprucht für sich keinen geschützten Rahmen, was die Leistung betrifft.

Von den Auftraggebern würden sie mit normalen Massstäben gemessen, sagt Gerhard Gaudard. Einen ­Behindertenbonus solle es nicht geben. Daran hält er sich auch bei Kundenkontakten. «Dann kann ich nicht einfach sagen, ich bin der Autist», stellt er klar. «Bei Kunden gelten ganz klar deren Regeln.»

Er kennt diese Regeln gut, auch wenn sie für ihn nie selbstverständlich waren. Er hat sich Kommunikationsregeln angeeignet wie eine Fremdsprache. «Meine Partnerin sagt, manchmal merke man, dass meine Gestik antrainiert ist.» Reden empfindet er als anstrengend, «ich kann es nicht so intensiv wie ihr», sagt er im Gespräch.

Dies erstaunt, denn es gab schon einige Medienberichte über ihn, in welchen er bereitwillig über seinen Arbeitgeber Auskunft gab. Er ­erklärt, worin die Schwierigkeit liegt: Manchmal unterbreche er jemanden zu schnell, manchmal sage er gar nichts, weil er nicht intuitiv reagieren könne. Manchmal gebe er viel zu viele Infos, zum Beispiel: «Ihr wollt wissen, welche Zeit wir haben, und wir ­erklären euch, wie die Uhr auf­gebaut ist.»

In seinem «alten Leben» – so nennt er die Zeit vor der Diagnose – passte er sich an, so gut es ging. Das raubte Energie, irgendwann waren die Batterien leer. Es folgte der Zusammenbruch und dann die Diagnose Asperger-Syndrom. «Bis dahin wusste ich nicht einmal, dass es das gibt.» Er habe herausfinden müssen, wer er eigentlich sei. Heute passe er sich weniger an und spiele nichts mehr vor. Specialisterne gewähre ihm diese Freiheit.

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