Frauen lechzen nach Billigstoff

Hintergrund

Vier Studierende wollen die Ladenkette Primark in die Schweiz bringen. Das ist typisch für den Anbieter von Billigstmode, der ganz auf die Euphorie seiner Anhängerinnen in Europa setzt.

  • loading indicator

Es gibt Orte, da geht man als erwachsene Person hin und fühlt sich komplett daneben. Es hat Hunderte von aufgeregten weiblichen Teenagern mit glänzenden Augen, Tausende von Kleidern in allen möglichen und unmöglichen Farben und Materialien und gefühlte kilometerlange Schlangen vor den Garderoben. Willkommen in der Welt von Primark, dem vermeintlichen Nirwana für Teenager und dem Ort des Schreckens für die Eltern im Schlepptau. (Lesen Sie auch: «Mit den Friends in der Umkleidekabine»)

Dennoch trifft man in den europäischen Filialen des Konzerns zahlreiche Schweizer Mütter mit genervtem Blick. Sie stehen in den Läden herum, machen sich nützlich als Schlepperinnen der gehorteten Schätze und liefern auf Handybefehl den Nachschub direkt zur Garderobenschlange. Und fragen sich, wo genau sie versagt haben, dass der Höhepunkt einer Städtereise ein Besuch in diesem Tempel der Billigmode ist. Nicht der Big Ben, sondern der Primark in der Oxford-Street ist das wahre touristische Highlight für Jugendliche. Dafür schlagen die auch schon mal einen Familienausflug nach Karlsruhe vor, weil dort eine der 256 europäischen Filialen steht. Vor Ort deutet die Dichte der Papiersäcke mit dem hellblauen Aufdruck auf die Nähe zum Objekt der Begierde hin.

Für Mädchen zwischen 12 und 20 Jahren

Die Schweiz fehlt noch. Das wollen vier Studierende mit ihrer Projektarbeit ändern, wie «20 Minuten» als Titelstory verkündete. Die Tatsache, dass eine solche Nachricht mehr als eine Fussnote wert ist, zeigt die Relevanz des angekündigten Ereignisses innerhalb der Zielgruppe. Die Community – mehrheitlich Mädchen zwischen 12 und 20 Jahren – ist mit Herzblut dabei. Sie informiert sich auf den entsprechenden Styling-Plattformen über Neueröffnungen und gibt die Tipps zu Filialen in ganz Europa weiter.

So können auch die vier Studierenden bereits mehr als 14'000 Fans auf der entsprechenden Facebook-Site zählen. Sie leisten Fronarbeit für einen Grosskonzern, der 1969 in Dublin gegründet wurde und die entsprechenden Abklärungen mit Sicherheit schon getroffen hat. Auf teure Werbung verzichtet die erfolgreiche Ladenkette praktisch gänzlich und verweist auf der eigenen Website stolz darauf: «Wir haben keine Werbekosten, stattdessen vertrauen wir auf die Mund-zu-Mund-Propaganda unserer Kunden.»

Wo das T-Shirt weniger kostet als ein Kaffee

Wo das T-Shirt weniger kostet als der Starbucks-Kaffee und die Accessoires und Unterwäsche für den Preis eines Gipfelis zu haben sind, da ist das Paradies für Teenager. Sie kaufen wie im Rausch. Davon zeugen die Berge von Kleidern, die an den Kassen aufgetürmt werden und die kleinen Noten, die dafür den Besitzer wechseln. Es lohnt sich auch kaum, die zu probieren, und der Impuls, auf dem Weg zur Kasse noch einige Stücke direkt in den Einkaufskorb zu hieven, ist gross. Und so bringt die schiere Masse den Profit.

Die hektische Shopping-Atmosphäre gehört zum Konzept und führt dazu, dass auf Blogs Tipps ausgestauscht werden, wie man sich strategisch am besten verhält bei einem Einkauf. Sie verleitet zu Käufen, und manch eine Konsumentin gibt gern zu, dass sie hier Teile kauft, die sie unter Umständen gar nie trägt – Wegwerfmode also. Dass für die tiefen Kosten anderswo ein hoher Preis bezahlt wird, dafür haben die Shopperinnen wenig Verständnis. (Lesen Sie dazu auch: «Wenn Geiz nicht mehr geil ist»).

Von Frauen für Frauen

Produziert wird von Primark zu einem grossen Teil in Bangladesh, wie das Unternehmen in den FAQs ausführt. Dabei setzt man nicht auf eine eigene Fabrikation, sondern beauftragt damit Drittanbieter. Dazu gehörte auch die Fabrik, die dieses Jahr in Bangladesh einstürzte und mehr als tausend Beschäftigte das Leben kostete. Primark reiht sich damit lückenlos in eine Reihe von Konzernen, die in Bangladesh oder auch Kambodscha zu billigsten Preisen produzieren lassen.

Von Frauen für Frauen, aber unter gänzlich unterschiedlichen Vorzeichen. Mit ihren Namen sind die Firmen vor Ort in der Regel nicht vertreten, das passt schlecht zum Markenauftritt, der in der Regel gut gepflegt wird. Allein die Billiganbieter an den Pranger zu stellen, greift allerdings zu kurz, auf dem Russenmarkt in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh ist auch die Ausschussware edler Brands wie Burberry oder Tommy Hilfiger zu finden, die vor Ort verkauft wird. Verzückte Jüngerinnen als Botschafterinnen.

Die wenigen kritischen Kommentare auf der Facebookpage von Primark Schweiz lösen kaum Echo aus. Der Appell ans Gewissen der Käuferinnen verhallt kommentarlos. Lieber posten die Jüngerinnen des Konsums verzückte Liebeserklärungen, machen sich für ihre Heimatstadt als Standort stark und sind entzückt, dass sie künftig nicht mehr nach Frankfurt oder Karlsruhe reisen müssen, um die billigen Klamotten zu erstehen. Echte Bedenken werden nur bezüglich der Preise geäussert, von denen man fürchtet, dass sie in der Schweiz höher als im restlichen Europa ausfallen und das T-Shirt im schlimmsten Fall mehr als 5 Franken kostet.

Der Preis kommt vor der Moral

Wegwerfklamotten in Zeiten, in denen Nachhaltigkeit zu einem der beliebtesten Schlagworte geworden ist? Das ist ein Widerspruch und eine Realität, die wohl öffentlich angeprangert wird, an den Konsumgewohnheiten aber wenig ändert. Eingeläutet wurde die Entwicklung vor Jahrzehnten. Die heute staunenden Mütter haben den Siegeszug der Billiganbieter erlebt. An den ersten Besuch in der Filiale am Limmatquai in den 80er-Jahren ist die Erinnerung noch wach. Das Erstaunen darüber, dass Mode so günstig zu haben ist, war gross, und schnell gewöhnte man sich daran, dass Kleider einkaufen vom saisonalen Event zur wohl beliebtesten Freizeitbeschäftigung wurde.

Wenn es um günstige und modische Klamotten geht, da hat die Moral wenig Chancen. Und sollten sie dereinst Karawanen von seelig lächelnden Teenagern mit braunen Säcken und der entsprechenden Aufschrift an sich vorbeiziehen sehen, dann ist klar, dass die Expansion in die Schweiz erfolgreich war. (Lesen Sie auch: «Ist mein Style okay?»)

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt